Rosenheim – Immer mehr junge Menschen erkranken an Darmkrebs. Bisher galten Personen ab einem Alter von 50 Jahren als Hauptrisikogruppe. Inzwischen werden allerdings etwa zwölf Prozent aller neuen Fälle bei Jüngeren diagnostiziert. Woran das liegen könnte, und worauf man besser verzichten sollte, um sein Darmkrebsrisiko zu senken, erklärt der Rosenheimer Gastroenterologe Dr. Stefan Reichel im OVB-Gespräch.
Immer mehr junge Menschen sind von Darmkrebs betroffen. Haben auch Sie in der Region eine Verschiebung feststellen können?
Ja, diese Verschiebung macht sich auch im Praxisalltag bemerkbar, allerdings im Idealfall im Entdecken von Polypen, also den gutartigen Vorstufen von Darmkrebs. Auch wenn Darmkrebs grundsätzlich immer noch als sogenannte Alterskrankheit mit einem Anstieg der Erkrankungsraten ab dem 50. Lebensjahr gilt, nimmt die Zahl an Darmkrebsneuerkrankungen bei jüngeren Erwachsenen kontinuierlich zu. Das beginnt bereits ab der Altersgruppe der über 20-Jährigen.
Wie erklären Sie, dass mehr junge Menschen betroffen sind?
Die Gründe sind derzeit nicht abschließend geklärt. Der Anteil erblicher Tumore mit eindeutig genetisch definiertem Risiko liegt unter zehn Prozent. Neben weiteren derzeit noch unbekannten genetischen Faktoren dürften deshalb auch Umweltfaktoren, insbesondere unter dem Aspekt des Lebensstils, eine Rolle spielen.
Welche Rolle spielt bei Darmkrebs die Ernährung und die Genetik?
Die genauen prozentualen Anteile von Genetik und Ernährung sind derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Aktuell wird die Genetik bei rund 35 Prozent gesehen. Es zeichnet sich jedoch eine Tendenz ab, die neben einer Vielzahl an einzelnen genetischen Risikofaktoren auch zunehmend Faktoren wie Ernährungsgewohnheiten, körperliche Aktivität und Nikotinkonsum in den Fokus rückt.
Hat sich unsere Ernährung im Laufe der Jahre verschlechtert?
Mutmaßlich schon. Der Darm ist die größte Kommunikationsschnittstelle mit unserer Umwelt. Er hat in einem menschlichen Leben rund 30 Tonnen Nahrung zu bewältigen. Was er nicht mag, sind tierische Fette mit ihren gesättigten Fettsäuren, rotes Fleisch und Alkohol. Insbesondere sollte auch der zunehmende Anteil an sogenannten ultra-verarbeiteten Lebensmitteln, also Fertiggerichten wie Tütensuppen, Tiefkühlpizza und Co. reduziert werden.
Bei Älteren ist die Vorsorge schon lange etabliert. Sollten auch Jüngere grundsätzlich regelmäßig zur Vorsorge gehen?
Eine flächendeckende Vorsorgedarmspiegelung wird für beschwerdefreie Frauen und Männer in der gesetzlichen Krankenversicherung ab dem 50. Lebensjahr angeboten. Leider nehmen diese nur rund 20 Prozent der Berechtigten, oft erstmals deutlich jenseits des 50. Lebensjahres, in Anspruch.
Im Falle von Beschwerden, insbesondere Blut im Stuhl oder familiärer Belastung mit Darmkrebs, sollte die Koloskopie im Einzelfall bei Bedarf auch deutlich früher erfolgen.
Welche Symptome können auf Darmkrebs hindeuten?
Ein zumeist langsam wachsender Tumor im Dickdarm verursacht bei den meisten Betroffenen meist lange keine Beschwerden. Zudem sind erste spürbare Anzeichen größtenteils wenig typisch. Diese können sein: veränderte Stuhlgewohnheiten, auffälliger Stuhl, weitere Verdauungsbeschwerden inklusive anhaltender Schmerzen. Da den genannten Beschwerden durchaus auch andere Ursachen zugrunde liegen können, ist eine endoskopische Abklärung unerlässlich.
Wie gut behandelbar ist Darmkrebs im Vergleich zu anderen Krebsarten?
Darmkrebs ist pauschal gesprochen im Vergleich zu anderen Krebsarten natürlich immer in Abhängigkeit des Erkrankungsstadiums gut zu behandeln. Die einmalige Chance besteht jedoch im Gegensatz zu vielen anderen Krebsarten, die im Idealfall möglichst früh erkannt werden können, hier darin, die Erkrankung durch Vorsorgekoloskopien, gegebenenfalls inklusive der Entfernung von Polypen, vollständig zu verhindern.
Wie kann man das Risiko bestmöglich reduzieren?
Neben der nicht beeinflussbaren Genetik bleibt als Chance zur Risikominderung an Darmkrebs zu erkranken, der gesunde Lebensstil. Hierzu zählen regelmäßige Bewegung bei idealerweise normalem Körpergewicht, ausreichende Zufuhr von Ballaststoffen, Obst und Gemüse, Reduktion von rotem Fleisch und Fertiglebensmitteln, kein Nikotin, begrenzter Alkoholkonsum und nicht zuletzt die Vorsorgekoloskopie.
Interview: Patricia Huber