Rosenheim – Die Nächte sind für Ute Franke eine Qual. „Ab einem bestimmten Moment halte ich es einfach nicht mehr im Bett aus“, sagt sie. Vor vier Jahren habe es angefangen. Schleichend. Sie lag im Bett, hatte plötzlich das Gefühl, die Beine bewegen zu müssen. Es kribbelt, zieht und brennt.
Sie wälzt sich hin und her, wechselt von der Rücken- in die Bauchlage und wieder zurück. Irgendwann steht sie auf. Sie spaziert durchs Schlafzimmer. Hoch und runter. „Ich hatte schon Tage, da wäre ich vor lauter Müdigkeit fast im Stehen eingeschlafen“, sagt Franke. Doch sobald sie sich wieder ins Bett legt, kehrt das unangenehme Gefühl zurück in die Beine – und hindert sie am Einschlafen.
Weil sie nachts nicht zur Ruhe kommt, ist sie tagsüber erschöpft. Trotzdem geht sie täglich in die Arbeit, versucht, das Beste aus der Situation zu machen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie sucht ihren Hausarzt auf, recherchiert im Internet. Doch die Antworten bleiben aus. Bis ihr ein Neurologe schließlich die Erklärung liefert, auf die sie fast drei Jahre warten musste. Ute Franke leidet am Restless-Legs-Syndrom, was auf Deutsch in etwa soviel heißt, wie das Symptom der rastlosen Beine.
„Dabei handelt es sich um eine neurologische Erkrankung. Betroffene leiden unter einem Bewegungsdrang der Beine. Begleitend treten unangenehme, oft schmerzhafte Missempfindungen der Beine auf“, erklärt eine Sprecherin des Romed-Klinikums auf OVB-Anfrage.
Der Bewegungsdrang tritt ihr zufolge in Ruhesituationen, vor allem am Abend oder in der Nacht, auf. „Hierdurch wird, abhängig von der Ausprägung der Beschwerden, auch der Nachtschlaf teils massiv gestört“, sagt die Romed-Sprecherin. In Folge der gestörten Nachtruhe können Betroffene unter einer vermehrten Tagesmüdigkeit und Konzentrationsstörungen leiden.
Über die Ursachen des Restless-Legs-Syndroms können Experten im Moment nur spekulieren. „Es gibt Hinweise darauf, dass eine Störung im Eisenstoffwechsel des zentralen Nervensystems bei Betroffenen vorliegt“, sagt die Romed-Sprecherin. „Die Erkrankung wird mit zunehmendem Lebensalter häufiger. Patienten mit Nierenerkrankungen, Blutverlust mit nachfolgendem Eisenmangel und ältere Menschen mit mehreren anderen, oft internistischen Erkrankungen sind häufiger betroffen“, fügt sie hinzu.
Was genau die Erkrankung bei Ute Franke ausgelöst hat, weiß die Rosenheimerin nicht. Statt sich darüber Gedanken zu machen, hat sie ihre Zeit in den vergangenen Monaten genutzt, um eine Selbsthilfegruppe zu gründen. „Ich wollte eine Möglichkeit für Betroffene schaffen, sich auszutauschen“, sagt sie. Beim ersten Treffen seien sie zu fünft gewesen. Es wurde über die Erkrankung gesprochen, Erfahrungen mit Ärzten und darüber, wann die Symptome besonders schlimm sind. „Es ist Gold wert, zu wissen, dass ich nicht alleine bin“, sagt Franke.
Auch, weil die Krankheit nicht heilbar ist. „Findet sich eine behandelbare Ursache der Erkrankung – zum Beispiel Eisenmangel – können sich nach deren Beseitigung die Symptome vollständig zurückbilden. Ansonsten ist die Erkrankung nicht heilbar, aber in Bezug auf die Symptomkontrolle gut zu behandeln“, sagt die Romed-Sprecherin. Wirksam seien ihr zufolge Substanzen, die die Wirkung des Botenstoffes Dopamin im Zentralen Nervensystem verstärken oder nachbilden. Bei schwereren Formen könnten auch Opioide oder andere Wirkstoffe zum Einsatz kommen.
Ute Franke hat mittlerweile einen Weg gefunden, mit der Krankheit umzugehen – mal besser und mal schlechter. Ihr geht es vor allem darum, die Krankheit bekannter zu machen. Und darauf zu hoffen, dass es irgendwann eine Heilung gibt. Bis dahin werden ihre Beine rastlos und einige Nächte eine Qual bleiben.