Rosenheim – Erwin Lehmann ist seit 2010 Kreisgeschäftsführer des Caritas-Zentrums Rosenheim. Er führte die Hilfsorganisation durch mehrere große Herausforderungen. Nach 15 Jahren in der Position geht der Sozialpädagoge nun in den Ruhestand. Im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen verrät er, mit welchem Gefühl er in die Zukunft blickt und welche Lösungen er für die Sorgenkinder Migration und Pflege sieht.
Herr Lehmann, Sie sind seit 2010 Kreisgeschäftsführer der Caritas. In diese Zeit fielen jede Menge kleinere, vor allem aber auch zwei ganz enorme Herausforderungen: die erste große Migrationswelle ab 2015 und die Lage auf dem Pflegesektor. Gerade beim Letzteren haben Sie schon seit Langem vor einem kommenden Pflegenotstand gewarnt, immer wieder und auch mit deutlichen Worten: „Unser System ist dabei, direkt an die Wand zu fahren“, sagten Sie. Jetzt, da Sie in den Ruhestand treten: Tun Sie es mit Sorge, oder ist da auch ein Funken Hoffnung?
Durchaus mit Hoffnung. Die Situation ist mehr als herausfordernd, keine Frage. Wir sind sozusagen geradezu gezwungen, die Pflege, ja die sozialen Dienste allgemein, zu reformieren. Aber aus diesem Druck heraus entsteht auch Kraft. Gerade auch in Rosenheim. Dass wir mehr in die Kooperation gehen müssen, haben die Wohlfahrtsverbände der Region eigentlich schon 2015 bei der Migrationsfrage verstanden und bewiesen.
In den Jahren zuvor waren die Bemühungen zur Integration von Asylsuchenden allmählich immer weiter zurückgefahren worden, auch bei der Caritas. Es gelang uns aber, binnen zweier Jahre neue Strukturen aufzubauen und dabei im Kreis der Wohlfahrtsverbände zusammen mit dem Landkreis und der Stadt Rosenheim eng zusammenzuarbeiten. Nicht, dass damit schon alle Probleme gelöst wären, aber die Tatsache, dass hier verschiedene Organisationen zusammenwirken, anstatt sich in gegenseitiger Konkurrenz zu sehen, trägt Früchte, bringt uns Schritt für Schritt weiter.
Für mich ist das ein wirklich positiver Ansatz, denn es ist eigentlich doch klar: Ohne Migration werden wir die Arbeit, die in unserer Gesellschaft ansteht, in Zukunft nicht bewältigen können. Deshalb müssen wir es schaffen, geflüchteten Menschen schnell zur Integration zu verhelfen. Die Caritas ist hierfür übrigens selbst ein gutes Beispiel: Im Diözesan-Caritasverband München-Freising zum Beispiel arbeiten rund 10000 Menschen und die sind aus 107 Nationen.
Und die andere große Herausforderung, die Pflege? Das wird sich möglicherweise in Zukunft ja sogar als eine Problemlage einer ganz anderen Größenordnung herausstellen?
Ja und nein. Denn die grundsätzlichen Fehler, die man hier machen kann, bislang auch gemacht hat, sind denen bei der Migrationsfrage sehr ähnlich. Wenn wir so weiterarbeiten wie bisher, werden wir in absehbarer Zeit nicht mehr die erforderlichen Pflegekräfte haben, die wir bräuchten. Ein Pflegesystem, das darauf aufbaut, dass sich die Pflegedienste gegenseitig wirtschaftliche Konkurrenz machen, können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten. Auch hier brauchen wir stattdessen eine Kooperation verschiedener Anbieter. Es macht ja keinen Sinn, dass drei oder mehr Pflegedienste in einen Wohnblock fahren und dort ihre Patienten versorgen. Wir verschwenden zu viel der wertvollen Zeit unserer Pflegekräfte auf der Straße. Wenn daraus aber aktive Zusammenarbeit wird, kommt das dem Entfalten bislang unerkannter Kräfte gleich.
Das klingt sehr schön. Steht dieser Vision von enger Kooperation aber nicht oftmals die banale Realität entgegen? Zusammenarbeit zu fordern ist gut, schwieriger aber ist es, dieses Ziel mit konkreten Inhalten zu füllen.
Das ist im Prinzip richtig. Aber gerade hier sind wir in unserer Region schon deutlich weiter als anderswo. In der Stadt Rosenheim etwa gibt es das Konzept der sozialraumorientierten Jugendhilfe schon seit mehr als 20 Jahren. Mit enormem Erfolg. Die Kostensteigerung im Sektor der Erzieherischen Hilfen beläuft sich in der Stadt auf lediglich 2,3 Prozent.
Könnten Sie dieses „Sparmodell“ näher erläutern?
Es ist kein Sparmodell, auch wenn es andere Städte, bei denen die Kosten weit höher ansteigen, manchmal sogar als solches bezeichnen. Es geht grundsätzlich um ganz etwas anderes: Darum, Hilfeangebote so zu strukturieren, dass sie wirklich frühzeitig helfen und nicht erst eingreifen, wenn das Problem so groß ist, dass es teure Hilfen braucht. Und: Es geht darum, das eigene Potenzial der zu Betreuenden voll und ganz auszuschöpfen.
Ein zentraler Begriff ist deshalb das eigene Wollen, das wenig zu tun hat mit dem Wünschen. Wünschen kann man viel, weshalb zur Erfüllung meist auch eine Fee vonnöten wäre, die einem die ersehnte Veränderung quasi fertig in den Schoß legt. Beim Wollen aber sind auch die eigenen Fähigkeiten, der eigene Einsatz gefragt. Hilfe kann hier bereits auf einem Fundament eigener Aktivität des Betroffenen aufbauen.
Entscheidend dabei auch: Hilfe ist hier nicht sofort als ein Eingreifen von irgendwelchen Organisationen oder des Staates zu sehen. Es geht darum, das Potenzial auszuschöpfen, das in der näheren Umgebung eigentlich bereits vorhanden ist. Nachbarschaftshilfe ist hier ein Stichwort, das dabei nicht nur individuelle Einzelsituationen verbessern kann, sondern am Ende sogar unser soziales Klima insgesamt verbessern könnte.
Ein großes Ziel. Aber auch hier die Nachfrage: Ist es in der Realität tatsächlich zu erreichen?
Meiner Überzeugung nach: eindeutig ja. Denn noch einmal: Das Rosenheimer Sozialraumkonzept bei der Jugendarbeit ist ein Erfolgsmodell, weshalb es die Stadt jetzt ja auch auf die Seniorenhilfe ausdehnen will. Und um auch das noch einmal deutlich zu betonen: Das eigene Potenzial der zu Unterstützenden einzubinden, ist ein wichtiger Teil des Konzeptes. Dazu kommt aber noch die enge Vernetzung aller beteiligten Partner: Nachbarschaft, Freundeskreis, Vereine, Kommune, Verbände und andere Träger. Es geht darum, alle vorhandenen Potenziale zu nutzen, um für den jeweiligen Fall konkrete Hilfspakete zu schnüren. Konkrete Hilfe aber leistet nicht der, der gerade das vermeintlich wirtschaftlich beste Angebot hat, sondern der, der am besten dafür aufgestellt ist und es deshalb auch am effektivsten kann.
Also ist nicht alles schwarz zu sehen?
Ganz und gar nicht. Klar ist natürlich, dass wir noch einen weiten Weg der Umgestaltung, der Transformation vor uns haben. Für mich ist aber entscheidend, dass wir auf diesem Weg nicht planlos im Nebel herumstolpern müssen. Denn im Sozialraumkonzept und den Erfahrungen, die man damit schon gemacht hat, haben wir eine Landkarte, die eine gute Orientierung bietet.
Sie gehen also mit einem eher optimistischen Gefühl in den Ruhestand?
Ja, denn wir haben hier in Stadt und Landkreis Rosenheim in den letzten Jahren eine positive Kultur des Zusammenarbeitens sowohl der Wohlfahrtsverbände untereinander als auch mit den Vertretern von Stadt und Landkreis geschaffen. Das bildet die Grundlage dafür, dass wirklich alle diese Akteure bei der Lösung der Probleme mitgestalten können. Wenn man aber bei einer Problemlösung mitgestalten kann, das habe ich bereits vor vielen Jahren gelernt, dann kann man Vertrauen in den Prozess haben und darauf, dass man miteinander zu einem guten Ergebnis kommt. Ich bin zuversichtlich, dass sich mein Nachfolger auch in diesem Sinne weiter einbringt.
Interview: Johannes Thomae