Kolbermoor – „Wir gehen aufeinander los, und das ohne Gnade. Und wenn dann noch Starrsinn und Hass hinzukommen, dann wird die Luft richtig eng.“ Das sagten Pfarrer Maurus Scheurenbrand und Pfarrerin Birgit Molnar bei der Einweihung der No-Hate-Skulptur vor dem Kolbermoorer Rathaus – einem „Denkmal auf Zeit“, das bis Oktober dort stehen wird. Damit brachten sie die Mahnung, die in dem Kunstwerk enthalten ist, auf den Punkt.
Hysterie im gegenseitigen Umgang
Doch sie beließen es nicht bei einer kritischen Verhaltensbeschreibung, sondern stellten einen Gegenentwurf vor – in Form eines Gebets von Franziskus von Assisi. Der sah die Aufgabe der Veränderung nicht bei den jeweils anderen, nicht in einem „Man müsste mal“, sondern genau bei sich selbst: „Herr, gib nicht, dass ich verstanden werde, gib, dass ich verstehe.“
Genau darum geht es auch bei der Skulptur: um einen offenen Umgang mit den Mitmenschen, ohne Vorurteil, ohne Vorverurteilung, ohne Schubladendenken. Zuhören und der Versuch, sich in den anderen hineinzudenken, das sei die Devise. So sahen es auch alle Redner der Einweihungsfeier: nicht nur Künstler Peter Witsch und Peter Elgaß, Vorsitzender des Fördervereins Europäisches Zentrum für zeitgemäße Metallgestaltung, der maßgeblich daran beteiligt war, das Kunstwerk nach Kolbermoor zu holen, sondern auch Bürgermeister Peter Kloo und Landrat Otto Lederer. Wie ein roter Faden zog es sich durch alle Beiträge: Es sind nicht nur die anderen, es sind nicht nur die Umstände, die dazu führen, dass im Kontakt untereinander immer schwerere Geschütze in Stellung gebracht werden. Otto Lederer und Peter Kloo kritisierten die sozialen Medien: Diese böten der Eskalationsspirale den Raum, den sie zur Entwicklung bräuchte. Aber die eigentliche Ursache für die Entwicklung zu immer mehr Hysterie im gegenseitigen Umgang liege woanders, im banalen Kleinklein des Alltags.
„Wir flippen ja mittlerweile schon aus, wenn an der Supermarktkasse irgendein anderer nicht schnell genug den Geldbeutel zückt oder zu lange nach dem passenden Kleingeld sucht“, meinte etwa Kolbermoors Stadtmarketingchef Christian Poitsch.
Ein „Netzwerk
des Lichts“ aus CDs
Er konnte gleich ein positives Gegenbeispiel anführen: Eigentlich hätte am Sonntag auch ein Projekt beginnen sollen, bei dem über die nächsten Wochen hinweg eine Art „Netzwerk des Lichts“ geknüpft werden soll – aus lauter kleinen Scheiben in CD-Größe, die an ihren Rändern das Licht brechen und reflektieren. Leider waren die Scheiben bis Sonntag trotz entsprechender Zusicherung des Herstellers nicht eingetroffen. Die Mangfalltaler Trachtler, die mit der Aktion hätten starten wollen, standen deshalb ohne CDs da. „Dennoch fiel kein einziges böses Wort, stattdessen wurde schnell und pragmatisch nach einem Ersatztermin gesucht“, stellte Christian Poitsch erleichtert fest. Das Knüpfen des Lichternetzes begann nun stattdessen am gestrigen Dienstag.
Überhaupt ist es das Kennzeichen der Ausstellung dieses „Denkmals auf Zeit“ vor dem Kolbermoorer Rathaus, dass dort nicht nur einfach einige Wochen lang eine Skulptur stehen wird, die ansonsten ohne Beziehung zum Stadtleben bleibt, sondern dass diese Dreh- und Angelpunkt für vielfältige Aktionen sein wird. Etwa 30 Veranstaltungstermine hat Christian Poitsch schon, und immer noch kommen neue hinzu – wie etwa die Idee von Pfarrer Maurus Scheurenbrand und Pfarrerin Birgit Molnar, am Freitag, 25. August, um 20 Uhr einen ökumenischen Friedenszug von der Stadtkirche zum Rathaus zu veranstalten. „Das war wirklich ein spontaner Einfall, der uns heute angesichts dieser Skulptur und der erheblichen Anzahl der Menschen, die sich hier eingefunden haben, gekommen ist“, sagte der Stadtpfarrer.
Für Bürgermeister Peter Kloo und für Landrat Otto Lederer ist die Bereitschaft von Vereinen und Institutionen, sich in den nächsten Wochen mit einzubringen, mehr als ein Hoffnungsschimmer: „Eine Stadt voller Leben, die Kolbermoor sein will“, so sagte Peter Kloo, „kann nicht von Zwietracht und Argwohn geprägt sein, sondern sie braucht vor allem eines: Gemeinschaftssinn.“