Musikalisches Erinnern an das Kriegsende

von Redaktion

Historischer Verein veranstaltet Friedensfeier mit 200 Musikern und Chören

Rosenheim – „8. Mai? Was soll am 8. Mai gewesen sein?“ Nur wenige werden dieses Datum auf Anhieb einordnen können und mit dem Kriegsende vor 80 Jahren verbinden. Am 8. Mai 1945 schwiegen die Waffen, es endete ein Krieg, dem insgesamt mehr als 50 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind: Soldaten wie Zivilisten, nicht eingerechnet die sechs Millionen von den Nazis ermordeten Juden.

Für den Historischen Verein Rosenheim war nun zweierlei klar: An einem solchen Datum darf man nicht achtlos vorübergehen. Und die passende Erinnerungsform für diesen Tag, der für die ganze Welt wie ein Aufwachen aus einem Albtraum war, ist eine Dankesfeier. So etwas kann man mit vielen Worten machen, die aber, auch wenn sie klug gewählt wurden, am Ende oft nur Schall und Rauch bleiben. Oder aber in einer Form, die viel unmittelbarer ans Herz rührt: mit Musik.

Weshalb am 8. Mai abends um 18.30 Uhr die Christkönigkirche zum Ort eines besonderen Ereignisses wird: Sage und schreibe 200 Musiker bringen die dankbare Erinnerung vereint zum Klingen. Möglich gemacht wird dieses große Konzert, weil ein Orchester – die Stadtkapelle – und drei Chöre – Innphilharmonie Rosenheim, Chorkreis Quirinus, Kirchenchor und Choriamochor Am Wasen – sofort von der Idee einer musikalischen Dankesfeier begeistert waren.

Die Christkönigkirche wurde als Ort nicht von ungefähr gewählt: Nicht nur weil sie groß ist und damit Platz für die vielen Musiker und Gäste bietet. Sondern auch, weil sie im November 1944 selbst beinahe zu einem Kriegsopfer geworden wäre: Der Fehlabwurf einer Bombe zerstörte einen Teil der Außenfassade. Eigentliches Ziel war das Bahnhofsareal, das vom Herbst 1944 bis ins Jahr 1945 hinein intensiv bombardiert wurde.

Obwohl der Abend ganz überwiegend von den Chören und dem Orchester bestritten wird, gibt es doch auch Eindrücke davon, wie in Rosenheim die Tage um das Kriegsende erlebt wurden. Die Stadt wurde schon zwei Tage vor dem endgültigen Kriegsende, nämlich am 6. Mai, übergeben. Dies war das Verdienst einiger Honoratioren, die vorab mit den Amerikanern verhandelten und so am Ende „eine Verteidigung bis zum letzten Mann“, wie das damals hieß, verhindern konnten. Und auch in die ersten Nachkriegstage wird man sich einfühlen können, Ausgangssperren zunächst, auch ein Verbot von privaten Fahrradfahrten, dann das ganz langsame allmähliche Einfinden in die neue Realität ohne Krieg und ohne den Nazi-Staat.

Die Aufklärung darüber wird die Sache von ganz jungen Leuten sein: Eine elfte Klasse des Karolinen-Gymnasiums hat unter der Leitung eines ihrer Lehrer – Roland Moosmüller – ein sogenanntes P-Seminar zum Kriegsende gemacht. Die Schüler werden nach dem Konzert über ihre Erkenntnisse an verschiedenen Tischen berichten. Bilder, in einer Art Diashow zusammengefasst, werden die Zeit noch plastischer machen.

Für Karl-Heinz Brauner, den Vorsitzenden des Historischen Vereins, wie für die Musikalischen Leiter des Konzertes, Peter Weber und Andreas Penninger, ist die dankbare Erinnerung an das Kriegsende gerade heute ein Muss: Der Krieg hat mittlerweile wieder Europa erreicht, wird dabei aber allzu oft wie ein Computerspiel behandelt: Es geht um Geländegewinne, um siegreiches Vorrücken oder um taktische Rückzüge, um die Fähigkeiten verschiedener Waffensysteme. Dass dabei Menschen umkommen, dass damit nicht nur für die Getöteten, sondern auch für deren Angehörigen ein Leben gänzlich zerstört wird, jeweils eine ganze individuelle Welt mit all den Hoffnungen, Träumen und Wünschen, die damit verbunden sind – das wird oft einfach beiseitegelassen. „Das Gedenkkonzert verweist auch darauf“, sagt Karl-Heinz Brauner, „denn über die Erleichterung, die die Menschen nach dem Kriegsende erfüllte, führt es zwar indirekt, aber greifbar vor Augen, was Krieg eigentlich bedeutet.“Johannes Thomae

Artikel 1 von 11