Er waltet über das Gedächtnis der Stadt

von Redaktion

Christian Höschler ist der neue Stadtarchivar

Rosenheim – Christian Höschler ist der neue Leiter des Stadtarchivs. Er folgt auf Christopher Kast. Ein Gespräch mit dem gebürtigen Rosenheimer über das verstaubte Image seines Berufes, die NS-Zeit, Platzmangel im Archiv und die Erinnerungskultur.

Der Beruf des Archivars klingt etwas verstaubt.

Diejenigen, die das behaupten, würde ich gerne einladen, zu uns ins Stadtarchiv zu kommen, um diese Vorurteile abzulegen. Archive sind wahnsinnig spannende Orte und mit ihrer Arbeit auch immer sehr nah am Zahn der Zeit.

Und doch sind Archive in der Regel kein Besuchermagnet.

Was stimmt, ist, dass Archive früher tendenziell verschlossene Einrichtungen waren, wo nur wenige Menschen Zugang hatten. Das ist jedoch etwas, was sich seit einiger Zeit ändert. Diese Entwicklung hat auch das Rosenheimer Stadtarchiv durchlaufen und ich möchte sie weiter vorantreiben. So wollen wir künftig beispielsweise öfter Führungen anbieten.

Sie selbst sind erst seit einigen Monaten im Amt. Haben Sie schon jede Schublade des Archivs durchforstet?

Wir haben über 3000 Regalmeter Archivgut hier. Wenn ich alles kennenlernen wollen würde, würde ich bis zur Rente nur Seiten umblättern. Ich habe mir einen Überblick über die verschiedenen Bestände verschafft und exemplarisch kennengelernt, was sich in welcher Sammlung befindet. Wir haben Material aus verschiedenen Epochen – von mittelalterlichen Urkunden über frühneuzeitliches Verwaltungsschriftgut bis hin zu Karten, Plänen und Fotos aus der Zeitgeschichte.

Aber den ein oder anderen Höhepunkt gibt es sicherlich auch.

Natürlich. Da wären beispielsweise die Stadterhebungsurkunde von König Ludwig II. oder die Originaltagebücher der NS-Verfolgten Elisabeth Block.

Reicht der Platz im Stadtarchiv aus für all die Urkunden, Karten und Dokumente?

Im Moment reicht er gerade noch – wir sind aber schon zu knapp 98 Prozent ausgelastet.

Im Archiv sind rund 20 Prozent der Bestände digitalisiert. Weitere sollen folgen. Haben Sie keine Angst vor Hackerangriffen oder Computerabstürzen?

Es muss natürlich gewährleistet werden, dass auch digitales Schriftgut erhalten bleibt und in 50 oder 100 Jahren auch wirklich noch nutzbar ist. In den vergangenen Jahrzehnten hat es in der Archivwelt tragische Fälle gegeben, in denen digitalisiertes Material irgendwann nicht mehr lesbar war. Es konnte nicht mehr genutzt werden und war somit verloren. In Rosenheim sind wir hierzu gerade im Austausch mit anderen Stadtarchiven, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Wir wollen versuchen, herauszufinden, wie wir digitale Verwaltungsunterlagen am besten langfristig sichern können.

Was fasziniert Sie so an Rosenheim?

Ich bin gebürtiger Rosenheimer und bin hier auch zur Schule gegangen, daher habe ich einen persönlichen Bezug zur Lokalgeschichte. Zudem hat Rosenheim als eine der bedeutendsten Städte im südostbayerischen Raum, als Verkehrsdrehkreuz und Handelsstadt, einfach eine sehr spannende Historie. Mein fachlicher Schwerpunkt ist die NS-Geschichte. Rosenheim hatte die deutschlandweit zweite Ortsgruppe der NSDAP. Daher ist auch dieses Kapitel der Stadtgeschichte ein besonderes.

In der Stadt wird gerade diskutiert, ob Straßennamen mit NS-Bezug umbenannt werden sollten. Ihre Meinung?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit problematischen Straßennamen umzugehen. Man muss das immer im Einzelfall entscheiden. In Rosenheim werden jetzt problematische Straßennamen sukzessive auf ihre Bedeutung und ihren Benennungskontext überprüft. Die Zahl wird meiner vorläufigen Meinung nach überschaubar sein. Dann muss die Politik vorsichtig abwägen, ob es sich wirklich um Straßennamen handelt, die nicht mehr tragbar sind.

Hört sich an, als ob ein Aber folgt.

Befindet man sich in einem „Graubereich“, kann man Straßennamen auch durch die Anbringung zusätzlicher kleiner Schildchen kontextualisieren. Man muss nämlich immer auch bedenken: Wenn Straßennamen geändert werden, verschwinden diese aus dem städtischen Raum. Das kann im Extremfall dazu führen, dass man Geschichte unsichtbar macht. Und dann stellt sich natürlich die Frage, ob eine aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht der bessere Weg ist.

Wie läuft es damit Ihrer Meinung nach in Rosenheim?

Im Vergleich zu anderen Städten fand in Rosenheim in der Vergangenheit vergleichsweise wenig im Bereich Erinnerungskultur statt. Es gab zwar zivilgesellschaftliches Engagement und in der Folge kam es auch zu einigen Verlegungen von Stolpersteinen auf Privatgrund, doch erst kürzlich startete die Stadt mit dem „Rosenheimer Weg“ einen neuen Anlauf, um an NS-Verfolgte zu erinnern. Rosenheim hat wie gesagt eine besondere NS-Geschichte. Ich finde, da hat man als Stadt auch eine entsprechende Verantwortung, daran zu erinnern. Es ist daher sehr gut, dass Rosenheim sich nun verstärkt dieser Aufgabe widmet.

Wie stehen Sie zu einem zentralen Gedenken? Beispielsweise auf dem Max-Josefs-Platz?

Bei einem zentralen, großen Denkmal hat man mitunter den Nachteil, dass die Einzelschicksale, die sich hinter dem massenhaften Verfolgungsgeschehen verbergen, nicht wirklich sichtbar werden. Es ist schwierig, Empathie mit Opfern der NS-Verfolgung aufzubauen, wenn sie keine Gesichter und keine Namen haben. Deswegen finde ich das individuelle Gedenken in Form der neuen Gedenkzeichen gut, um für die Rosenheimer einen neuen Zugang zur Geschichte der NS-Verfolgung zu schaffen.

Die Stolpersteine sind in Rosenheim auf wenig Gegenliebe gestoßen.

Wichtiger als die Form des Erinnerns ist letztlich, dass überhaupt erinnert wird. Es gibt beim Thema Stolpersteine viele Argumente für und wider. Das ist auch ein Grund dafür, warum Debatten – übrigens nicht nur in der Stadt Rosenheim – in der Vergangenheit teils so hitzig geführt wurden. Dass es diese Diskussion gab und gibt, finde ich jedoch sehr gut. Dadurch zwingt sich eine Stadt wie Rosenheim dazu, ihre Erinnerungskultur vor Ort bewusst zu reflektieren.

Wie wichtig ist das Erinnern?

Es ist wichtig, dass wir auch weiterhin nach neuen Wegen der Erinnerung suchen. Immer weniger Personen haben einen persönlichen Bezug zur NS-Verfolgung. Es wird bald keine Menschen mehr geben, die selbst über die NS-Zeit berichten können. Wenn dieses wichtige Element des Erinnerns und der Vermittlung wegfällt, hat man als Gesellschaft die Verantwortung, die Erinnerung anderweitig wach zu halten.

Auch um zu verhindern, dass sich die Vergangenheit wiederholt?

Das ist auch ein Ziel des Erinnerns. Wir leben in Zeiten, in denen sich das politische Klima verschärft. Umgangsformen und die Grenzen des Sagbaren verschieben sich. Da ist es sehr wichtig, dass man die Erinnerung an die NS-Geschichte fördert und sich die Lehren aus der Vergangenheit bewusst macht.

Interview: Anna Heise

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