Rosenheim – Eine große Uhr auf schwarz-weiß gestreiften Beinen und grünen Rollen empfängt seit letztem Jahr alle, die sich dem Bahnhof Rosenheim nähern. Doch wer denkt, dies sei eine ordentliche Bahnhofsuhr, wird bei näherem Hinsehen enttäuscht. Die Uhr hat keine Zeiger. Lediglich ein roter kleiner Sekundenzeiger steht, nicht unähnlich dem Gnomon einer Sonnenuhr, in der Mitte senkrecht heraus. Eine Uhr, die keine Zeit zeigt, die hat doch keinen Nutzen. Was soll das? Doch das ist genau der Knackpunkt.
Georg Zey, einer der vier des Berliner Künstlerkollektivs „Inges Idee“, die das Kunstwerk geschaffen haben, sieht es als „anarchistisches Objekt“, losgelöst von jedem Nutzen. Es ist eben Kunst und kein Zeitmesser. In Zeiten, in denen die Bahn fährt, wann sie will und Zeiten in Fahrplänen nur ungefähre Hinweise sind, vielleicht gar nicht so schlecht. Kunst sollte im besten Fall die Welt erklären. Das genau macht „Inges Idee“ mit „Los Geht’s“, wie das Objekt heißt.
Vorausgegangen war 2019 ein Wettbewerb der Stadt Rosenheim, der der Südtiroler Platz gehört, und die bereits 2016 erste Gedanken zur künstlerischen Gestaltung des neu zu strukturierenden Bahnhofsvorplatzes entwickelt hatte. Am 28. Juni 2019 war es dann endlich so weit: Die Jury tagte und entschied sich einstimmig für die dynamische Uhr von „Inges Idee“. 13 Künstlerinnen und Künstler hatten ihre Entwürfe eingereicht, neun davon wurden sofort ausjuriert, da sie sich nicht an die Vorgaben der Ausschreibung gehalten hatten. Die Jury betonte, dass die Skulptur die Bewegung versinnbildliche, mit der jeder einen Bahnhof in Verbindung bringe.
Im November 2020 wurden die Bauarbeiten zur Neugestaltung des Südtiroler Platzes begonnen, am 21. Dezember 2023 wurde „Los Geht’s“ aufgestellt und am 23. April 2024 konnte die nun etwas kahl wirkende Fläche mit viel Pflaster, kleinen Wasserfontänen und Pflanzkästen vor dem Bahnhof offiziell durch OB Andreas März eingeweiht werden.
Wen’s interessiert, der kann vor der Schule in der Führichstraße 53 in München eine weitere Großskulptur von „Inges Idee“ entdecken. Sie titelt „Auf Geht’s“, stammt aus dem Jahr 2017 und stellt einen auf 12 Meter vergrößerten und comicartig verfremdeten Schüler dar, der mit Riesenschritten über die Toranlage steigt und von der Schule ins Leben geht.
Die drei Bildhauer Axel Lieber, Hans Hemmert und Georg Zey sowie der Maler Thomas A. Schmidt, die sich 1992 zum Künstlerkollektiv „Inges Idee“ zusammenschlossen, eine echte Inge gibt es übrigens nicht im Leben der Vier, setzen sich für ihre Arbeiten im öffentlichen Raum intensiv mit den jeweiligen Gegebenheiten auseinander. Auf ihrer Homepage „ingesidee.de“ erläutern sie ihren Ansatz: „Dort geht es darum, ein Gespür für Möglichkeiten und Besonderheiten eines Ortes zu entwickeln, und auszuloten was ein konkreter Eingriff auszurichten vermag. Das geschieht im Dialog mit dem jeweils vorgefundenen Ort, der, im Gegensatz zum referenzlosen „White Cube“ in Museen und Galerien, nicht statisch und zeitlos ist, sondern einem ständigen Veränderungsprozess unterliegt. Um einen Ort richtig zu begreifen, bedarf es einer Untersuchung seiner räumlichen, sozialen und historischen Gegebenheiten.“
Für den Südtiroler Platz vor dem Rosenheimer Bahnhof griffen die Vier von „Inges Idee“ das Thema Bahnhofsuhr als ein grundlegendes Element von Bahnhöfen seit dem 19. Jahrhundert auf und transferierten das Motiv ins hier und jetzt. Entstanden ist eine Uhr – Achtung Kalauer! – , die geht, da sie sich auf zwei langen Beinen vorwärts zu bewegen scheint. Aber auch nicht geht, da sie keine Zeiger hat. Bewegung und Stillstand zugleich.