„Die Zahl der Suizide steigt“

von Redaktion

Interview Tag der Suizidprävention – Birgit Zimmer von der Telefonseelsorge über wichtige Hilfe

Rosenheim – Am heutigen Dienstag ist der weltweite Tag der Suizidprävention. Er steht unter dem Motto „Reden kostet nichts – Schweigen schon“. Für Birgit Zimmer, Leiterin der Telefonseelsorge Rosenheim, ist der Tag ein Anlass, um auf ihre Arbeit aufmerksam zu machen – und für Kritik an den Plänen des Bundes.

Das Bundesgesundheitsministerium will die Suizidprävention verbessern. Eine gute Sache, oder?

Das ist an sich sehr positiv, wenn nicht der Plan wäre, das Rad komplett neu zu erfinden. Genau danach sieht es im Moment aus. Dabei gibt es bestehende Angebote. Wir haben eine Telefonseelsorge und – zumindest in Bayern – einen Krisendienst. Statt neue Angebote zu schaffen, würden wir uns wünschen, dass die vorhandenen Angebote weiter ausgebaut werden.

Zumal Angebote, die neu aufgebaut werden sollen, in der Regel eine lange Anlaufzeit benötigen.

Das ist der nächste Punkt. Was hilft es, wenn sie sich in einer akuten Situation befinden, aber auf Hilfe warten müssen? Sie benötigen jetzt eine Anlaufstelle, wie etwa die Telefonseelsorge.

Was würden Sie sich denn stattdessen vom Bundesgesundheitsministerium in Berlin wünschen?

Die Anlaufstellen im Osten haben große finanzielle Not. Hier wäre es wünschenswert, wenn es Unterstützung geben würde. Gerade auch deshalb, weil die Kirchenaustritte beziehungsweise die geringere Mitgliedschaft im Osten stärker zum Tragen kommt. Aber es gibt sicherlich auch viele andere Stellen, die Unterstützung bräuchten.

Wie ist die Situation in Rosenheim?

Noch müssen wir uns keine Sorgen machen, aber wir wissen auch nicht, was die Zukunft bringt. Wir werden größtenteils aus Mitteln der evangelischen Landeskirche finanziert. Dadurch, dass die Mitgliederzahlen in den Kirchen sinken, könnten auch die Spenden zurückgehen. Was indirekt dann auch die Telefonseelsorge treffen würde.

Ist die Zahl der Anrufer in den vergangenen Monaten gestiegen?

Die Zahlen müssen gestiegen sein. Bundesweit bekommen wir 17 Millionen Anrufe im Jahr, davon können wir gerade einmal eine Million abdecken. Ein Teil davon sind Daueranrufer, die man nicht in die Statistik aufnehmen kann. Aber selbst wenn dann fünf Millionen Anrufe wegfallen, sind Zahl und Bedarf enorm hoch.

Wer sind die Leute, die in Rosenheim bei der Telefonseelsorge anrufen?

Es sind tendenziell mehr Frauen und ältere Menschen. Auch müssen wir feststellen, dass sich immer mehr jüngere Menschen bei uns melden.

Woran liegt das?

Viele Menschen sind einsam, gerade auch junge Menschen. Hinzu kommt, dass viele sich mit ihren Problemen nicht lächerlich machen wollen, aber trotzdem das Bedürfnis haben, mit jemandem zu sprechen. Also rufen sie bei uns an oder schreiben uns eine Mail. Letzteres ist vor allem bei den Jüngeren sehr beliebt. Wobei wir auch hier feststellen, dass viele inzwischen zum Hörer greifen. Das ist ein Zeichen dafür, dass sich viele einsam fühlen und den Wunsch nach menschlichem Kontakt und einem anonymen Austausch haben.

Um welche Themen geht es in der Regel?

Oft sind es Themen rund um die psychische Gesundheit, Streitereien in der Partnerschaft und Einsamkeit. Ich glaube, gerade beim Thema Einsamkeit sind auch wir als Gesellschaft gefragt. Wir können nicht immer die Verantwortung an Regierung und Politik abgeben. Wir sollten uns vielmehr überlegen, was jeder Einzelne von uns machen kann. Manchmal reicht es schon, beim Nachbarn zu klingeln und zu fragen, ob alles in Ordnung ist.

Auch mit dem Thema Suizid müssen Sie und Ihre Kollegen sich immer wieder auseinandersetzen.

Das stimmt, vor allem per Mail. Das hat in den vergangenen Monaten auf jeden Fall zugenommen.

Wo wir wieder bei der Strategie des Gesundheitsministeriums wären.

Die Strategie ist eine Absichtserklärung. Ich und meine Kollegen befürchten aber, dass eine Umsetzung zum Teil sehr viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Zeit, die wir eigentlich nicht haben. Denn: Seit 2022 sind erstmals wieder mehr Suizide registriert worden. Die Zahl liegt bei über 10000 Fällen bundesweit.

Ist die Pandemie schuld?

So wird es oft erklärt. Denken wir nur einmal an die ganzen Insolvenzen, welche aufgrund der Pandemie entstanden sind. Viele Firmen müssen jetzt die Corona-Hilfen zurückzahlen, haben aber das Geld einfach nicht. Wir möchten gerne den Welttag zur Suizidprävention nutzen, um auf all die Beratungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen, die Menschen in ihren unterschiedlichen Krisen aufsuchen können. Auch die Telefonseelsorge und Mailberatung in Rosenheim.

Interview: Anna Heise

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