Rosenheim – Wie kann es gelingen, Mädchen und Frauen mit Migrations- oder Fluchthintergrund zu einem selbstbestimmten Leben zu verhelfen? Dieser Frage ist das von der EU geförderte Projekt „Hidden Diamonds“ nachgegangen. Das Projekt vernetzt erfolgreiche Frauen mit Migrationshintergrund und ermutigt sie, sich als Vorbilder für andere junge Frauen mit Migrationshintergrund einzusetzen. Wie das Projekt in der Region funktioniert hat, verrät Susanne Ebersberger von „Startklar Soziale Arbeit“ im exklusiven Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.
Warum liegt Ihnen das Projekt „Hidden Diamonds“ am Herzen?
Wie kann es einem nicht am Herzen liegen, unsere Gesellschaft anzuregen, kritischer zu sein, sich und andere zu hinterfragen? Vor allem in den vergangenen Jahren habe ich mich, beruflich wie privat, mit interkulturellen Themen und mit diskriminierungssensibler Sprache befasst. Ich habe mich auf eine rassismuskritische Reise begeben. Ich lerne jeden Tag aufs Neue, rassismuskritisch zu denken und Perspektivenwechsel vorzunehmen, um das Konstrukt des Rassismus zu verstehen und vor allem auch, was das mit mir als weißer Mensch zu tun hat. Ich bin Mutter zweier afrodeutscher Mädchen. Das motiviert mich natürlich zusätzlich.
Im Rahmen des Projekts „Hidden Diamonds“ versuchen Sie starke, erfolgreiche Frauen mit Migrationshintergrund als Vorbilder für Mädchen zu gewinnen.
Vielmehr ging es darum, Frauen zu finden, die Lust haben, über sich zu erzählen: Die ein Leben nach ihren Vorstellungen leben, ihren eigenen Weg gehen und sich immer wieder starkgemacht haben, vor allem für sich selbst. Für sich einzustehen, seine Ziele zu verfolgen, Rückschläge anerkennen, Verletzungen heilen lassen, ist für jeden Menschen eine Herausforderung.
Wie schwierig war es in einer Stadt wie Rosenheim, Frauen mit Migrationshintergrund zu finden, die sich selbst als erfolgreich bezeichnen?
Sehr schwierig. Wir haben kaum Lehrerinnen gefunden, niemanden bei der Polizei, keine Professorin an der Hochschule, keine Politikerin, die wir gewinnen konnten. Das bedeutet demnach, dass Frauen mit Migrationshintergrund hier deutlich unterrepräsentiert sind. Dies sollte uns zu denken geben, denn so gibt es ja auch kaum Vorbilder für Mädchen mit Migrationshintergrund.
Wie soll das Projekt „Hidden Diamonds“ dabei helfen, die Situation zu verbessern?
„Hidden Diamonds“ diente zunächst dazu, mit Frauen darüber zu sprechen, wie es ihnen gelungen ist, trotz der erschwerten Rahmenbedingungen erfolgreich zu werden und daraus ein Handbuch für die Soziale Arbeit und den Bildungsbereich zu erstellen. Im nächsten Schritt wollen wir ein soziales Netzwerk – virtuell und analog – mit den Frauen gründen, um Frauen zu vernetzen, auf Veranstaltungen hinzuweisen und eine Beratung anzubieten.
Warum ist das so wichtig?
Wir haben in unserer Arbeit die Erfahrung gemacht, dass Vorbilder, vor allem solche, mit denen sich Jugendliche identifizieren können, eine hohe Wirkung haben. Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen oder gemacht haben, fällt es oft leichter, andere gezielter zu unterstützen. Frauen mit Migrationshintergrund sind aber an Schulen, in der offenen Jugendarbeit und in anderen Bereichen, in denen Mädchen Zeit verbringen, in unserer Region teils immer noch kaum vertreten.
Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?
Es begegnet mir häufig in der Arbeit oder an Schulen, dass Lehrkräfte Schwierigkeiten haben, sich kultursensibel zu verhalten, diskriminierungssensible Sprache zu verwenden und rassistische Muster gar nicht erst erkennen. Es geht hierbei nicht darum, immer alles richtigzumachen, aber ich würde mir wünschen, dass Menschen bereit sind, rassismuskritisch zu leben, sich und andere zu hinterfragen. Es muss sich strukturell etwas verändern. Es müssen sowohl für Kinder als auch für Erwachsene Möglichkeiten geschaffen werden, sehr gut Deutsch zu lernen und Netzwerke aufzubauen. Wir brauchen eine offene Gesellschaft, die Vielfalt nicht als Bedrohung erlebt. Interview: Anna Heise