Szenen einer Berufsberatung – Neue Ideen gegen den Fachkräftemangel

von Redaktion

Künstlerisch inszenierte und erfrischende Live-Talk-Show zum Pflegeberuf an der Rosenheimer Mädchenrealschule

Rosenheim – Aufgeregte Schülerinnen, professionell geschminkt und eine Bühne mit rotem Sessel und mehreren großen Milchkannen waren mit perfekter Lichttechnik in Szene gesetzt. Es erinnerte mehr an eine Theaterpremiere als an eine Berufsberatung zum Thema „Pflegeberufe“. Die Mädchenrealschule veranstaltete im Rahmen ihrer alljährlichen Projektwoche für die 9. Klassen diese szenische Berufsberatung in Form einer Live-Talkshow.

Eingeladen waren Expertinnen, die von Jutta Röckelein befragt und deren Geschichten anschließend von Schülerinnen in Theaterform nachgespielt wurden. Theaterpädagogin Röckelein tourt seit 2020 im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege durch Bayern und vermittelt Inhalte und die Bedeutung der Ausbildung. Auch geladene Gäste waren an diesem Vormittag im Publikum: Gabriele Leicht, Stadträtin und Dritte Bürgermeisterin der Stadt sowie Stadträtin Astrid Schenck. Sie waren begeistert von der Veranstaltung. „Wir haben in den letzten drei Jahren bereits Personal aufgestockt, auch im ambulanten Bereich. Doch es werden dringend Fachkräfte gesucht, auch, um unsere Patienten zu entlasten und besser versorgen zu können“ so Schenck, die den Gesamtbereich Sozial- und Entlassmanagement der Romed-Kliniken leitet. Magdalena Singer, Direktorin der Mädchenrealschule Rosenheim, erzählte: „Ich bin selbst gelernte Krankenschwester, habe später studiert. Der Beruf der Pflegefachfrau oder des Pflegefachmannes deckt ein so großes Spektrum ab, macht euch einfach selbst einen Eindruck.“ Und so berichtete zu Beginn Annemarie Weigl vom ambulanten Pflegedienst der Caritas Bad Aibling aus ihrem Berufsalltag. Der große Vorteil einer ambulanten Pflege sei, dass der Patient so lange wie möglich zu Hause leben könne. „Dass die Kinder neben den Eltern leben und sich intensiv um sie kümmern können, ist in der heutigen Zeit sehr selten. Da ist es oft so, dass wir zu einem richtigen Familienmitglied der Patienten werden. Und das ist wunderschön!“

Auch beim Krankheitsbild Demenz ist der Beruf der Pflegefachkraft unentbehrlich. „Die Patienten werden täglich positiv angesprochen, ernst genommen, immer bestens versorgt. So hat man dann schnell einen guten Draht“, so Annemarie Weigl. Was sie an ihrem Beruf am meisten lieben würde, fragte Moderatorin Jutta Röckelein. „Die Vielfältigkeit! Ich bin aktiv unterwegs, in Bewegung, mit den Menschen im direkten Kontakt. Der Beruf ist eine große Bereicherung für mich – auch im privaten Umfeld.“ Arbeitslosigkeit brauche man auch nie fürchten, schwärmte die Aiblingerin.

Doina Renges, Schulleiterin der Berufsfachschule für Pflege in Rosenheim, erzählte davon, wie sie selbst im Pflegeberuf Karriere machte. Von der Krankenschwester in einem rumänischen Krankenhaus über die Ausbildung zur Altenpflegerin in Deutschland, dem Bachelor im Bereich der Pflegepädagogik, dem Master in Berufspädagogik – bis zu ihrem heutigen Job als Schulleiterin. „Der Pflegeberuf ist durch die Generalistik absolut zukunftsorientiert, zukunftssicher und auch endlich international anerkannt. Man kann sogar Pflegewissenschaften studieren“ so Renges.

Damit die Auszubildenden bestmöglich lernen, wie sie mit Patienten umgehen können, gibt es an der Schule sogenannte „Skills Labs“, Fähigkeitslabore. „Hier erschaffen wir einen dritten Lernort für die Auszubildenden, damit sie mit den Puppen oder Schauspielern zuerst die Behandlungen und Tätigkeiten am Bett mit dem Patienten in einem geschützten Raum üben können“, so Renges.

Still wurde es in der Aula, als Renges die nächste Szene erklärte: Die Palliativstation. „Ziel ist es hier nicht, gesund zu pflegen, sondern zu umhüllen, Schmerzen zu lindern und den Menschen würdevoll sterben zu lassen“, antwortete die Schulleiterin auf die Frage, wie man dort am besten mit dem Tod umgehe.

In der folgenden Darstellung auf der Bühne wurde der letzte Wunsch der Patientin Thea erzählt. Sie wünschte sich eine Abschiedsparty mit all ihren Freunden und der Familie. Die Pflegefachkraft solle die Einladungen verteilen und das Fenster öffnen, sie möge nicht mehr weiter leben.

„Wir leben nach den Werten des ICN-Kodex“ beendet Doina Renges ihre Ausführungen. Laut dem ICN-Kodex zeigen Pflegefachpersonen professionelle ethische Werte wie Respekt, Gerechtigkeit, Empathie, Verlässlichkeit, Fürsorge, Mitgefühl, Vertrauenswürdigkeit und Integrität.

Als dritte Expertin wurde an diesem Tag die Praxisanleiterin der Berufsfachschule für Pflegeberufe in Rosenheim, Gabriele Lamminger begrüßt. Sie arbeitet auf der Kinderstation der Neuropädiatrie der Schön-Klinik in Vogtareuth. „Wir arbeiten verzahnt miteinander, zwischen Theorie in der Schule und Praxis auf der Station“, erzählte sie. Ihre spezielle Aufgabe sei es, in ihrer täglichen Arbeit Eltern anzuleiten, wie sie ihr Kind zum Beispiel nach einem Unfall versorgen. „Man muss mit Kindern arbeiten können und wollen, man sollte empathisch sein und seinen Job lieben.“ In der Ausbildung lerne man auch, zu beobachten, auf Körpersprache zu achten und vielleicht auch anders zu kommunizieren, wenn das Kind sich nicht mehr selbst ausdrücken kann. „Doch die Beratung liegt hier im Fokus, denn die Eltern müssen geschult werden. Das Team auf Station ist dann für die Kinder oft wie eine separate kleine Familie und man selbst geht mit jedem kleinen Menschen auch eine kleine Bindung ein. Man lindert Leiden, man arbeitet im Team und mit Kindern! Das liebe ich so an meinem Beruf.“ Magdalena Singer, die Schulleiterin der Mädchenrealschule Rosenheim schloss die Veranstaltung mit den Worten: „Ein wertschätzender Umgang, ein freundliches Lächeln, das macht eine unglaublich gute Stimmung. Gerade, wenn man im Beruf mit kranken Menschen zu tun hat. Es kommt so unsagbar viel zurück und ich kann euch sagen: Wenn das ein Berufswunsch wäre, dann schaut es euch an!“

Auch der Fachkräftemangel in der Pflege ist natürlich Thema „Umso wichtiger ist es deshalb, dass Veranstaltungen wie diese abgehalten werden, um junge Menschen neugierig zu machen, auf diesen so vielfältigen Beruf“, so Singer. Für Interessierte bietet zudem der ambulante Pflegedienst der Caritas in Bad Aibling Praktikumsstellen an. Susanne Grun

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