Rosenheim – Rund 160 Besucher waren kürzlich im Rosenheimer Bildungszentrum zum „Fachtag Neurodiversität im Fokus Schule“ gekommen. Der soziale Träger „Startklar“ veranstaltete das Event und hatte mehrere Experten geladen. Darunter Forscher wie Prof. Dr. André Zimpel, aber auch Autisten selbst kamen zu Wort. Bürgermeisterin Gabriele Leicht (SPD) und der in Rosenheim geborene „Star-Kriminologe“ Mark Benecke sprachen die Grußworte.
Einzigartig: 86
Milliarden Zellen
Zimpel, Psychologe und Leiter des Zentrums für Neurodiversitätsforschung an der Universität Hamburg, stellte in einem interessanten, aber auch unterhaltsamen Vortrag die Ergebnisse seiner Arbeit vor. Seine Botschaft: Angesichts von 86 Milliarden Zellen taucht kein menschliches Hirn zweimal auf – selbst bei eineiigen Zwillingen nicht. „Unser Hirn ist lediglich so groß wie eineinhalb Stück Butter, aber es ist kompliziert wie eine Stadt. Schaut man sich nur einen Kubikmillimeter davon unter dem Mikroskop an, erkennt man dort mehr Verbindungen, als die Milchstraße Sterne hat“, erklärte Zimpel.
Das Schulsystem müsse entsprechend auf Neurodivergenz reagieren: „Manche Kinder werden als neurodivergent gelesen, weil sie Normen, Erwartungen und Standards nicht erfüllen können. Das können sie höchstens unter unmenschlichen Anstrengungen. Sie brauchen vor allem einen Nachteilsausgleich, weil die Umwelt auf ihre Gehirne nicht eingerichtet ist.“
Der Forscher wies zudem darauf hin, dass durch die fehlende Förderung neurodivergenter Menschen etliches an Potenzial verloren geht. „Menschen im Autismus-Spektrum erkennen viel besser Details. In Hightech-Unternehmen hat man festgestellt, dass sie viermal weniger Fehler machen. Menschen im ADHS-Spektrum haben eine höhere Risikobereitschaft – deswegen finden wir in vielen erfolgreichen Firmen überproportional viele solcher Leute.“
Stephanie Fuhrmann, selbst Autistin, stellte in ihrem Impulsreferat die Arbeit des Projekts „schAUT – Schule und Autismus“ vor. Leidenschaftlich plädierte sie für den richtigen Umgang mit betroffenen Kindern. Ihr Argument: Alle, also auch die neurotypischen Schüler, würden von entsprechenden Anpassungen im Schulalltag profitieren. Sie und ihre Mitstreiter haben neben einer umfangreichen Forschung auch entsprechende Leitfäden erarbeitet. Die entsprechenden Materialien wurden vom Autismusverein Rosenheim gespendet und an alle Anwesenden verteilt.
Darunter eine sogenannte „Handreichung“ und ein Fragebogen, mit dem die individuellen Barrieren im schulischen Zusammenhang erfasst werden können. Die digitalen Vorträge von Fachberaterin Stefanie Meer-Walter und dem Autismus-Coach Florian Malicke rundeten das Programm ab. Beide erklärten, wie sich Schulen auf die Herausforderungen einstellen können. Dabei berichtete Malicke, der die Autismus-Diagnose erst im Erwachsenenalter erhalten hat, aus seinem Alltag in der Schule. Einig waren sich alle Beteiligten, dass es Mut benötige, um die wichtigen, aber teils leicht umzusetzenden Maßnahmen zu ergreifen. Schließlich habe jedes Kind das gesetzliche Recht, eine Regelschule zu besuchen. Stichwort: Inklusion. In einer Podiumsdiskussion mit Zimpel, Katrin Kumberger von „Startklar“ und Ex-Schulleiterin Inge Thaler wurden die Probleme, aber auch die bisherigen Erfolge an den Bildungseinrichtungen diskutiert. Die Zuschauerinnen und Zuschauer hatten zudem die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Unter ihnen waren viele Lehrer, Fachkräfte aus der sozialen Arbeit sowie Eltern und Betroffene. Weitere Fachtagungen dieser Art sollen folgen.