Rosenheim – Für einen kurzen Moment ist es still, dann stürmen rund 200 Polizisten durch die Unterführung am Rosenheimer Bahnhof. Ihr Ziel: Gleis 7. Dort ist vor wenigen Minuten ein Zug aus München eingefahren – mit einer fast 30-köpfigen Fangruppe, die schon während der Fahrt randaliert und gepöbelt hat. Einige tragen Fußballtrikots, andere haben einen Schal um ihr Gesicht gebunden. Sie schreien, beschimpfen die Polizisten.
Simulation unter realen Bedingungen
„Alle Bullen sind Schweine“, hallt es über den Bahnhof. Einige der Fans pöbeln die Beamten direkt an, drohen ihnen dabei, dass sie eins „auf die Fresse“ bekommen. Die Atmosphäre ist angespannt, die Stimmung gedrückt. Über ein Megafon ergreift Einsatzleiter Ludger Otto das Wort: „Sie beeinflussen die Dauer der Maßnahme, ich appelliere an Ihre Kooperation“, sagt er an die Fans gewandt. Kurz ist es leise, dann beginnt eine neue Choreo. Die Fans schreien, hüpfen über den Bahnsteig. Vereinzelt werden Polizisten angerempelt. Plötzlich kommt es zur ersten Festnahme. Weitere folgen.
Fast könnte man meinen, es handelt sich um einen realen Einsatz. Dann fällt der Blick auf die Anzeige des Zuges, auf der in orangefarbener Schrift das Wort „Polizeiübung“ steht. Zwischen den Beamten, die eine komplette Schutzausrüstung tragen, stehen immer wieder Polizisten mit einem Klemmbrett. Sie machen sich Notizen, beobachten das Geschehen. Gelegentlich besprechen sie sich mit ihren Kollegen.
„Eine Übung in dieser Größe hat es in den vergangenen Jahren nicht gegeben“, sagt Rainer Scharf, Pressesprecher der Rosenheimer Bundespolizei. Rund 200 Beamte nutzten den Rosenheimer Bahnhof am Mittwoch und Donnerstag als ihre Übungsstätte. Sie trainierten Festnahmen und Durchsuchungen von Personen. „Die Übung dient zur Sicherheit und der Verbesserung von polizeilichen Maßnahmen“, ergänzt Scharf. Denn Einsätze, wie an diesem Vormittag geübt, kommen tatsächlich immer wieder vor. Sei es nach Fußballspielen oder auf der Rückreise vom Oktoberfest – gerade dann, wenn Alkohol im Spiel ist. „Ziel ist es, dass alles so geordnet wie möglich abläuft“, sagt Scharf. So liege das Augenmerk zuerst darauf, die „friedlichen Zuginsassen“ von den anderen zu trennen. Mithilfe einer Kamera wird das Geschehen aufgezeichnet, um möglicherweise weitere Straftaten zu dokumentieren.
Zwischenrufe
und Festnahmen
Anschließend kümmern sich die Beamten um die Randalierer und Unruhestifter. So wie beispielsweise während der Übung am Bahnhof. Einige von ihnen wurden festgenommen und zu den Einsatzfahrzeugen am Ausgang geführt. „Dort können jetzt bereits die ersten Befragungen stattfinden“, erklärt Scharf. Zudem können die Beamten in den Fahrzeugen Fingerabdrücke nehmen und sich mit der Staatsanwaltschaft über das weitere Vorgehen austauschen. „Dann wird entschieden, ob die mutmaßlichen Täter auf die Dienststelle oder direkt zum Gericht gebracht werden“, sagt der Pressesprecher.
Kurz wird er von einem Zwischenruf unterbrochen. Nur wenige Meter von ihm entfernt hat es schon die nächste Festnahme gegeben. Eine junge Frau, ganz in Rot gekleidet, wird von drei Polizisten abgeführt. Sie regt die Faust in die Höhe und beschimpft die Polizisten. Im Hintergrund hört man Jubel. Dann verschwindet die junge Frau. Beendet ist die Übung damit noch lange nicht.