„Haben sehr steinigen Weg vor uns“

von Redaktion

Interview Tierschutzverein-Vorsitzende Andrea Thomas über Fundtiere und steigende Kosten

Rosenheim – Um die gestiegenen Kosten zu decken und das Rosenheimer Tierheim finanziell zu entlasten, sollen die Zahlungen für Fundtiere erhöht werden. Warum daran kein Weg vorbeiführt, welche Alternativen es gibt – und wie Andrea Thomas, Vorsitzende des Tierschutzvereins, die aktuelle Situation einschätzt, verrät sie im OVB-Exklusivinterview.

In den vergangenen Wochen hat der Tierschutzverein die bestehenden Fundtiervereinbarungen mit mehreren Gemeinden gekündigt. Warum?

Die derzeitige Höhe der Pauschale deckt die Kosten für die medizinische Erst- und Nachversorgung, die medizinische Weiterbehandlung der Tiere sowie die Unterbringung und Pflege der Tiere im Tierheim bis zur Vermittlung nicht mehr ab.

Weil alles teurer geworden ist?

Ja, wir haben in allen Bereichen eine hohe Kostensteigerung zu verzeichnen. Allein die Kosten für tierärztliche Behandlungen beliefen sich im Jahr 2024 auf 564.000 Euro. Die Gesamtkosten für den Zweckbetrieb des Tierheims lagen bei 1,4 Millionen Euro. Die Gesamteinnahmen durch kommunale Fundtiervereinbarungen lagen aber gerade einmal bei 205.000 Euro, obwohl wir durchschnittlich 70 bis 80 Prozent Fundtiere beherbergen. Hier kann rechnerisch etwas nicht stimmen.

Wie hoch sind die Kosten, die für das Tierheim aufgrund der Fundtiere anfallen?

Wenn man es umrechnet, sind es circa 800.000 Euro. Diese Summe ist für die Kommunen vielleicht schwer nachvollziehbar, aber die Fixkosten für den Betrieb des Tierheims müssen wir ja auch mit einrechnen. Und man darf nicht vergessen, dass wir 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche erreichbar sind. Auch wird häufig übersehen, dass viele Fundtiere vom Besitzer bei uns wieder abgeholt werden. Würden diese Tiere alle in den Rathäusern abgegeben, wäre da echt was los.

Was war die ursprüngliche Idee hinter den Fundtiervereinbarungen mit den Kommunen?

Dadurch sollten die Abwicklung vereinfacht und die Zuständigkeiten klar definiert werden. Außerdem hätte sich der Tierschutzverein Rosenheim auf diese Finanzierungssäule verlassen können.

Genau das ist aber eben nicht der Fall.

Aus diesem Grund haben wir im November 2024 einen Brandbrief an alle Kommunen geschrieben. Unsere Forderung war, dass die Pauschalen jährlich auf einen Euro pro Einwohner erhöht werden. Wäre es dazu gekommen, würde die Situation in unserem Tierheim jetzt vielleicht besser aussehen.

Aber?

Die meisten Gemeinden haben gar nicht auf unseren Hilferuf reagiert. Zudem gibt es sogar Gemeinden, die noch nicht einmal ihre vertraglichen Pauschalen fristgerecht gezahlt haben oder zahlen. Das finden wir schockierend. Zumal die Kommunen dafür ja Rücklagen gebildet haben.

Wieso müssen Kommunen überhaupt für Fundtiere aufkommen?

Grundsätzlich fallen Fundtiere, auch verletzte und erkrankte, in die Zuständigkeit der Gemeinde, in der sie aufgefunden werden. Diese Verpflichtung ergibt sich aus den Paragrafen ab 965 des Bürgerlichen Gesetzbuches sowie Paragraf 2 des Tierschutzgesetzes. Auch wenn die Kommune einen Vertrag mit einem Tierheim abgeschlossen hat, bleibt sie rechtlich verantwortlich – ein Vertrag regelt nur die praktische Umsetzung, nicht aber die Kostentragungspflicht. Mehrere Gerichte haben dies bestätigt, zuletzt das Bundesverwaltungsgericht am 26. Juni 2024.

Wie hoch sind die Pauschalen?

Die meisten Pauschalen stagnieren seit Jahren bei 0,50 Euro pro Einwohner pro Jahr, einige wenige Gemeinden haben 0,75 Euro gezahlt, nur vier Gemeinden einen Euro. Allerdings haben wir tatsächlich alle Verträge gekündigt, weil ein Euro auch nicht mehr kostendeckend ist.

Würden Spenden helfen?

Spenden sind das Allerwichtigste für unseren gemeinnützigen, regionalen Verein. Aber Spenden oder Vereinsmittel dürfen nicht dazu dienen, kommunale Aufgaben zu ersetzen beziehungsweise Defizite auszugleichen. Außerdem ist der Tierschutzverein verpflichtet, den Betrieb des Tierheims so lange wie möglich sicherzustellen. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass dies aktuell nur durch gelegentliche Erbschaften und Nachlässe möglich ist. Sollten diese ausbleiben, wird eine Schließung des Tierheims irgendwann unausweichlich sein.

Wie geht es mit der Fundtierversorgung jetzt weiter?

Jede Kommune hat die Möglichkeit, weiter mit uns zusammenzuarbeiten. Dann werden wir aber Fundtiere nur noch einzeln berechnen. Heißt: Die Kommune zahlt die tierärztliche Behandlung und die Aufenthaltsdauer im Tierheim bis zur Vermittlung. Hier wird ein Tagessatz in Rechnung gestellt, der sich aus den Betriebskosten, den Personal- und Futterkosten errechnet und den auf der Homepage angegebenen Tagespensionssätzen entspricht.

Bei Katzen wären das 22 Euro pro Tag, bei Hunden 35 Euro. Wird es für die Kommunen und Gemeinden damit nicht deutlich teurer?

Na ja, teurer muss es ja werden, sonst würden wir auch weiterhin drauflegen. Und es hilft ja nichts: Wie sollen wir sonst die hohe Kostensteigerung in allen Bereichen ausgleichen? Allerdings kann es natürlich auch sein, dass durch die Einzelberechnung manch eine Gemeinde weniger Kosten hat als mit einer Pauschale. Das kommt ja immer auf die Anzahl der Fundtiere an und die kennen wir im Voraus nicht.

Interessant.

Sollte das Tier innerhalb von sechs Monaten zum Beispiel aufgrund chronischer Krankheiten oder Verhaltensauffälligkeiten nicht vermittelt werden können, trägt der Tierschutzverein Rosenheim die weiter anfallenden Kosten. Ansonsten gilt die Regelung analog der Aufbewahrungsfrist für Fundsachen. Selbstverständlich ändert es sich bei dieser Art der Abrechnung nicht, dass das Tierheim auch künftig täglich und durch unser Notfalltelefon nachts, an Wochenenden und an Feiertagen für private Finder und die Polizei erreichbar ist.

Gibt es bereits Gemeinden, die einer Einzelabrechnung zugestimmt haben?

Leider haben wir bisher nur einige offizielle Rückmeldungen, konkret aus Aschau, Prien, Raubling, Gstadt, Prutting und Stephanskirchen, für die wir ab dem 1. Januar 2026 weiterhin tätig sein können. Das Einverständnis der Kommunen benötigen wir, denn analog zu einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 26. April 2018 muss die Fundbehörde – also hier die Gemeinde – einem Tierschutzverein die Aufwendungen für die Inobhutnahme des Tieres grundsätzlich nur ersetzen, wenn sie ihn damit beauftragt hat.

Und wie geht es mit den anderen Gemeinden weiter?

Das wissen wir nicht. Es gäbe ja auch noch andere Tierschutzeinrichtungen oder Pensionen. Vielleicht richtet die Gemeinde ja auch selbst eine artgerechte Unterbringungsmöglichkeit im Rathaus im 24-Stunden-Modus ein? Es gibt zudem auch Gemeinden, die nie einer Fundtiervereinbarung zugestimmt haben und schon immer Einzelberechnungen bekommen – zum Beispiel Bad Endorf. Andere Gemeinden – wie Tuntenhausen – haben Vereinbarungen mit dem Tierheim Ostermünchen.

Wie sieht es in Bad Aibling und Bruckmühl aus?

Die Pauschalverträge haben längere Kündigungsfristen und werden somit noch bis Ende oder Mitte des nächsten Jahres weiterlaufen. Das tut uns insbesondere bei der Stadt Bad Aibling weh, da die aktuelle Pauschale leider viel zu niedrig ist. Deshalb hoffen wir sehr, dass wir von dort nicht allzu viele kostenintensive Fundtiere bis zum Vertragsende im Juni 2026 aufnehmen müssen.

Was ist mit der Stadt Rosenheim?

Auch dort gibt es einen Pauschalvertrag mit einer längeren Kündigungsfrist. Aber: Es gibt sehr konstruktive Gespräche. Die Erstattung der Kosten kann mit den vier Gemeinden aus dem Landkreis mithalten, die bereit waren, einen Euro zu zahlen. Der Vertrag mit der Stadt läuft noch bis Ende nächsten Jahres. Wir bereiten gerade die Zahlen der tatsächlich angefallenen Kosten im Jahr 2025 vor. Dann müssen wir schauen, wie es weitergeht und ob wir eine gute Lösung finden können.

Sicherlich keine schlechte Idee.

Ja, zumal sich unser Tierheim im Rosenheimer Stadtgebiet befindet. Wir nehmen fast jeden dritten Tag ein Fundtier aus Rosenheim auf. Die gute Nachricht: Die Bürger der Stadt Rosenheim können sicher sein, dass die Fundtierversorgung auch im Jahr 2026 noch gewährleistet sein wird und wir die erste Anlaufstelle für vermisste Tiere sind.

Die Zukunft des Tierheims sieht alles andere als rosig aus.

Wir haben tatsächlich einen sehr steinigen Weg vor uns und hoffen, das Tierheim so lange wie möglich betreiben zu können. Was man nicht vergessen darf: Unser Tierheim übernimmt wichtige kommunale Aufgaben und ist damit Teil der Infrastruktur vor Ort. Es bietet eine flächendeckende Vorsorge zur amtlichen Verwahrung von gefundenen und beschlagnahmten Tieren und übernimmt damit eine Pflichtaufgabe der Kommunen. Gleichzeitig nimmt es auch solche Tiere in Obhut, deren Besitzer sie nicht länger halten können oder wollen. Während der Corona-Pandemie wurden wir nicht ohne Grund als Teil der kritischen Infrastruktur anerkannt. Anna Heise

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