„Das könnte ich auch“ – von wegen!

von Redaktion

„So schwer kann das nicht sein“, dachte sich OVB-Reporterin Patricia Huber bei ihrem Besuch im Circus Krone in Rosenheim. Als sie jedoch kurzerhand selbst in der Manege stand, wurde sie schnell eines Besseren belehrt.

Rosenheim – „Pah, so schwer sieht das nicht aus. Das könnte ich ganz bestimmt auch.“ Was mir dieser Satz einbrocken würde, den ich vor knapp zwei Wochen zu meiner Kollegin bei unserem Besuch im Circus Krone in Rosenheim sagte, hatte ich damals noch nicht geahnt. Und so stehe ich kurz darauf selbst in der Manege. Von meiner mit Humor versehenen Großkotzigkeit ist jetzt nichts mehr zu merken. Einmal selbst testen, wenn es doch so einfach ist, lautet nun die Devise.

Balanceakt auf
einem Drahtseil

Ich darf mich aufs Drahtseil wagen. In der Show des Rosenheimer Weihnachtszirkus auf der Loretowiese ist dieses mehrere Meter über dem Boden gespannt. Für mich wurde es nur knapp über dem Boden angebracht – besser so, wie sich schnell zeigen sollte. Dass ich nicht einmal über eine Slackline laufen kann, hatte meine große Klappe während der Show wohl vollkommen ausgeblendet. Na gut, vielleicht ist das Drahtseil ja einfacher, dachte ich. Schließlich ist es um einiges stabiler.

Wie es funktioniert, erklärt mir Nicol Nicols. Der Spanier ist auf dem Drahtseil quasi zu Hause. Er läuft so elegant über das dünne Seil, wie ich nicht einmal über den Boden. Und auch Seilspringen, Saltos und sogar ein Sprung durch einen brennenden Dornen-Ring sind für Nicols kein Problem.

„Du musst dich mit den Armen ausbalancieren“, erklärt er mir, während er mit Leichtigkeit über das Drahtseil tänzelt. „Keine Sorge, ich helfe dir am Anfang“, ergänzt er noch. Na ein Glück. Er reicht mir seine Hand und ich steige auf das Seil. Doch statt der Leichtigkeit, die Nicols bei seiner Kunst ausstrahlt, fühle ich mich eher wie ein Elefant auf dem Drahtseil – nun ja, das sieht man auch nicht alle Tage. Ich soll mich auf das andere Ende konzentrieren, den Körper aufrecht halten, das Gewicht in den Beinen belassen, mich vorsichtig vorantasten und mit den Armen wedeln, um die Balance zu halten. Und am besten dabei noch nett lächeln und gut aussehen. Völlige Überforderung.

Was auf den Publikumsplätzen so leicht aussieht, ist harte Arbeit. Das wird mir schon nach den ersten Minuten klar. Von leichtfüßigem übers Seil spazieren fehlt bei mir jede Spur. Ich schwanke und wackle, muss mich immer wieder auf Nicols‘ Hand stützen, um nicht komplett vom Seil zu stürzen. Ein erstes Erfolgserlebnis habe ich, als ich ein paar Sekunden schaffe, ohne Stütze auf dem Seil zu stehen. Und dabei bleibt es dann auch. Nach etwa 15 Minuten „Training“ schmerzen meine Füße bereits. Wirklich bequem ist dieses Drahtseil nicht.

Tricks werden
täglich trainiert

Nicols trainiert täglich seine Tricks, die er im Rosenheimer Weihnachtszirkus präsentiert. An Show-Tagen macht er allerdings nur das Nötigste, um seine Energie für die zwei Auftritte des Tages zu bewahren. Er ist bereits seit Jahren Artist auf dem Drahtseil. Doch manche Tricks verlangen auch ihm noch einiges ab. So wie der Sprung durch den brennenden Reifen, der zusätzlich mit scharfen Messern im Inneren ausgestattet ist. „Man benötigt volle Konzentration, sonst verletzt man sich“, erklärt er. „Außerdem macht es das Feuer noch einmal schwieriger, da man durch den Rauch und die Hitze nicht so gut sieht.“ Schon ein paar mal habe er sich bei diesem Trick verletzt, gesteht er.

Von Feuerringen, Saltos und Seilspringen kann ich währenddessen nur träumen. Mein größter Erfolg war es, auf dem Seil zu stehen. Und damit ist mir klar: Künftig werde ich ehrfürchtiger im Publikum sitzen. Denn so leicht wie es aussieht, ist es nicht.

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