Rosenheim – Eine kleine Kapelle Am Gangsteig, eine für den Durchgangsverkehr gesperrte schmale Straße zwischen Fürstätt und Kolbermoor, lädt Fußgänger und Radfahrer zum Verweilen ein. Das dreieckige Giebelfeld ziert ein bewegtes Gemälde, das den heiligen Martin hoch zu Ross zeigt, der einem knienden Bettler die Hälfte seines Mantels spendet. Geschaffen hat die lebendige Szenerie der Münchner Kirchenmaler und Restaurator Sebastian Hausinger im Jahre 1962.
Im Volksmund wird die Kapelle, die eigentlich der heiligen Maria als Patrona Bavariae geweiht ist, Fliegerkapelle genannt. Denn sie erinnert auch an den Absturz der beiden bayerischen Militärflieger Leutnant Karl von Lohr und Unteroffizier Mathias Meier, die hier im Ersten Weltkrieg am 13. April 1915 tödlich verunglückten. Dem Wunsch der Eltern um den Bau einer Erinnerungskapelle kam die Stadt unter Bürgermeister Josef Wüst gerne nach, sollte die neue Kapelle doch auch als Ersatz dienen für eine Kapelle, die 1847 der Fürstätter Bauer Kiener hatte errichten lassen, und die ab Herbst 1915 nicht mehr erreichbar war, da sie nun im umzäunten Gelände der „Sanierung“ an der Oberaustraße lag.
Den Baugrund stellte der Fürstätter Bauer Josef Huber zur Verfügung, die Pläne fertigte der Rosenheimer Stadtbaurat Ferdinand Schlögl. Die Kapelle, mit deren Bau 1916 begonnen worden war, geriet im Winter 1918/19 in die Schusslinie der Revolutionskämpfe und wurde schwer beschädigt.
Es dauerte einige Jahre bis der hübsche neubarocke Bau mit seiner säulengestützten Vorhalle wieder hergestellt war. Erst am 10. Mai 1925 konnte Expositus Franz Xaver Thoma die Kapelle weihen. Das Giebelfeld hatte der Rosenheimer Maler Michael Licklederer (1863-1948) mit einem Gemälde des heiligen Georg, dem ritterlichen Kämpfer gegen alles Böse, geziert.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kapelle dann am 16. Februar 1945 bei einem Luftangriff bis auf die Grundmauern zerstört. 1947 wurde die Kapelle in vereinfachten Formen wieder aufgebaut und im Jahr darauf durch den Geistlichen Georg Lipp geweiht. Nach mehreren Einbrüchen und Diebstählen, bei denen 1961 auch das Schloss des Eingangsgitters gesprengt wurde, musste die Kapelle dringend renoviert werden.
Als besonderer Förderer der Renovierungsarbeiten zeichnete sich Dr. Martin Beilhack (1904-1979) aus. Der Seniorchef der gleichnamigen Rosenheimer Maschinenfabrik beauftragte den damals 74-jährigen Sebastian Hausinger mit der künstlerischen Gestaltung des bis dato noch leeren Giebelfeldes. In der zweiten Maiwoche des Jahres 1962 schuf der Münchner Kirchenmaler und Restaurator innerhalb weniger Tage das Giebelgemälde.
Das Thema hatte sich allerdings grundlegend geändert. Nicht mehr der heilige Georg wurde abgebildet, sondern nun der Namenspatron des Stifters, der heilige Martin. Der Fürstätter Pfarrer Otto Stauß weihte Ende Mai 1962 die Kapelle, die auch an die Toten der beiden Weltkriege als Kriegerkapelle erinnert, und das Gemälde. Die von Bürgermeister Josef Wüst zum Bau 1916 gestiftete Figur der Patrona Bavariae, ein Werk eines Münchner Bildhauers und eine getreue, kleine Kopie der Muttergottes vom Münchner Marienplatz, die alle Ereignisse unbeschadet überstanden hatte, konnte aus der Rosenkranzkirche wieder zurückkehren.
Wer das Werk von Sebastian Hausinger erkunden möchte, dem sei ein Ausflug auf den Samerberg empfohlen, wo der Künstler 1924 bis 1926 in den Kirchen von Törwang, Rossholzen und Grainbach vielfältig tätig war.
Eines seiner Hauptwerke ist die Ausmalung der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Törwang, wo er in dem farbkräftigen Deckengemälde des Langhauses nicht nur sich als Arme Seele im Fegefeuer sondern auch Pfarrer Josef Dürnegger und Kaplan Josef Birnkammer an der Spitze einer Prozession porträtiert hat.
Erfreulicherweise wurde die Fliegerkapelle, die sich im Besitz der Stadt Rosenheim befindet, in die Denkmalliste des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege aufgenommen; allerdings mit einem kleinen Fehler, das Giebelfresko des heiligen Martin stammt nicht von 1947, sondern von 1962.