Rosenheim – Die Fenster im Operationssaal am Romed-Klinikum sind abgedunkelt. In der Mitte des Raums liegt ein narkotisierter Patient, drumherum stehen operationstechnische Assistenten, Ärzte – und „Roberta“. Die braucht viel Platz, denn bei „Roberta“ handelt es sich um einen Operations-Roboter mit vier Armen und zwei Konsolen zur Steuerung. Sie „operiert“ seit dem Frühjahr 2025 am Romed-Klinikum Rosenheim.
Besser gesagt: Der zuständige Chirurg operiert mithilfe des Roboters. Heute ist das Prof. Dr. Kai Nowak, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Gefäß- und Thoraxchirurgie. Er kennt sich aus mit dem Da-Vinci-OP-Roboter, den das Team „Roberta“ getauft hat. „Ich habe schon viele Hundert Eingriffe damit durchgeführt“, erzählt Nowak. Um das zu dürfen, müssen Mediziner und das OP-Personal entsprechend geschult werden. Denn: „Robotik ist genauso wie Chirurgie Teamarbeit“, betont Nowak.
Der Chirurg kann „Roberta“ mit seinen Händen und sogar den Füßen bedienen. Dafür setzt er sich direkt vor eine der Konsolen, platziert die Arme auf der Ablage und Daumen und Zeigefinger in den dafür vorgesehenen Vorrichtungen. Die Füße landen auf den Pedalen.
Bild enorm
vergrößert
Den Blick richtet Nowak nicht auf den Patienten, sondern auf das Sichtsystem des Roboters. Es erinnert an eine Virtual-Reality-Brille, ist aber fest in der Konsole verbaut. Darin kann er das Innere des Patienten sehen. Das Bild ist dreidimensional und enorm vergrößert, links und rechts sind Lautsprecher angebracht. „Dadurch hat man das Gefühl, man sitzt direkt im Bauch“, betont der Chirurg. So könne man auf engstem Raum wahnsinnig viel operieren.
Damit Ärzte das dürfen, müssen sie aber zuerst ein Online-Training sowie ein Trockentraining an der Maschine absolvieren. Dafür gibt es einen Simulator, der durch verschiedene Aufgaben und Level führt und sogar eine echte Operation nachstellen kann. „Mithilfe des Simulators werden Grundfertigkeiten trainiert“, erklärt Nowak.
Sobald diese sitzen, kann der Arzt gemeinsam mit einem Profi wie Nowak am Patienten operieren. Da es zwei Konsolen gibt, funktioniert das ähnlich wie in einem Fahrschulauto. „Ich kann dem Kollegen mehrere Instrumente übergeben, aber auch ganz schnell wieder selbst übernehmen“, betont der Chefarzt.
Und das ist auch wichtig, denn die Bedienung des Roboters ist anfangs ungewohnt. Nowak operierte das erste Mal 2013 mit einer solchen Maschine. Für ihn sei das surreal gewesen. „Wenn ich mit der Hand operiere, habe ich ein Gefühl für das Gewebe. Mit dem Roboter, der quasi meine Arme verlängert, ist das nicht so“, erklärt Nowak. Das sei die größte Umstellung gewesen.
Bevor es an diesem Vormittag mit der OP losgeht, wird der Bauchraum des Patienten mit Kohlenstoffdioxid gefüllt. So haben alle Instrumente genügend Platz und Chirurg Nowak eine bessere Sicht. Die Assistenten positionieren „Robertas“ Arme so, dass sie an vier Stellen durch kleine Schnitte in den Körper des Patienten führen. Das ist nicht immer so, wie Nowak erklärt. Manchmal brauche man nur drei Arme, manchmal hätte er gerne noch einen mehr zur Verfügung.
„Wenn der Roboter erst einmal angeschlossen ist, darf sich der OP-Tisch mit dem Patienten nicht mehr bewegen“, betont Nowak. Die Arme der Maschine sind nämlich starr und passen sich den Bewegungen nicht an. Deshalb brauche auch der Patient eine starke Narkose.
Das bestätigt auch Lina Raithel, Assistenzärztin an der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin. Sie steht am Kopf der Person auf dem OP-Tisch und überwacht gleich mehrere Bildschirme. „Patienten müssen eine sichere, tiefe Narkose haben“, betont Raithel. Damit sie beispielsweise nicht husten. Raithel zufolge haben Menschen während der Narkose auch eine schlechtere Wärmeregulation.
Es gebe viele freie Flächen, an denen sie Wärme verlieren. „Deshalb wärmt ein Gebläse mit Luft über spezielle Decken den Patienten“, erklärt Raithel. Insgesamt unterscheide sich die OP mit Roboter aber sonst nicht von anderen Eingriffen.
Der heutige Patient hat Dr. Kai Nowak zufolge eine paraösophageale Hernie. „Ein Teil des Magens ist in den Brustraum neben der Speiseröhre gerutscht“, erklärt der Chirurg. Das verursachte Beschwerden. Deshalb zieht und zerrt Nowak nun mithilfe von „Roberta“ den Magen wieder nach unten in den Bauchraum und verkleinert das Loch, durch das er zuvor nach oben gerutscht war.
Doch nicht nur in diesem Fall darf „Roberta“ ran. „Es gibt kaum Bereiche, in denen der Roboter noch nicht zum Einsatz kommt“, erklärt Nowak. Der Schwerpunkt liegt ihm zufolge aber bei Tumoroperationen. „Das betrifft Patienten, die etwa Speiseröhren-, Lungen-, Darm- oder Bauchspeicheldrüsentumore haben“, so Nowak.
Gerade Lungenkrebsoperationen seien sehr anspruchsvoll. „Oftmals müssen anatomische Teile der Lunge entfernt werden, damit der Patient ein möglichst geringes Risiko hat, wieder Lungenkrebs an derselben Stelle zu entwickeln.“ Dabei muss der Chirurg sehr genau arbeiten. Mithilfe des OP-Roboters klappt das gut. Auch das leichte Zittern, das jeder Mensch in seiner Hand habe, gleiche „Roberta“ aus. Nowak hat sich schon daran gewöhnt, dass die Roboter-Dame seine Bewegungen für ihn am Patienten ausführt. „Mir geht das mittlerweile so leicht von der Hand wie das Autofahren“, sagt er.
Maschine handelt
nicht selbst
Patienten werden vorab darüber informiert, dass ein Roboter zum Einsatz kommt. Wichtig ist, dass ihnen klar ist, dass ein Chirurg den Roboter bedient und nicht die Maschine selbst operiert. Für Patienten bedeutet das einige Vorteile im Vergleich zu anderen Verfahren. „Sie haben weniger Schmerzen, sind schneller wieder mobil, müssen weniger lange im Krankenhaus bleiben“, zählt Nowak auf.
Denn wo ohne Roboter und nicht minimalinvasiv mit möglichst kleinen Schnitten operiert wird, sind öfter deutlich größere Schnitte nötig. „Da kann schon mal eine 20 bis 30 Zentimeter lange Narbe bleiben“, erklärt der Chirurg. Hinzu komme, dass man so die Bauchdecke zerstöre, was wiederum das Risiko von weiteren Brüchen erhöhe. „Die Zahl von Robotern in meinem Fachbereich wird rasant zunehmen“, sagt Nowak. Grund dafür seien einerseits der Fachkräftemangel und die viel schnellere Ausbildung, aber auch die höhere Präzision. „Die Kosten für die Robotik sind im Moment noch sehr hoch. Aber sie werden immer weiter sinken“, so der Chefarzt.
Die Person mit der paraösophagealen Hernie konnte Dr. Kai Nowak mithilfe von „Roberta“ an diesem Vormittag erfolgreich operieren. Sie liegt noch immer seelenruhig auf dem OP-Tisch. Jetzt werden die Arme des Roboters aus ihrem Körper entfernt, andere chirurgische Instrumente zur Seite gelegt. Eine OP-Assistentin drückt auf einen Knopf. „Da Vinci wird heruntergefahren“, sagt „Roberta“. Sie wird sich erst wieder bei der nächsten Operation bewegen, wenn Dr. Kai Nowak oder ein Kollege an der Konsole sitzt.