Ruf nach Kastrationspflicht wird lauter

von Redaktion

Augengeschwüre, Lungenentzündung und Gewichtsverlust: Frei lebende Katzen sind oft krank und leiden. Tierheime und ehrenamtliche Mitarbeiter fordern jetzt die Einführung der Katzenschutzverordnung in Rosenheim. Das hätte auch teure Auswirkungen auf die Katzenbesitzer.

Rosenheim – Ein kleiner, schwarz-weißer Kater windet sich vor Schmerzen. Beide Augen sind geschwollen. Immer wieder fangen sie an zu tränen. Der Körper ist dürr. Dass der junge Kater wieder sehen kann, sei großes Glück. Er hat Katzenschnupfen. Eine hochansteckende Infektionskrankheit, die mit Atemnot, Niesen, Husten und entzündeten Augen einhergeht. Ein Leid, das er mit vielen Artgenossen sein Leben lang teilt. Solche Bilder begleiten Anna Thomalla fast täglich. Ein Ende scheint noch nicht in Sicht.

Katzenhalter
stünden in
der Pflicht

Seit 20 Jahren engagiert sich Thomalla ehrenamtlich für Tiere in Not. Nachdem sie in Rente gegangen ist, ist sie fast täglich vor allem in Rosenheim unterwegs und unterstützt das Tierheim. Sie fängt streunende Katzenein und bringt sie zum Tierarzt, damit sie kastriert werden. „Bei jeder Kastrationsaktion sind kranke, verletzte Tiere dabei“, sagt Thomalla. Ihr Wunsch nach der Katzenschutzverordnung ist größer denn je.

Das hätte Auswirkungen auf die Katzenbesitzer. Diese müssten ihre Tiere kastrieren lassen, wenn sie Freigänger sind und älter als fünf Monate sind. Auch die Kennzeichnung wäre verpflichtend. Und das auf eigene Kosten. „Egal ob privat oder verwilderte Kolonien, die Population und Vermehrung und das damit verbundene Katzenelend lässt sich nur durch die Kastration der Tiere verringern“, sagt Thomalla.

In der Stadt Laufen gibt es seit Anfang Februar 2023 die Katzenschutzverordnung. „Die Zahl der in Laufen registrierten Katzen ist seit Inkrafttreten der Katzenschutzverordnung deutlich gestiegen und die Zahl der im Tierheim zunehmenden Katzen hat sich verringert“, teilt Christian Reiter, Geschäftsleiter der Stadt Laufen, auf OVB-Anfrage mit. Aufgrund der Verordnung und der Arbeit der Katzenhilfe Salzachtal konnte schon einigen Katzen aus „Brennpunkten“ geholfen werden.

Die Verordnung würde auch Anna Thomalla helfen. „Ich bin das ganze Jahr über leider gut beschäftigt und die Meldungen häufen sich“, sagt sie. Zwei- bis dreimal im Monat fährt sie los, um Katzen einzufangen. Wenn sie Glück hat, muss sie nur einmal im Monat los. „Das Einfangen von Fundtieren oder verletzten, verwilderten Katzen nimmt oft sehr viel Zeit in Anspruch und kann manchmal Tage dauern“, sagt Thomalla.

Laut Christian Baab, Pressesprecher der Stadt Rosenheim, gebe es im Stadtgebiet keine Probleme mit streunenden Katzen. Punktuell gebe es Fälle in den Außenbereichen bei Höfen. Doch das seien Seltenheiten. Das bestätigt auch Andrea Thomas, Vorsitzende des Tierschutzvereins Rosenheim.

„Die frei lebenden Katzen sind für die Bevölkerung meist unsichtbar“, sagt sie. Die Tiere leben zurückgezogen und halten sich von den Menschen fern. Trotzdem brauche es die Kennzeichnungspflicht. „80 Prozent unserer Katzen sind Fundtiere“, sagt Thomas. Oft kommen die Katzen nach Unfällen oder mit Krankheiten ins Rosenheimer Tierheim.

Die Tierarztkosten müssen wir dann übernehmen, weil sich die Besitzer in den meisten Fällen nicht melden“, sagt sie. Oft sei es einfacher, sich eine neue Katze zu organisieren, als die teuren tierärztlichen Behandlungen zu bezahlen. Die Kastrationspflicht wäre vor allem in ländlichen Regionen notwendig. Denn dort siedeln sich die frei lebenden Katzen in Bauernhöfen und leer stehenden Anwesen an. Die Katzen vermehren sich schnell und unkontrolliert. Mit der Klimaerwärmung beginnt die Fortpflanzung bei den Katzen früher. Krankheiten und Elend sind dabei keine Seltenheit. „Die meisten Streuner sind domestizierte Hauskatzen, die ausgesetzt oder entlaufen sind. Viele von ihnen können nicht jagen und finden nicht genügend Nahrung“, sagt Thomas.

Im letzten Jahr hätten sich die Kosten für Kastrationen und medizinische Behandlung des Tierschutzvereins Rosenheim fast verdoppelt. „2023 haben wir über 400000 Euro für tiermedizinische Versorgung ausgegeben und davon rund 40000 Euro für Tierarztkosten bei frei lebenden Katzen“, sagt die Vorsitzende. Doch so könne es nicht weitergehen. „Diese Kosten sollten nicht noch zusätzlich die Tierheimbetriebe belasten“, sagt sie. Zustimmung kommt vom Tierheim Ostermünchen. Derzeit werden 55 Katzen betreut, die auch mal aus der Gegend rund um Rosenheim kommen. Die Kapazitäten reichen gerade so. „Dies wird sich erfahrungsgemäß in den nächsten Wochen massiv ändern“, sagt Josefa Estner, stellvertretende Vorsitzende des Tierheims Ostermünchen. Denn bald treffen die trächtigen Katzen und Katzenwelpen fast täglich bei ihnen ein.

Neben dem gestiegenen Mindestlohn sind auch die Tierarztkosten deutlich gestiegen. Denn zu der tierärztlichen Behandlung kommt die Kastration von Streunern. Auch das zahlt das Tierheim aus eigener Tasche. Im vergangenen Jahr habe der Verein 300 Katzen kastrieren lassen. Pro Katze könne das schon mal rund 250 Euro kosten. Estner könne nicht verstehen, warum es „in einem so wohlhabenden Landkreis wie Rosenheim“ keine Kastrationspflicht gebe. Eher würde das Thema „stiefmütterlich“ behandelt werden.

Meldeformular
gerät rasch in Vergessenheit?

Das Landratsamt Rosenheim veröffentlichte vergangene Woche ein Meldeformular auf ihrer Website, um die Katzenpopulation im Landkreis zu erfassen. Zunächst sollen Daten gesammelt und anschließend evaluiert werden. Im Anschluss werde dann geprüft, ob eine Katzenschutzverordnung für den Landkreis notwendig ist. „Bisweilen konnten wir 30 getätigte Meldungen verzeichnen“, sagt Sibylle Gaßner-Nickl, Pressesprecherin des Landratsamts.

Die Mitarbeiter des Tierheims Ostermünchen stehen dem skeptisch gegenüber. „Wir gehen davon aus, dass die Information über die Meldemöglichkeit rasch wieder in Vergessenheit gerät. Gerne lassen wir uns da aber eines Besseren belehren“, sagt Josefa Estner. Um das Elend der Katzen zu stoppen, brauche es jetzt die Katzenschutzverordnung – auch in Rosenheim. „Das Elend jeden Tag vor Ort zu sehen, das Schicksal mancher Tiere und der Leidensweg, der sie dahin gebracht hat. Das ist kaum auszuhalten“, sagt Estner.

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