Rosenheim – Die Dinge, die Lisa-Marie Grüber und Louisa Hofstetter tagtäglich zu Gesicht bekommen, sind nichts für schwache Nerven. „Die Fähigkeit, Blut sehen und gewisse Gerüche aushalten zu können, muss man schon mitbringen“, sagt Hofstetter. Sie und Grüber arbeiten bei den Romed-Kliniken und stehen fast täglich mehrere Stunden im Operationssaal – bei offenen Knochenbrüchen, Darmeröffnungen und brenzligen Notfällen. Lisa-Marie Grüber als anästhesietechnische Assistentin (ATA) und Louisa Hofstetter als operationstechnische Assistentin (OTA).
Staatspreis der
Regierung erhalten
Allzu lange machen die jungen Frauen den Job allerdings noch nicht. Erst im vergangenen Jahr schlossen die 20-jährige Hofstetter aus Rosenheim und die 23-jährige Grüber aus Riedering ihre dreijährige Ausbildung ab. Und dabei lieferten die beiden so gute Leistungen ab, dass sie den Staatspreis der Regierung von Oberbayern erhielten. Dafür darf die Note im dritten Lehrjahr nicht unter 1,5 fallen – was sowohl Grüber als auch Hofstetter deutlich unterboten.
Dass es in die medizinische Richtung geht, sei für Lisa-Marie Grüber früh klar gewesen. „Ich habe mich schon immer für Medizin interessiert, auch oft Serien und Filme aus dem Bereich angeschaut“, erzählt sie. Nach ihrem Realschulabschluss hat die 23-Jährige ein erstes Praktikum gemacht – und habe gleich mal zu einer Operation mitgehen dürfen. „Da war ich sehr aufgeregt, aber auch genauso begeistert“, erinnert sich Grüber. Nach dem Fachabitur ging es daher direkt auf die Berufsfachschule für ATAs und OTAs in Rosenheim. Dort traf sie auf Louisa Hofstetter, die sich nach einigen Überlegungen ebenfalls für den Beruf entschied. „Das Interesse für Medizin, Anatomie und die Funktionsweise vom Körper hatte ich aber schon immer“, sagt die 20-Jährige. Bevor sie sich bewarb, wollte sie aber auf Nummer sicher gehen: „Man muss schon schauen, ob die Arbeit im OP mit Mundschutz und sterilen Handschuhen wie auch den unterschiedlichen Geräuschen etwas für einen ist“, sagt Hofstetter. Die Frage habe die Rosenheimerin aber schnell beantworten können. „Bei der ersten OP, bei der ich dabei war, ging es um eine Sprunggelenksluxationsfraktur“, sagt Hofstetter. Als sie sah, wie der Bruch operiert wurde, sei sofort klar gewesen: Das ist der richtige Beruf. Allerdings entschieden sich die beiden Frauen für unterschiedliche Richtungen. Lisa-Marie Grüber zog es zu den anästhesietechnischen, Hofstetter zu den operationstechnischen Assistenten. Das Team der ATAs ist zunächst für die Begrüßung der Patienten im OP zuständig. Einige von ihnen seien aufgeregt, einige redeten vor lauter Aufregung ohne Pause, wieder andere seien komplett still oder weinten. „Wir versuchen, sie zu beruhigen oder halten auch mal die Hand, wenn es gewünscht ist“, sagt Grüber.
Dann bereiten sie und ihre Kollegen alles für die Narkose vor, legen bei den Patienten die Zugänge und assistieren dem Anästhesisten. Während der OP überwacht Lisa-Marie Grüber unter anderem die Vitalzeichen der Patienten. „Wir sorgen dafür, dass sie die ganze Zeit einen guten Schlaf haben und wieder schmerzfrei aufwachen“, sagt die 23-Jährige. Auch im Aufwachraum betreuen die ATAs die Patienten noch so lange, bis sie wieder auf ihre Zimmer gebracht werden.
Vorher kommen aber erst Louisa Hofstetter und die OTAs zum Einsatz. „Wir sind dafür zuständig, den Patienten im OP-Saal zu lagern, die sterilen Instrumente und die Medizinprodukte wie zum Beispiel Implantate oder Prothesenkomponenten vorzubereiten und dann den Operateuren zu instrumentieren“, sagt Hofstetter. Heißt: Sie sind mitten im Geschehen, stehen oft auch am OP-Tisch – und das manchmal über Stunden hinweg. „Das ist aber kein Problem, man ist da so konzentriert und fokussiert, dass man weder Hunger noch Durst hat. Das blendet man aus“, sagt die Rosenheimerin und lacht. Erst am Abend komme die Erschöpfung. Die Konzentration müsse aber auch die ganze Zeit hoch sein. Schließlich haben sowohl die ATAs als auch die OTAs eine große Verantwortung. Das gehöre auch zu den großen Herausforderungen in dem Job, betont Louisa Hofstetter. „Das gesamte OP-Team muss den Operationsstandard kennen“, sagt sie. Nicht nur die operierenden Mediziner. Jeder ihrer Handgriffe müsse sitzen. „Wir haben zum Beispiel acht verschiedene Pinzetten, bei Darmeingriffen dürfen aber nach der Eröffnung keine scharfen Instrumente verwendet werden“, sagt sie. Ein Griff daneben darf nicht passieren.
Die richtigen Handgriffe gingen einem während der Ausbildung aber irgendwann ins Blut über. „Das sind Automatismen, die man einfach drin hat. Zudem wird auch die Routine immer größer“, sagt Lisa-Marie Grüber. Und die braucht es aber auch manchmal. Zum Beispiel dann, wenn es um Notfälle oder Operationen geht, bei denen das OP-Team um das Leben des Patienten kämpft.
Zunächst müsse in diesen Momenten Ruhe bewahrt werden. „Auch das lernt man mit der Zeit“, sagt Grüber. Zumal es für solche Fälle ein Notfallmanagement gebe. „Das üben wir regelmäßig und in der Ausbildung wird das sehr oft durchgesprochen“, sagt Louisa Hofstetter. In den stressigen Situationen sei man deshalb wie im Tunnel, beschreibt die 20-Jährige das Gefühl. „Es geht dann nur noch darum, alles dafür zu tun, dass wir den Patienten in einer lebensbedrohlichen Situation helfen und alle mit einem guten Gefühl nach Hause gehen können.“ Ganz entscheidend sei dabei auch die Kommunikation im Team. Reden sei auch die beste Hilfe, wenn es mal nicht gut ausgeht. Das gehöre zwar auch zu dem Beruf, sei aber eine Seltenheit, betonen die beiden jungen Frauen. Auf der anderen Seite gebe es auch viele schöne Momente: „Zum Beispiel, wenn man im Aufwachraum die Dankbarkeit der Patienten merkt“, sagt Grüber. Daher sei für beide auch zu jeder Zeit klar gewesen, die Ausbildung trotz der ein oder anderen belastenden Situation bis zum Schluss durchzuziehen – und das mit hervorragenden Leistungen.
Nicht nur die Note
ist entscheidend
Damit stehen die beiden aber nicht allein da. Insgesamt 23 Absolventen verschiedener Ausbildungen bei Romed haben im vergangenen Jahr den Staatspreis bekommen. Für diesen kommen „besondere Ausbildungsleistungen“ an allen öffentlichen und privaten Berufsschulen, Berufsfachschulen und Wirtschaftsschulen in Oberbayern in Betracht. Aber nicht nur die Note sei entscheidend. „Die weitere Auswahl erfolgt nach sozialen Kriterien wie etwa der Vorbildung, den persönlichen Verhältnissen der Absolventen, den individuellen Gegebenheiten während der Ausbildung und ehrenamtlichem Engagement“, teilt Wolfgang Rupp, Pressesprecher der Regierung von Oberbayern, mit. Der Staatspreis sei nicht nur eine staatliche Anerkennung, sondern könne auch bei Bewerbungen ein Vorteil sein, sagt Rupp. Louisa Hofstetter und Lisa-Marie Grüber wollen jetzt aber erst mal bei Romed bleiben und ihr Wissen vertiefen – die eine in Prien, die andere in Rosenheim.