Rosenheim – „Wer von euch hat schon einmal eine unangenehme Situation erlebt?“, fragt Susi Adlmaier in die Runde. Etwas zögerlich gehen mehrere Hände nach oben. Insgesamt zwölf Frauen, Jugendliche und Erwachsene haben sich im Ballhaus versammelt. Unter dem Titel „Gewaltprävention für Frauen“ findet dort ein Kurs unter der Leitung von Adlmaier statt. Adlmaier wirkt taff. Sie ist präsent, ihre Stimme nicht zu überhören. Ihre Körperhaltung aufrecht – ganz ohne sich kleinzumachen. Doch genau das tun viele Frauen jeden Tag. Unterbewusst, aber sie tun es. Hände hinter den Rücken, leise sprechen, bloß nicht auffallen. „Das wurde uns über Generationen antrainiert“, erklärt Adlmaier. Sie selbst hat jahrelang vom Sicherheitsexperten und ehemaligen Polizeitrainer Freddy Kleinschwärzer gelernt und weiß genau, wie wichtig es ist, wie man als Frau in der Öffentlichkeit auftritt.
Aufrecht stehen
ist wichtig
Die erste Aufgabe also: auf die Körperhaltung achten. Denn wer aufrecht steht, mit den Händen vor dem Körper und den Schultern zurück, wirkt gleich deutlich stärker. „Aber die größte Stärke liegt nicht in unserem Körper“, sagt Adlmaier. „Es ist unsere Stimme.“ Sie führt es vor. Alexander Hentschel, der mit Susi gemeinsam den Kurs gibt, hält als „Dummy“ her. Er geht auf Susi los, sie tritt einen Schritt zurück. Hebt ihre Hände offen vor den Körper und ruft: „Stopp! Gehen Sie weg!“. Und zwar ruft sie so laut, dass die Kursteilnehmer erst einmal zusammenzucken.
Schließlich wird die Technik, also Körperhaltung und Schrei, gemeinsam geübt. Zu Beginn ist es befremdlich, einfach so drauf loszuschreien. Oft genug hört man als Frau, man solle leise sein. Nicht schreien, sonst wirke man hysterisch. Doch in Adlmaier Kurs ist genau das gewollt. Sich der Kraft der eigenen Stimme wieder bewusst werden. Man merkt – besonders bei den jüngeren Teilnehmerinnen – dass die Hemmschwelle enorm groß ist. Adlmaier und Hentschel betonen außerdem, wie wichtig ein stabiler, hüftbreiter Stand ist. „Sobald man als Frau einmal auf dem Boden liegt, sieht es ganz schlecht aus“, sagt sie.
Nach dem Üben des Schreis und der abwehrenden Haltung, wird ein Schlag geübt. Das Ziel: Die Nase des Angreifers mit dem Handballen treffen. Verunsicherte Gesichter unter den Teilnehmerinnen. „Wir dürfen das“, sagt Adlmaier. Durch das Notwehrgesetz sei man in solch einer Situation rechtlich abgesichert. „Klar, die Nase blutet, Tränen laufen und es tut richtig weh“, sagt Hentschel. „Aber umbringen wird man damit niemanden.“ Man verschaffe sich damit vor allem eins: Zeit. Zeit, um abzuhauen, Zeit, um sich Hilfe zu holen.
Wo nicht die Möglichkeit besteht, die Flucht zu ergreifen, oder dem Angreifer auf die Nase zu schlagen, sind andere Mittel gefragt. Adlmaier stellt einen Stuhl in die Mitte, die Teilnehmerinnen versammeln sich dicht gedrängt drumherum. Schulter an Schulter, wie in einem vollen Bus oder einer U-Bahn. Dann geht Adlmaier durch die Menge, drängt sich dicht vorbei, drückt sich mit ihrem Körper an die Kursteilnehmerinnen. Es ist ein beklemmendes Gefühl – und das, obwohl sie die Frauen nicht einmal anfasst und man sich in einer sicheren Umgebung befindet.
Wie zuvor gelernt, hilft auch in dieser Situation besonders eines: unsere Stimme. „Hey, der hat mich angefasst. Holen Sie ihr Handy raus. Filmen Sie das!“, ruft Adlmaier. Sie rät, Menschen gezielt anzusprechen. Etwa zu sagen: „Sie in dem grünen Shirt, helfen Sie mir.“ Dann können sich Passanten nicht mehr aus der Verantwortung ziehen, macht Adlmaier klar.
Oft gerät man allerdings schneller in brenzlige Situationen, als man schauen kann. Sei es ein aufdringlicher Grapscher, der einem auf der Wiesn zu nahe kommt. Oder jemand, der an der Bushaltestelle plötzlich ans Handgelenk greift. Auch für diese Situationen hat Adlmaier wirksame Techniken im Repertoire. Was sie aber auch betont: „Wir können in zwei Stunden keinen Jackie Chan aus euch machen.“ Es gehe, wie anfangs schon betont, vielmehr darum, die innere Wonderwoman auszupacken.
Sich aus dem Griff eines Zwei-Meter-Mannes lösen? Unmöglich, sind die Teilnehmerinnen überzeugt. „Selbst, wenn der Hände wie ein Schraubstock hat, ihr kommt da raus“, ist sich Adlmaier sicher. Und tatsächlich. Mit einer kurzen, aber geschickten Bewegung ist es überraschend einfach, sich aus einem festen Griff ums Handgelenk zu lösen. In Zweier-Teams wird schließlich geübt. „Krass, ich hätte nicht gedacht, dass das so einfach ist“, sagt Anna-Lena Bach, nachdem sie sich spielend einfach aus dem festen Griff befreit hat. Bach möchte durch den Kurs mehr Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein erlangen. „Ich war selbst schon in Situationen, wo es für mich brenzlig geworden ist und ich nicht wusste, wie ich mich da verteidigen kann.“
Neben den Griffen ans Handgelenk zeigen Adlmaier und Hentschel außerdem, wie man sich gegen einen Würge-Angriff von vorne und gegen Busen-Grapscher verteidigen kann. Mit einem kräftigen Stoß gegen den Brustkorb, oder einem gezielten Drücken in die Drosselgrube, der Vertiefung zwischen Kehlkopf und Brustbein, gewinnt man schnell Distanz zum Angreifer.
Obwohl es nur simple Übungen in einem sicheren Rahmen sind, kommen bei der ein oder anderen Teilnehmerin Emotionen hoch. Während manche ihrer Wut freien Lauf lassen, treten anderen die Tränen in die Augen. „Es ist vollkommen okay, wenn dabei die Augen feucht werden“, sagt Hentschel. Und auch Adlmaier weiß, welche Wirkung die Übungen auf die Teilnehmerinnen haben können. „Es passieren Dinge im Kopf. Man durchlebt und verarbeitet Erlebnisse in diesem Kurs. Das ist vollkommen okay.“
Zum Ende wird noch ein gezielter Tritt geübt, ehe es an das „große Finale“ geht. Die Teilnehmerinnen stellen sich in einem Kreis auf. In der Mitte steht Alexander Hentschel. Er mimt den Angreifer. Nach und nach tritt jede Frau vor ihn und wehrt sich gegen seine Attacken. Es wird geschrien und geschubst.
Vergleicht man das Auftreten der Teilnehmerinnen zu diesem Zeitpunkt mit dem zu Kursbeginn, so erkennt man schnell, dass sich selbst in den zwei Stunden schon einiges getan hat. Auch wenn nicht jede Hentschel aus vollem Leib anbrüllt – immerhin traut sich jede, ihre Stimme zu nutzen. Und das ist immerhin ein Anfang. „Es wird noch in euch arbeiten“, sagt Adlmaier zum Abschluss. „Ihr werdet das heute Erlebte immer wieder im Kopf durchgehen. Und das ist gut so. Ich bin wirklich stolz.“
Bekanntschaft mit
Wonderwoman
Auch Bach ist zufrieden. „Ich fühle mich viel sicherer“, sagt sie am Ende des Kurses. Ihr sei zwar klar, dass man vieles noch einüben muss, aber sie fühlt sich besser vorbereitet. Auch sie musste sich im Kurs überwinden. „Man kennt dieses Schreien aus dem Alltag einfach nicht. Man ist eher leiser und möchte nicht unbedingt die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Aber in genau solchen Situationen ist das unglaublich wichtig.“ Und nach zwei Stunden schreien, schlagen und treten hat jede Teilnehmerin zumindest kurz Bekanntschaft mit ihrer Wonderwoman gemacht.