Rosenheim – Vor Rudi Spreitzer liegt ein Buch über die Geschichte der Rosenheimer Faschingsgilde. Konzentriert blättert er durch die bunten Bilder, schaut sich jede Seite einzeln an. Er kennt viele der abgebildeten Menschen persönlich. Spreitzer ist mittlerweile 86 Jahre alt und immer noch Teil der Faschingsgilde.
Zuständig für
Ton und Licht
Der gebürtige Rosenheimer kümmert sich seit 1974 um Ton und Licht. Er begleitet die Gilde zu allen Auftritten, immer die Technik im Gepäck. Die ausgewählten Lieder schneidet er – früher auf dem Tonband, heute am Computer – zusammen und legt bei Trainings und Auftritten auf. Auch für den Aufbau der Lautsprecher und Scheinwerfer ist er verantwortlich. „Das ist sehr viel Arbeit“, sagt Spreitzer.
„Eine unverzichtbare“, betont Stefan Seidl. Er ist Präsident der Faschingsgilde und sagt: „Ohne Rudi kein Tanz.“ Spreitzers Arbeit als „Tonminister“ sei für die Gilde unverzichtbar.
Wenn er dabei ist, freut sich das ganze Team. „Seine humorvolle und liebevolle Art zeichnet ihn aus“, so Seidl. Spreitzer sei ein sehr herzlicher Mensch und bringe regelmäßig alle zum Lachen. Mit seinen 50 Jahren Mitgliedschaft ist der rüstige Rosenheimer „absolutes Urgestein.“ Für die lange Mitgliedschaft wurde Spreitzer vergangenes Jahr geehrt. Im kleinen Kreis, denn der 86-Jährige steht nicht gerne im Rampenlicht, wie Seidl betont.
Spreitzer kam nur zufällig zum Fasching. „Ich bin schon lange bei der Feuerwehr Rosenheim“, erklärt Spreitzer. Unter den Feuerwehrlern waren damals auch Mitglieder der Faschingsgilde. „Die meisten sind mittlerweile gestorben“, sagt der 86-Jährige. Er war lange als Radio- und Fernsehtechniker bei „Radio Backert“ in Rosenheim tätig. Seine Kameraden von der Feuerwehr fragten ihn deshalb, ob er sich bei der Faschingsgilde um die Technik kümmern will – und Spreitzer sagte zu.
Die vielen Veranstaltungen im Fasching mit dem Berufsleben zu vereinbaren, kann schon mal schwierig werden. Doch Spreitzer hatte Glück: Sein Chef war ebenfalls Mitglied der Faschingsgilde. „Deshalb konnten wir uns gut absprechen“, erzählt der Rosenheimer.
Technik interessiert ihn auch heute noch. Spreitzer ist leidenschaftlicher Amateurfunker. Er hat sich daheim eine Funkstation eingerichtet und nimmt von dort aus Kontakt zu Menschen auf der ganzen Welt auf. „Ich kann nach Frankreich, Amerika oder Japan funken“, erklärt der Rosenheimer. Dabei tauscht er sich mit anderen Funkern aus, meistens auf Englisch. Als er noch jünger war, stand Spreitzer dafür auch mal um drei Uhr morgens auf. Damit es keine Probleme mit der Zeitverschiebung gab. Bei der Feuerwehr war Spreitzer lange Maschinist und fuhr jedes Fahrzeug, egal ob groß oder klein. Mit 60 Jahren war dann Schluss mit dem aktiven Dienst.
Dabei ist er aber immer noch. „Einmal habe ich mir gedacht, jetzt muss ich wirklich aufhören. Aber bei der Feuerwehr haben sie mir gesagt, ich bin unkündbar“, sagt Spreitzer und lacht. Er will so lange dabei bleiben, „bis es nicht mehr geht.“
Spreitzer ist eigentlich gar kein richtiger Faschingsnarr. Als Licht- und Tontechniker steht er bei den Auftritten eher im Hintergrund – das ist ihm gerade recht, wie er selbst sagt. Trotzdem durfte er mit der Gilde schon viel erleben. „Wir sind wirklich viel herumgekommen. Wir waren nicht nur in Bayern, sondern auch in Österreich unterwegs“, erzählt Spreitzer. Auf Veranstaltungen, bei denen nicht „seine“ Leute auftreten, ist er selten anzutreffen. Teil der Faschingsgilde bleibt er dennoch gerne. „Ich mag die Geselligkeit“, sagt Spreitzer. Dass man zusammen etwas auf die Beine stellt, was für den Einzelnen nicht zu schaffen ist. Besonders freute er sich, wenn Musikkapellen oder Künstler wie Hugo Strasser und Max Greger aufspielten. „Es gefällt mir sehr, da zuzuschauen“, sagt Spreitzer.
Der Start in die Faschingssaison ist für ihn oft eine Herausforderung. „Am Anfang ist man gar nicht eingerichtet“, sagt Spreitzer. Da habe er auch noch kein Verlangen nach dem Fasching. „Erst wenn es mit der Generalprobe oder dem ersten Ball losgeht, wird es spannend“, betont er.
Ist das Ganze einmal angelaufen, mache es ihm große Freude. Dann sind die Wochen durchgetaktet, die Gilde tritt an den unterschiedlichsten Orten auf. „Das sind natürlich auch immer andere Gegebenheiten“, sagt Spreitzer.
Er kann sich noch gut an das ein oder andere Missgeschick erinnern. „Einmal haben wir unseren Strom aus einer Steckdose genommen und vorher nicht gefragt“, erinnert sich der Techniker. Während des Auftritts habe man ihm buchstäblich den Stecker gezogen und Musik und Licht gingen aus. Ein andermal wurde Spreitzer von seinen eigenen Leuten vergessen.
„Nach einem Auftritt in Aschau sind alle schon gefahren und ich stand plötzlich alleine da“, erzählt er und lacht. Dabei blieb nur wenig Zeit bis zur nächsten Aufführung in Rosenheim. Glücklicherweise habe ihn noch jemand fahren können.
Enkel übernimmt
Aufgabe
Spreitzer hat zwei Töchter, beide schon über 60, und ebenfalls keine großen Faschingsfans. Auch Spreitzers Lebensgefährtin kann sich dafür nicht begeistern. „Christa schaut sich schon mal einen Auftritt an. Aber faschingsnarrisch ist sie nicht“, sagt er. Trotzdem bleibt die Aufgabe des „Tonministers“ in der Familie Spreitzer. Denn mittlerweile hat Enkel Simon (30) die Aufgabe größtenteils übernommen. „Der ist noch jung und frisch“, betont Spreitzer. Er selbst hat sich vergangenes Jahr, nach seinem 50. Jubiläum bei der Gilde, ein wenig aus dem Faschingsgeschäft zurückgezogen. Ganz aufhören will er aber nicht. „Wenn mein Enkel mich braucht, ruft er an“, erklärt er. Dann ist der 86-Jährige sofort zur Stelle.