Eine vollendete Tragödie: Mythos Titanic im Rosenheimer Lokschuppen

von Redaktion

Ausstellung beleuchtet Zeitgeist und Katastrophe und geht unter die Haut – Eröffnung am heutigen Freitag

Rosenheim – Die Titanic ist ein Mythos – auch 113 Jahre nach ihrem Untergang. Warum das so ist, möchte eine Ausstellung im Lokschuppen ergründen, die heute eröffnet wird. Das ist kein leichtes Unterfangen, denn Mythen zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie immer aufs Neue und damit auch immer anders zu erzählen sind. 

Natürlich gehört zur Geschichte der Titanic, dass 1496 Menschen fast schlagartig aus dem Leben gerissen wurden – eben noch in behütetem Luxus auf einem vermeintlich unsinkbaren Schiff und dann – gegen 23.45 Uhr an diesem Abend des 14. April 1912 – mehr oder weniger von jetzt auf gleich in eiskaltes Wasser und in den Tod gestoßen. Für alle, die seither darauf blicken, eine vollendete Tragödie klassisch-griechischen Ausmaßes.

Überlebenskampf
wird greifbar

Mit viel Raum für Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit: Da sind die, die ums eigene Überleben kämpfen, ohne Rücksicht auf Verluste, da sind andere, die im Angesicht des sicheren Todes über sich selbst hinauswachsen, Mitmenschen vor das eigene Überleben stellen. Mit einigen von diesen Passagieren bringt einen die Ausstellung näher in Kontakt, vom Einschiffen über ihre ersten Eindrücke von der Fahrt bis hin zur Kollision mit dem Eisberg und ihrem Tod – oder ihrer Rettung.

Ergreifende Eindrücke – dennoch: So weit wäre die Ausstellung im Lokschuppen noch keine besondere. Und Joan Randall, die Tochter einer Überlebenden des Untergangs, hätte keinen Anlass gehabt, bei der Eröffnungsveranstaltung zu betonen: „Ich habe viele Ausstellungen über die Titanic gesehen. Doch diese hier in Rosenheim gehört mit zu den allerbesten“.

Da ist aber der Anspruch der Ausstellungsmacher, einen weiteren Punkt zu beleuchten, der die Titanic zum Mythos macht. Sie war damals der Inbegriff eines Zeitgeistes, der die Menschheit dank ihrer Beherrschung der Technik vor ungeahntem, ja schier grenzenlosem Aufschwung sah. Eine Zukunftseuphorie, die einem heute so fremd vorkommt, dass es richtiggehend schwerfällt, sich in das damalige Zeiterleben einzufühlen. Vielleicht ist deswegen vielfach in den Erzählungen zur Geschichte der Titanic immer gleich der Verweis auf die menschliche Hybris zu finden, die Warnung, dass Hochmut vor dem Fall kommt. 

In dieses Schema verfällt die Ausstellung nicht, bewusst nicht, wie die Kuratoren um Ausstellungsleiterin Dr. Jennifer Morscheiser, Dr. Peter Miesbeck und Siebo Heinken bei der Eröffnung sagten. Es ist durchaus so, dass auf die Folgen hingewiesen wird, die ein ungebremster Fortschrittsglaube haben kann. Aber dem Positiven dieses damaligen Lebensgefühls, dass Zukunft zu gestalten ist und dass dieses Gestalten die Welt verbessert – diesem Zeitverständnis wird breiter Raum eingeräumt.

Und wer in den ersten Räumen der Ausstellung steht, in der diese Aufbruchsstimmung fast zu greifen ist, fängt, trotz aller Skepsis eines heutigen Menschen, langsam an zu verstehen. Auch die immensen Ausmaße des Schiffes, dargestellt auf großen Bildprojektionen sowie einem Schnitt durch das Schiff, der sich über eine gesamte Raumbreite erstreckt, tragen dazu bei.

Natürlich könnte man einwenden, dass heutige Kreuzfahrtschiffe teils viel größer sind als die Titanic. Doch das sind unförmige schwimmende Hotels, die mit dem Musterbild eines Schiffes, das man in seinem Kopf trägt, nur wenig zu tun haben. Die Titanic aber war eine echte Schönheit, und auch diese Tatsache hat wohl Anteil an ihrem Mythos. Und dennoch bleibt die Ausstellung nicht an dieser Oberfläche. Immer schwingt die Frage mit, ob das Schicksal des Schiffes nicht doch in gewissem Sinn eine Metapher für die Menschheitsgeschichte ist. Denn auf dem Schiff waren alle vereint: die Privilegierten ebenso wie das normale Volk. Und ob es vielleicht nicht dieses Bewusstsein ist, das die Titanic zum Mythos werden ließ.

Der Untergang als
soziale Metapher?

Christian von Aster, der viele Texte an den Hörstationen eingesprochen hat, brachte diesen Gedanken bei der Eröffnung auf den Punkt: „Was wäre, wenn wir auch schon im Sinken begriffen wären und es nur nicht wahrhaben wollten, beschlossen hätten, das Knirschen im Rumpf und die langsam zunehmende Schräglage einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen?“

Ein Gedanke, der wortmächtig auch in einer großen Videoinstallation angesprochen wird, in der die letzten zweieinhalb Stunden der Titanic aufgegriffen werden. Es sind Sätze von Hans Magnus Enzensberger, die im Gedächtnis haften bleiben: „Der Anfang vom Ende ist immer diskret“, heißt es da. Und etwas später: „Was ist los? Oh, es ist nichts!“ Und die Erklärung: „Es ist, als hätten die Passagiere Tabletten geschluckt.“

Trotz dieser Gedanken verlässt man die Ausstellung keineswegs bedrückt und in Weltuntergangsstimmung. Der Kopf ist vielmehr voll von den zahlreichen Eindrücken, die geradezu danach verlangen, die Ausstellung noch einmal zu besuchen – und möglicherweise sogar mehr als dieses zusätzliche eine Mal. Vielleicht unter der kundigen Führung von Menschen wie Elke Steiner, die sich mit rund 20 Kolleginnen und Kollegen seit November auf ihre Aufgabe vorbereitet hat.

Und schließlich gilt wohl auch, was Oberbürgermeister Andreas März in seiner Ansprache meinte: Bei aller Skepsis gegen einen überbordenden Zukunftsglauben, etwas von der Aufbruchsstimmung und der anpackenden Zuversicht, die den Zeitgeist damals prägten, könnte uns heute nicht schaden. Johannes Thomae

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