Rosenheim – Ein Zwicken im Rücken, eine leichte Verstauchung oder Fieber: Statt einen Termin beim Hausarzt auszumachen, wählen viele Menschen die Nummer des Rettungsdienstes – oder machen sich selbst auf den Weg in die Notaufnahme. Oft mit Folgen. Denn Bagatellfälle werden immer häufiger zu einem Problem für die Krankenhäuser und führen im schlimmsten Fall zu einer Überlastung der Notaufnahmen.
Standardisierte
Ersteinschätzung
Das weiß auch Dr. Michael Bayeff-Filloff. Er ist der Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am Rosenheimer Romed-Klinikum und ärztlicher Landesbeauftragter des Rettungsdienstes im bayerischen Innenministerium. „Die Belastung durch niedrigschwellig Hilfesuchende ist hoch“, sagt der Experte auf OVB-Anfrage.
Deswegen hat man sich in Rosenheim etwas einfallen lassen. Alle Patienten werden in der Rosenheimer Notaufnahme ihm zufolge mittels einer standardisierten Ersteinschätzung in ihrer medizinischen Dringlichkeit in fünf Stufen erfasst. Heißt vereinfacht: Wer schwer verletzt ist, wird vorgezogen und sofort behandelt.
Wer mit einer leichten Erkältung in der Notaufnahme aufschlägt, wird zwar ebenfalls behandelt, muss in Spitzenzeiten aber mit mehreren Stunden Wartezeit rechnen.
In Rosenheim arbeitet man dabei mit verschiedenen Farben. Patienten der Stufen Rot und Orange müssen sofort beziehungsweise sehr dringlich behandelt werden, also innerhalb von zehn Minuten. Patienten in der untersten Stufe sollten innerhalb von 120 Minuten einen Arzt sehen.
Die sogenannten Bagatellfälle, bei denen es eigentlich genügen würde, wenn sie am selben oder am nächsten Tag einen Haus- oder Facharzt aufsuchen würden, werden mithilfe von einer medizinischen Fachkraft am Computer durch einen Fragebogen geführt. Innerhalb kürzester Zeit erhalten sie eine Empfehlung, an welchen Arzt sie sich wenden sollten. „Das kann im Zweifelsfall dann doch die Notaufnahme sein, häufig ist es aber eben der Haus- oder Facharzt“, sagt Michael Bayeff-Filloff.
Um diesen Patienten schnellstmöglich einen Arzttermin anbieten zu können, kooperiert das Romed-Klinikum Rosenheim untertags an Werktagen mit zahlreichen Praxen, die sich im Umfeld des Krankenhauses befinden. „Dies entlastet nicht nur die Notaufnahme, sondern bewahrt auch den Patienten vor zu langen Wartezeiten“, weiß der Chefarzt. Dieses Vorgehen wird als sogenanntes „Rosenheimer Modell“ bezeichnet und findet sich so im Gesetzentwurf des Bundes zur bald erwarteten Notfallreform.
Trotzdem gibt es noch viel zu tun. Denn nach wie vor zieht es viele Menschen in die Notaufnahme, die dort eigentlich nichts zu suchen hätten. Statt online selbst den richtigen Behandlungspfad zu ermitteln oder sich eine telefonische Ersteinschätzung der Kassenärztlichen Vereinigung unter der Nummer 116117 abzuholen, landen viele in der Notaufnahme.
„Oft scheitert dies am geringen Bekanntheitsgrad der genannten Angebote. Das Internet fördert außerdem das Anspruchsdenken mancher Bürger, die glauben, sie müssten sofort ins CT oder MRT“, sagt Michael Bayeff-Filloff. Zudem existiere die Gruppe der sogenannten Frequent User, die wiederholt die Notaufnahme oder den Rettungsdienst beanspruchen. Auch oft aufgrund seelischer Probleme oder aus Einsamkeit. Hinzu kommen ausländische Mitbürger, die das Hausarztsystem in Deutschland nicht kennen. „Für sie existiert nur die Klinik“, sagt der Chefarzt.
Das führt dazu, dass es sich bei der Hälfte der Patienten, die in der Notaufnahme aufschlagen, um keine echten Notfälle handelt. Bei den Patienten, die ohne Krankenwagen in der Notaufnahme landen, sind über zwei Drittel beim Hausarzt besser aufgehoben.
„Nachdem seit der Corona-Pandemie die Patientenzahlen über die Jahre moderat anstiegen, kam es 2025 im Vergleich zum Vorjahr am Beispiel Rosenheim zu einem sehr deutlichen Plus der Patientenkontakte“, sagt Dr. Michael Bayeff-Filloff. Ende November lag die Zahl bereits bei 52.500. Das bedeutet insbesondere in der Zentralen Notaufnahme eine Steigerung von rund zehn Prozent. Bei den Selbsteinweisern – also Patienten, die eigenständig die Notaufnahme aufsuchen – sogar einen Anstieg um 20 Prozent.
Im Durchschnitt waren im vergangenen Jahr 110 Patienten pro Tag in der Rosenheimer Notaufnahme. „Die Spitzenwerte lagen bei 140 pro Tag“, fügt der Chefarzt hinzu. Der Anstieg deckt sich mit den Zahlen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). „Seit Ende der Corona-Pandemie ist die Zahl der ambulanten Notfälle in den Notaufnahmen der Kliniken in Deutschland stetig angestiegen“, heißt es dort.
Termine schwer
zu bekommen
Ein Großteil dieser Patienten – nämlich 88 Prozent – schätzt sich laut einer Befragung des ZI in 18 Kliniken in Bayern selbst als „dringlich“ oder sogar als „Notfall“ ein. Nur etwa ein Fünftel (19,8 Prozent) der Befragten war überzeugt, dass ihr Anliegen auch vertragsärztlich hätte behandelt werden können. Knapp 40 Prozent der befragten Patientinnen und Patienten hatten nach eigenen Angaben vor der Konsultation der Notaufnahme versucht, eine haus- oder fachärztliche Praxis zu kontaktieren. Es sei aber oft schwierig, Termine zu bekommen oder die Praxis auch nur zu erreichen.