Rosenheim – Seit zwei Jahren gibt es die von der Stadt und dem Landkreis Rosenheim bestellten Leiter Psychosoziale Notfallversorgung
(L-PSNV), die als Abschnittsleiter aller eingesetzten PSNV-Helfer bei großen Schadensereignissen eingesetzt werden – beispielsweise bei tödlichen Verkehrsunfällen, Hochwassern oder Tötungsdelikten. Sprecher Horst Henke spricht im OVB-Exklusivinterview über das vergangene Jahr, Fälle, die ihm besonders in Erinnerung geblieben sind und darüber, warum er sich kein schöneres Ehrenamt vorstellen könnte.
Wie läuft die Arbeit?
Wir sind jetzt seit zwei Jahren im Dienst und hatten bisher 31 Einsätze. Im ersten Jahr wurden wir zwölf- mal alarmiert, im zweiten Jahr waren wir bei 18 Einsätzen dabei.
Ist das viel?
Ich glaube, dass wir noch öfter alarmiert werden sollten. Im Moment werden wir automatisch dazugerufen, wenn es sich um einen Einsatz mit dem Stichwort RD5 handelt – also dann, wenn fünf Rettungswagen alarmiert werden, was in den meisten Fällen bedeutet, dass es mindestens fünf Verletzte gibt. Bei solchen Einsätzen sind wir automatisch dabei. Wenn das nicht der Fall ist, müssten wir vom Einsatzleiter vor Ort nachgefordert werden.
Wann kommt das vor?
Beispielsweise dann, wenn er am Einsatzort feststellt, dass es mehrere Betroffene gibt, die betreut werden müssen. Oder dann, wenn es Tote gibt und Unterstützung bei der Überbringung von Todesnachrichten benötigt wird.
Wie sieht Ihre Arbeit am Einsatzort aus?
Ich schaue mir erst einmal die Bedürfnisse vor Ort an. Was genau ist passiert? Wer ist betroffen? Wo könnten die Betreuungen stattfinden? Gibt es Bereiche, wo sich die Evakuierten befinden? Gibt es Zeugen? Ersthelfer? Sind vielleicht schon Angehörige vor Ort? Dann entscheide ich, wie viel Personal ich benötige und wen ich informiere. Beispielsweise das BRK, die Johanniter oder die Notfallseelsorger.
Wie unterstützen Sie die Betroffenen?
Die Menschen sind oft handlungsunfähig. Sie können nicht klar denken. Aus diesem Grund brauchen sie Begleitung, um sie wieder handlungsfähig zu machen. Wir lassen Emotionen zu, geben Informationen weiter und versuchen, sie zu unterstützen. Wir versuchen, die Menschen aus dem Geschehen herauszunehmen und sie zu stabilisieren.
Wie lange dauert das?
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal dauert ein Einsatz zwischen anderthalb und zweieinhalb Stunden. Manchmal kann es auch acht Stunden dauern.
Wie oft helfen Sie den Betroffenen?
Es ist eine einmalige Sache. Aber natürlich gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel, wenn die Angehörigen sich nicht von dem Toten verabschieden konnten. Oder wenn ich an Großschadensereignisse denke, wie beispielsweise die Amokfahrt in Magdeburg oder der Germanwings-Absturz. Da ist es mit einer einmaligen Unterstützung nicht getan.
Mit Blick auf das vergangene Jahr: Was waren besonders herausfordernde Einsätze für Sie?
Das Tötungsdelikt in Gabersee, das Hochwasser, das zum Glück nur einen Tag gedauert hat. Dann gab es den Vorfall in Neubeuern, bei dem ein Auto in eine Hochzeitsgesellschaft gerast ist, und der Einsatz an einer Rosenheimer Schule, bei dem Furzspray im Spiel war. Und dann wäre da natürlich die Tötung zweier Kinder an Weihnachten.
Gefühlt ist im Jahr 2024 mehr passiert, als in den Jahren davor. Täuscht der Eindruck?
Ich glaube, es ist eher so, dass wir in den vergangenen Jahren von schlimmen Ereignissen sehr verschont geblieben sind.
Mord, tödliche Autounfälle, Suizid: Wie verarbeitet man solche belastenden Eindrücke und Erlebnisse?
Wir sind sehr gut ausgebildet, und wir können uns sehr gut abgrenzen. Die Probleme dieser Menschen sind nicht meine Probleme. Ich kann diese Probleme nicht in meinen Rucksack packen, sonst quillt er irgendwann über. Wenn es nicht gelingt, sich abzugrenzen, bricht man irgendwann zusammen. Aber natürlich gibt es den ein oder anderen Fall, der einen etwas länger beschäftigt. Aus diesem Grund gibt es die Möglichkeit der Supervision, zudem besprechen wir viele Dinge im Team.
Wann kommen Sie in der Regel am Einsatzort an?
Es kommt vor, dass wir erst Stunden nach dem Unfall am Einsatzort ankommen. Das liegt daran, dass ich kein Blaulicht habe und für den ganzen Landkreis zuständig bin. Manchmal brauche ich vom Chiemsee bis nach Feldkirchen-Westerham zwei Stunden. Und da sieht man am Einsatzort natürlich kaum noch etwas. Aber in der Regel sind wir innerhalb von 30 Minuten vor Ort. Unser Augenmerk gilt dann den Betroffenen, denn die Einsatzkräfte vor Ort kümmern sich ja erst einmal um die Verletzten.
Und Sie stecken das alles einfach so weg?
Ich bin seit 48 Jahren beim Roten Kreuz tätig, habe aber davon 25 Jahre im Rettungsdienst gearbeitet. Ich habe schon viel gesehen und weiß, wie ich mit den Bildern umgehen muss. Ich weiß, was ich mir ganz genau anschaue und wo ich nur ganz oberflächlich einen Blick drauf werfe. Aber fest steht auch, dass der Kopf nichts vergisst.
Wie meinen Sie das?
Ich hatte 2011 einen Burnout. In dieser Zeit habe ich die 25 Jahre im Rettungsdienst noch einmal erlebt. Ich habe Bilder gesehen von Einsätzen, an die ich mich gar nicht mehr erinnern konnte. Es gibt Bilder, die holen einen immer wieder ein. Vor allem dann, wenn der Stress zu viel wird und das Fass kurz vorm Überlaufen ist.
Warum machen Sie also trotzdem das Ehrenamt?
Ich habe damals das Zugunglück in Bad Aibling als Abschnittsleiter PSNV miterlebt. Vieles ist zu diesem Zeitpunkt nicht so gelaufen, wie es hätte laufen sollen. Seitdem ist es mein Ziel, die einzelnen Strukturen zu verbessern. Vieles hat sich seitdem zum Positiven verändert.
Wie lange wollen Sie noch im Ehrenamt bleiben?
Es ist noch kein Ende in Sicht (lacht).Interview: Anna Heise