„Jeder Held hat seine Schattenseite“

von Redaktion

Interview Dr. Jennifer Morscheiser über die Unterscheidung von Gut und Böse

Rosenheim – Von den einen verehrt, von den anderen verachtet. Die Ausstellung im Lokschuppen zeigt: Auch Helden sind nicht perfekt. Dabei könnte man meinen, die Gesellschaft hätte das Bild von einem Helden klar definiert: Muskulös, strahlend und immer moralisch richtig muss er sein. Ein Vorbild, dem jeder nacheifern möchte. Dr. Jennifer Morscheiser, Ausstellungsleiterin des Lokschuppens, erklärt im OVB-Gespräch, warum auch Mutter Teresa eine dunkle Seite hatte.

Warum bezeichnen wir jemanden als Helden?

Helden müssen immer Personen sein, die irgendwas über die Norm hinausgehendes tun und die damit andere hinter sich versammeln können, die sagen: „Du bist ein Held.“ Man muss zum Helden gemacht werden.

Bedeutet ein Held zu sein auch immer ein Vorbild zu sein?

Nein, es ist nicht unbedingt miteinander verknüpft. Also bei einem Superhelden wie Iron Man oder auch Herakles glaube ich nicht, dass man sie als direktes Vorbild sieht. Auch nicht unbedingt als moralischen Kompass. Das würde ich an dieser Stelle differenziert sehen.

Wer sind die umstrittensten Helden in Ihrer Ausstellung?

Ich glaube, dass Stauffenberg eine der Figuren ist, die durchaus umstritten ist. Denn seine Position wird immer wieder wechselhaft betrachtet. Aber auch Bismarck, oder so ganz klassische Figuren wie Robin Hood, Greta Thunberg. Ein Teil der Menschen sieht sie als Helden, andere als absolut unmöglich. Gerade bei Greta Thunberg ist der Grad zwischen Hero und Zero ganz schmal. Sie polarisiert bei jedem Auftritt.

Warum reiht sich Mutter Teresa unter die umstrittenen Helden ein?

Also der Aspekt, wieso sie seliggesprochen wurde, ist absolut klar. Aber es gibt auch immer wieder Berichte über Zustände in den von ihr betreuten Einrichtungen, in denen die medizinische Versorgung angezweifelt wurde. Die Leute litten teilweise unter Hunger und unter schlechten hygienischen Bedingungen. Dadurch sind viele Vorwürfe aufgekommen, dass sie so viel Spendengelder einsammelte, aber dann trotzdem so etwas noch duldete. Das macht sie ebenfalls zu einer ambivalenten Figur. Und wir haben sie extra gewählt, weil sie erst mal über diesen Heiligenschein als moralisch gilt. Mit solchen klaren Bildern möchten wir in der Ausstellung brechen.

Muss denn ein Held immer moralisch gut sein?

Das ist eine sehr komplizierte Frage. Denn für das, wofür wir sie als Held betrachten, ist so ein moralischer Grundkompass schon wichtig. Doch gerade bei den Superhelden-Geschichten ist es oft so, dass die Figuren, die moralisch fragwürdig sind, durchaus die interessanteren Superhelden sind. Batman ist da eine sehr gute Figur, denn er hat manchmal ganz massive Gewaltausbrüche und macht Dinge, die man eigentlich nicht als moralisch ansieht. Bei realen Personen ist es noch viel schwieriger, zu sagen, ob man wirklich immer in allen Lebenslagen moralisch einwandfrei und perfekt sein muss. Ich glaube, so kann eigentlich gar kein realer Mensch sein.

Wieso hat es die Ballerina aus dem Disney-Film „Reflect“ in die Ausstellung geschafft?

Das ist der erste Disney Film, bei dem die Hauptdarstellerin als Plus-Size dargestellt ist. Na gut, es ist nur ein fünfeinhalb Minuten langer Kurzfilm. Aber es zeigt, dass auch Disney langsam anfängt, über solche Körperbilder nachzudenken.

Müssen Helden bestimmten Schönheitsidealen entsprechen?

Im ersten Moment, wenn man an Heldinnen und Helden denkt, hat man schon diese Körperideale vor sich. Also das Sixpack, die muskulösen Körper, besonders groß, schön und strahlend. Aber wir zeigen in der Ausstellung auch ganz deutlich, dass das nicht immer so sein muss. Es gibt auch immer Figuren, die anders aussehen und auch mit einem anderen Körper heldenhafte Taten vollbringen können.

Verändert sich das Verständnis des Heldentums im Laufe der Zeit?

Ich glaube, dass sich das Verständnis immer wieder in Teilen ändert, aber in groben Mustern gleich bleibt. Die Erzählungsformen der klassischen Heldenreise, die funktionieren schon seit der Antike bis in die aktuelle Zeit rein. Gerade in unserer Geschichte als Deutsche sieht man sehr schön, dass unser Umgang mit Helden ein anderer ist. Die Generation, die am Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, hatte unter dem Begriff Helden ganz eindeutig noch den Kriegshelden vor Augen, der für mich, bis vor wenigen Monaten, quasi bedeutungslos war. Für mich war eine Kriegsrealität einfach sehr weit weg und die damit verbundenen Heldentaten im Kampf mindestens genauso abstrakt. Die aktuelle politische Situation hat das verändert. Das ist ein ganz reales Zeichen von gewandeltem Heldenbild.

Hat sich Ihr Blickwinkel auf einen Helden während der Organisation der Ausstellung verändert?

Was sich für mich verändert hat, ist, dass ich vor der Ausstellung nicht wirklich zwischen Idolen und Helden unterschieden habe. Als ich angefangen habe mit den Ausstellungsvorbereitungen, war für mich erst mal diese Unterscheidung wichtig. Weil als Idol kann ich auch eine Popband oder so was haben, die keine eigentlichen Heldentaten vollbringen. Im Laufe der Beschäftigung mit so vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten wird man ein bisschen abgeklärter. Denn gerade der Aspekt, jeder Held hat auch eine Schattenseite, ist in dieser Zeit einfach weiter nach oben gekommen. Aber die größte Erkenntnis bei der Ausstellung war für mich: Egal was man macht, egal welche Tat man vollbringt, zum Held sein gehört auch immer noch die Anhängerschaft. Also die, die einen zum Helden machen.

Interview: Amelie Marschall

Artikel 9 von 11