Rosenheim – Lars Ruppels Poesie ist eine „Mischung aus literarischer Butterfahrt und sprachlichem Kirmesbesuch“. So beschreibt es eine Sprecherin der Stadtbibliothek Rosenheim. Ruppel selbst bezeichnet seine Gedichte lieber „wie eine ganz seltsame Deutschstunde“. Was er damit meint, wird der mehrfache Gewinner deutscher Poetry-Slam-Meisterschaften am kommenden Freitag, 14. Februar, in Rosenheim demonstrieren. Wir haben vorab mit dem Dichter gesprochen.
Wie sieht der Alltag von einem Berufspoeten aus?
Ich lese die Zeitung und versuche, mich von den Nachrichten nicht herunterziehen zu lassen. Dann beantworte ich meine E-Mails. Wenn es meine Kinder, der Haushalt und mein psychischer Zustand erlauben, fange ich mit dem Schreiben von neuen Gedichten an. Das Leben als Dichter ist unromantischer, als man denkt. Keiner meiner Kollegen sitzt bei Mondschein und einem Glas Rotwein am Fenster und schreibt mit der Tintenfeder. Es ist auch nur ein Beruf – ein sehr nüchterner Beruf.
Was meinen Sie mit „psychischer Zustand“?
Ich meine diese Unsicherheit, die uns alle umgibt. Diese sich wandelnde Welt, die uns immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Es geht vielen Menschen einfach nicht gut. Man trägt Sorgen um die Umwelt, um die eigenen Kinder, um seinen Lieblingsfußballverein. Das ist für mich mittlerweile ein normaler Zustand.
Werden Sie durch Gefühle inspiriert oder blockiert Sie das eher?
Manchmal denke ich, dass alles so schlimm ist da draußen in der Welt. Mich bedrückt die politische Situation. Ich muss da etwas dagegen tun. Ich versuche, durch meine Texte und durch meine poetische Arbeit in Schulen oder auf Kongressen die Welt durch Poesie zu verarbeiten.
Sie bezeichnen sich selbst als Berufspoet. Sie können vom Dichten also leben?
Ja, kann ich. Früher habe ich vor allem an Poetry-Slam-Wettkämpfen teilgenommen. Mittlerweile bin ich Berufspoet und biete poetische Dienstleistungen an. Ich schreibe Auftragstexte für Unternehmen und schule Menschen darin, ihre Gedanken und Worte kreativ auf Papier zu bringen und zu kommunizieren.
Und am Abend bringen Sie Ihre Texte bei der „Poesie-Begeisterungsshow“ auf die Bühne. Was hat es damit auf sich?
Ich finde, die Welt sollte sich mehr für Poesie begeistern. Poesie ermöglicht es uns, sich in andere hineinzuversetzen und ihre Perspektiven zu verstehen, was uns allen guttun würde. Zudem macht Poesie einfach verdammt viel Spaß. Poesie ist für mich mein Handwerk, mein Leben, mein Beruf. Die Poesie begleitet mich in schönen und schwierigen Situationen. Über die Poesie kann ich mich ausdrücken. Ich möchte andere Menschen ebenfalls mit meiner Leidenschaft anstecken.
Wie kamen Sie zu dieser Leidenschaft?
Mit 16 entdeckte ich den Poetry Slam. Ich war ein wütender Jugendlicher mit Anpassungsschwierigkeiten. Ein Freund führte mich zu einer solchen Veranstaltung, und ich schrieb meinen ersten Text speziell für einen Poetry Slam. Der Poetry Slam bot mir einen Ort, an dem junge Menschen sich ausdrücken und Gehör finden können – ohne Vorurteile. Diese Erfahrung, dass meine Gefühle und Gedanken jemanden interessieren, war einzigartig. Begeistert blieb ich dabei, verzichtete auf Ausbildung und Studium. Seit meinem Abitur bis heute widme ich mich dem Poetry Slam.
Haben Sie einen Lieblingsort oder eine Lieblingszeit, wo Sie am kreativsten sind?
Ich schreibe am liebsten in einem Café in Berlin oder in den Zügen der Deutschen Bahn, da diese Orte die richtige Balance aus Ruhe und Ablenkung bieten. Als Freiberufler bin ich viel in ganz Europa unterwegs, um sogenannte „Poetic Recordings“ zu machen. Das bedeutet, dass ich Kongresse und Veranstaltungen begleite und deren Inhalte in einem Gedicht zusammenfasse. Während der Zugfahrten nutze ich die Zeit zum Schreiben. Meine Ideen entstehen oft spontan, und ich finde, dass Kaffee, Ablenkung und Züge dabei eine Rolle spielen. Wenn ich aber ganz genau wüsste, was mich inspiriert, dann würde ich den ganzen Tag nur noch dichten. Bis jetzt habe ich das aber noch nicht herausgefunden.
Worauf können sich die Zuhörer in Rosenheim freuen?
Die Zuschauer können sich auf einen Abend voller unbekannter Worte und Geschichten aus meinen verschiedenen Lebensphasen freuen. Ich werde in Stand-Up-Comedy-Manier von meinem Weg zur Poesie erzählen. Es wird geplante Spontaneität und spontane Katastrophen geben.
Was sind spontane Katastrophen?
Solche Katastrophen sind unvorhersehbar. Manchmal vergesse ich meinen Text oder ganze Absätze. Wenn das passiert, renne ich schreiend aus dem Saal und hoffe, dass es keiner gemerkt hat (lacht). Nein, ich gehe offen damit um. Eine authentische Fehlerkultur ist mir wichtig.
Was möchten Sie den Rosenheimern bei Ihrem Auftritt mitgeben?
Dass sie sich bewusst werden, was sie für Gedichte in ihrem Leben haben. Gedichte, an die sie schon länger nicht gedacht haben. Welche Gedichte ihre Omas und Opas gut fanden. Welche Reime sie kennen. Vielleicht ein Wort oder einen Reim, an das oder den sie schon länger nicht gedacht haben. Poesie ist überall und ich möchte, dass die Zuhörer das auch sehen und sich daran erfreuen.