70 Jahre Eheglück gefeiert

von Redaktion

Sie kannten sich schon als Kinder und sind seit 70 Jahren verheiratet: Gertrud und Walter Hübl aus Rosenheim haben viel miteinander erlebt. Was ihr Geheimnis für eine glückliche Ehe ist und wie sie schlechte Zeiten überstanden haben.

Rosenheim – Gertrud Hübl sitzt auch mit ihren 93 Jahren noch aufrecht auf der Eckbank. Ihre Augen strahlen und sie hat viel zu erzählen. Ehemann Walter hat sich herausgeputzt und in seinem Hemd neben ihr Platz genommen. Die ganze Familie, insgesamt vier Generationen, hat sich versammelt, um das 70-jährige Ehejubiläum von Gertrud „Gerti“ und Walter Hübl zu feiern. „Wir haben viel hinter uns. Aber wir sind glücklich“, sagt Gertrud Hübl.

Die beiden kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Sie waren Nachbarn und gingen zusammen in die Schule. Aufgewachsen sind sie aber nicht in Rosenheim, sondern im östlichen Sudetenland. Aus ihrer Heimat im ehemaligen Landkreis Hohenstadt wurden sie vertrieben, als Gertrud Hübl 14 und Walter 15 Jahre alt waren. „In Viehwägen wurden wir transportiert“, erzählt Gertrud Hübl.

Mit dem Viehwagen
nach Rosenheim

Eine anstrengende Reise, an die sie sich noch gut erinnert. „Meine Schwester war damals 14 Monate alt“, sagt sie. Auf einem Spirituskocher hätten sie Milch für die Kleine aufgewärmt. Doch eine Mitfahrerin stieß den Kocher um, verschüttete den Spiritus und zündete ihn an. „Auf einmal hat der ganze Waggon gebrannt“, erinnert sich Gertrud Hübl. Mit den Viehwägen ging es nach Hammerau im Berchtesgadener Land, wo die Vertriebenen in Baracken untergebracht wurden. Dann nach Rosenheim in den Flötzinger Keller. Von dort aus wurden sie auf die umliegenden Dörfer verteilt und kamen in Bad Endorf unter. Die Einwohner standen den Neuankömmlingen anfangs skeptisch gegenüber. „Es hat lange gedauert, bis sich eine Freundschaft entwickelt hat“, sagt Walter Hübl.

Er und seine „Gerti“ erkannten mit der Zeit, dass sie zueinanderpassen. Am 19. Februar gaben sie sich in der Rosenheimer Stadtpfarrkirche das Jawort. „Kein Mensch hat damals Geld gehabt“, sagt Gertrud Hübl. Deshalb sei es eine sehr einfache Hochzeit gewesen – aber auch eine sehr schöne. Passendes Wetter kam ebenfalls wie bestellt: Am Tag vorher hatte es so stark geschneit, dass zuerst noch Schnee geschippt werden musste. Gertrud Hübl ist gelernte Modistin und war lange bei Klepper in Rosenheim tätig.

Ihr Mann Walter arbeitete als Rechtsanwalt und zuletzt als Amtsinspektior am Amtsgericht. Deshalb entschied sich das Paar, in Rosenheim zu bauen. „1959 ist das Haus fertig geworden“, erinnert sich Gertrud Hübl. In diesem Jahr kam auch Tochter Karin zur Welt, die heute 65 Jahre alt ist. Einige Zeit später folgte Sohn Christian. Er ist mittlerweile 62.

„Das waren wirklich schöne Zeiten mit den Kindern“, erinnert sich Gertrud Hübl. Ihren Beruf gab sie ab diesem Zeitpunkt auf, um für die Geschwister da zu sein. „Man hat ja sonst niemanden gehabt“, sagt sie.

Walter Hübl sei aber sehr tüchtig gewesen. „Er hat immer gut gesorgt für die Familie“, betont Gertrud Hübl und wirft ihrem Mann einen stolzen Blick zu. Die beiden sind über die Jahre zusammengewachsen, haben viel miteinander erlebt. „Walter war einmal sehr, sehr krank“, erzählt Gertrud Hübl. Er habe sich nicht mehr bewegen können und sei fast erblindet.

„Daran kann ich mich gar nicht mehr so genau erinnern“, sagt Walter Hübl. Trotzdem musste es irgendwie weitergehen. „Die Kinder gingen ja schon zur Schule“, sagt Gertrud Hübl. Doch nach einigen Wochen erholte sich ihr Mann langsam.

„Wir haben Höhen und Tiefen gehabt, schwere und leichte Dinge“, erinnert sie sich. Gertrud und Walter Hübl sind inzwischen Urgroßeltern. Enkelin Sarah (31) hat zwei Töchter: Emely (10) und Emilia (5) verbringen gerne Zeit mit ihren Großeltern. Die Hübls waren in ihrem Leben viel unterwegs. „1964 haben wir das erste Auto bekommen. Das war ein VW Käfer“, erinnert sich Gertrud Hübl. „Mit dem haben wir etliche Touren nach Italien gemacht“, erzählt ihr Mann Walter. Mit einem Zelt im Gepäck ging es los. „Das war schon sehr ärmlich“, sagt Gertrud Hübl und lacht.

Das Ehepaar hat einiges von der Welt gesehen, war unter anderem in Griechenland und Thailand. Walter Hübl fotografierte gerne, wie seine Frau erzählt. „Viel gelesen hat er auch“, sagt Gertrud Hübl. Sie nähte und strickte für die Kinder. „Mit unserem Bekanntenkreis haben wir uns auch oft getroffen und Gaudi gehabt“, erzählt sie.

Am 19. Februar bekamen sie zur Feier ihres 70. Ehejubiläums Besuch: Oberbürgermeister Andreas März gratulierte persönlich und überreichte einen bunten Blumenstrauß. „Was ist ihr Geheimnis?“, fragte er bei einem Glas Sekt. Gertrud Hübl hatte sofort eine Antwort parat: „Respekt voreinander. Und dass man dem anderen ein bisschen Freiheit lässt.“ Sie riet außerdem bei Diskussionen immer lieber ja, als nein zu sagen.

Gratulation vom
Oberbürgermeister

Wenn sich die Hübls mal nicht einigen können, wer recht hat, greifen sie zu anderen Methoden. „Dann wird gewettet“, erzählt Sohn Christian. Wer Recht behält, gewinnt. Dabei gehe es schon mal um 20 oder 30 Euro.

Walter und Gertrud haben in den 70 Jahren Ehe viel erlebt. „Aber es war und ist immer sehr schön“, betont Gertrud Hübl. „Jetzt komm her“, sagt Walter Hübl zu seiner Frau und legt für ein Erinnerungsfoto den Arm um ihre Schultern.

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