Rosenheim – 563 Euro pro Monat. So viel erhalten Bürgergeld-Empfänger seit dem 1. Januar 2024. Das sind 61 Euro mehr als noch im vergangenen Jahr. Mit diesem Geld müssen sie unter anderem Einkäufe, Tickets für Bus und Bahn und auch die Stromkosten für die eigene Wohnung bezahlen.
Welcher Anteil von den 563 Euro wofür vorgesehen ist, ist dabei ganz genau berechnet. So sind pro Monat rund 42,58 Euro für den Bereich „Wohnen, Energie, Wohninstandhaltung“ eingeplant. Doch das reicht in vielen Fällen nicht mehr aus. Denn die Strompreise steigen voraussichtlich weiter – alleine schon wegen der Abschaffung der Subventionierung der Netznutzungsentgelte.
Strom teurer als im
Regelsatz vorgesehen
Bei einem Jahresverbrauch von 1500 Kilowattstunden Strom zahlt der deutsche Durchschnittsverbraucher laut dem Vergleichsportal „Check24“ insgesamt 641 Euro. Zum Vergleich: Der jährliche Bürgergeld-Betrag für Energie liegt bei 511 Euro. Damit kostet Strom im Schnitt 130 Euro mehr als im Regelsatz vorgesehen.
„Die Betroffenen stehen finanziell mit dem Rücken zur Wand. Stromschulden und Stromsperren sind die Folge. Aber ohne Strom gibt es kein Licht und kein warmes Essen, können Lebensmittel nicht gekühlt und Hausaufgaben nicht erledigt werden. Strom ist unverzichtbar; er gehört zum Existenzminimum“, heißt es in einem Antrag der Linken an die Bundesregierung zu diesem Thema.
Die steigenden Kosten in allen Bereichen – auch beim Strom – ziehen Folgen nach sich. „Das wird wieder Leute zu uns treiben“, erwartet Peter Kaiser vom gemeinnützigen Verein „Rosenheimer Leibspeise“. Zu ihm kommen überwiegend Menschen, die Bürgergeld beziehen. Aber auch Rentnerinnen und Rentner, die von ihren Bezügen kaum leben können, holen sich bei der „Leibspeise“ Lebensmittel. „Die Leute werden künftig mehr zu uns strömen“, erwartet Kaiser auch in Hinblick auf die steigenden Stromkosten. „Wenn sie den Mut haben“, sagt er. Denn viele Menschen schämen sich. Dabei ist das, so Kaiser, absolut nicht nötig. „Wir nehmen die Leute sehr ernst.“
Thema Scham
spielt große Rolle
Doch das Thema Scham spielt psychologisch gesehen eine große Rolle, wenn es um das Thema Finanzen geht. „Der Begriff Bürgergeld, früher Hartz IV, weckt gewisse Assoziationen. Das ist kein Label, welches man im sozialen Umfeld haben möchte“, erklärt Florian Becker, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Technischen Hochschule in Rosenheim. Hinzu käme dann noch der psychologische Effekt der „selbsterfüllenden Prophezeiung“. Das bedeutet: Wenn Menschen eine gewisse Erwartung an eine Person haben, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass diese Erwartung auch so eintreten wird. „Das hört sich erst mal ein bisschen esoterisch und verrückt an, wurde aber in Untersuchungen bestätigt“, sagt Becker.
Zudem hätten der ständige Gedanke an und die Sorgen um Geld einen eher negativen Einfluss auf das Verhalten von Personen. „Man hat beispielsweise festgestellt, dass Menschen, wenn sie vorher mit dem Thema Geld konfrontiert waren, anschließend weniger bereit sind, anderen zu helfen“, erklärt der Diplompsychologe. Außerdem essen Menschen, die viel an Geld denken, mehr. Denn: „Aus verschiedenen Untersuchungen weiß man, dass das Denken an Geld gieriger macht.“ Die finanzielle Not, die die steigenden Energiepreise mit sich bringt, hat also auch einen enormen Einfluss auf die Psyche der Betroffenen.
Das sagen
die Jobcenter
In Rosenheim scheint die Lage nach Angaben der Jobcenter in Stadt und Landkreis noch vergleichsweise entspannt, was das Thema Stromkosten im Bürgergeld-Bezug angeht. „Beiden Jobcentern sind nur wenige Klagen von Bürgergeld-Beziehern über hohe Stromkosten bekannt“, erklärt eine Sprecherin auf OVB-Anfrage. Wer seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann und bereits Schulden beim Stromanbieter angehäuft hat, kann bei seinem Jobcenter einen Antrag auf ein Darlehen stellen.
„Die Zahlen zu Darlehen bei Energieschulden ist in beiden Jobcentern gering und dürfte sich auf das Jahr gesehen jeweils im niedrigen zweistelligen Bereich halten“, sagt die Sprecherin der Rosenheimer Arbeitsagentur. Genaue Zahlen kann sie allerdings nicht nennen, es handle sich lediglich um Schätzungen der beiden Jobcenter von Stadt und Landkreis.
Auch der Sozialverband VdK in Rosenheim vermeldet hier noch keinen gesteigerten Beratungsbedarf. „Tendenziell haben wir weniger Anfragen zum Bürgergeld. Das sieht in Großstädten vermutlich anders aus“, erklärt VdK-Kreisgeschäftsführer Dietrich Mehl.
Größer werdende
Schuldenlast
Tatsächlich sind die Stromkosten gerade in Großstädten wohl für viele Bürgergeld-Bezieher ein Problem. „Monatlich fließt circa die Hälfte unserer Soliausgaben an Haushalte, die ihre Stromnachzahlungen nicht stemmen können oder bereits mit Stromsperren konfrontiert werden“, erklärt Helena Steinhaus, Gründerin des Vereins „Sanktionsfrei“. Der Verein setzt sich für die Rechte von Bürgergeld-Empfängern ein und unterstützt sie bei Auseinandersetzungen mit dem Jobcenter. „Insgesamt wird die Schuldenlast unter Bürgergeld-Empfängern aber einfach größer: Neben Darlehen für die Nachzahlung müssen ja auch gestiegene monatliche Abschläge gezahlt werden“, erklärt Steinhaus. Sie weiß auch, dass es oft zu lange dauert, ein Darlehen bei Stromschulden zu beantragen. „Viele Menschen schicken uns bereits eine Sperrankündigung.“ Gerade wenn bereits Darlehen bei Jobcentern bestehen, würden Stromdarlehen oft nicht mehr genehmigt. Die Folge ist im schlimmsten Fall eine Stromsperre. Die Betroffenen sitzen dann wortwörtlich im Dunkeln.
Um die angespannte Situation für viele Bürgergeld-Bezieher zu lösen, fordert die Linke, im Bürgergeld die Stromkosten in voller, tatsächlicher Höhe zu übernehmen – genauso wie es bei den Heizkosten der Fall ist. Auch Steinhaus befürwortet das: „Mit 563 Euro im Monat lassen sich die gestiegenen Abschläge und Nachzahlungen nicht stemmen.“