Rosenheim – Den ein oder anderen hat Dr. Michael Iberer wohl schon erwischt. Hin und wieder hat der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes Rosenheim das Gefühl, dass ein Patient in seine Hausarztpraxis kommt, ohne wirklich krank zu sein – sondern dass er es eher auf eine schnelle Krankschreibung abgesehen hat. „Ein solcher Eindruck besteht vereinzelt schon, allerdings ist dies kein neues Phänomen“, sagt der Mediziner. Eine Möglichkeit, die vermutlich auch gerne mal zum „Schwänzen“ genutzt wird, steht jetzt allerdings vor dem Aus: die telefonische Krankschreibung.
Zahl der Fehltage
hat sich deutlich erhöht
Die Idee kommt von der CSU. „Seit Einführung der telefonischen Krankschreibung hat sich die Zahl der Fehltage in Deutschland deutlich erhöht, das kann so nicht weitergehen“, sagt Alexander Hoffmann, Vorsitzender der CSU im Bundestag, auf OVB-Anfrage. Bislang ist es möglich, die Krankmeldung für den Arbeitgeber – den „gelben Schein“ – bei leichteren Erkrankungen auch nach einem telefonischen Gespräch mit dem Arzt zu bekommen. Sofern die Patienten in der Praxis bekannt sind und dann auch nur für die ersten fünf Tage.
Die Befürchtung der Politiker: Das niederschwellige Angebot der telefonischen Krankschreibung kann auch schnell missbräuchlich genutzt werden – etwa um einen extra freien Tag zuhause zu bekommen, das Wochenende zu verlängern oder einen Brückentag optimal auszunutzen. Bestätigen soll die Annahme der hohe Krankenstand in Deutschland. Dieser sei höher als in vielen anderen Ländern. Seit Einführung der elektronischen Krankschreibung ist ein „sprunghafter Anstieg um fast 40 Prozent bei den Fehltagen“ zu erkennen, teilt die CSU mit.
Eine Entlastung
für die Praxen
Für die Partei ist somit klar: „Wer krank ist, soll nicht arbeiten, aber ein Arztbesuch zur Feststellung der Arbeitsunfähigkeit ist sachlich angemessen, zumutbar und richtig“, sagt Alexander Hoffmann. Die telefonische Krankschreibung müsse hingegen weg. Unterstützung bekommt die CSU jetzt auch von der CDU. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken kündigte an, die Regelung zur Krankschreibung übers Telefon auf den Prüfstand zu stellen.
Die Diskussionen dazu kann Michael Iberer zu einem gewissen Teil nachvollziehen. „Dennoch halte ich eine pauschale Abschaffung für nicht zielführend“, betont der Rosenheimer Arzt. Die telefonische Krankschreibung sei aus seiner Sicht ein „sinnvolles Instrument“. „Insbesondere bei klar umrissenen, leichten akuten Erkrankungen“, sagt der Mediziner. Telefonisch beurteilbar seien vor allem unkomplizierte Infekte der oberen Atemwege, Magen-Darm-Infekte oder wiederkehrende Beschwerden bei bekannten Patienten. Dabei ließen sich Beschwerden auch am Telefon beurteilen.
Und das sei ein Vorteil. „Das entlastet die Praxen und das Personal, reduziert unnötige Arztbesuche und trägt dazu bei, Infektionsketten zu vermeiden“, sagt Iberer. Genauso seien die Patientenströme besser zu steuern, die Wartezeiten würden verkürzt und es sei mehr Zeit vorhanden für komplexere medizinische Fälle in der Praxis.
Viele unnötige
Praxisbesuche als Folge?
Voraussetzung ist allerdings eine sorgfältige ärztliche Einschätzung am Telefon und klare medizinische Kriterien, sagt der Arzt. Die Gespräche bei der telefonischen Krankschreibung folgen einer „strukturierten Anamnese mit gezielten Fragen“ zu Symptomen, Verlauf, Begleiterkrankungen und Warnzeichen. „Bei Unklarheiten oder Alarmzeichen erfolgt immer eine persönliche Vorstellung“, erklärt Iberer.
Bei kleineren Erkrankungen greifen einige Rosenheimer dennoch zum Hörer. Das Angebot der telefonischen Krankschreibung wird regelmäßig genutzt, sagt Iberer. „In der Regel handelt es sich um wenige Fälle pro Tag beziehungsweise eine überschaubare Zahl pro Woche, abhängig von Saison und Infektlage“, erklärt der Mediziner.
Vortäuschen ist auch
beim Arzttermin möglich
Die überwiegende Mehrheit der Patienten nutzt die telefonische Krankschreibung im akuten Verlauf einer Erkrankung und schaut im Nachgang – vor allem bei längerer Krankheitsdauer – persönlich in der Praxis vorbei. Letztlich hänge eine Krankschreibung nicht davon ab, ob der Kontakt zum Arzt telefonisch oder persönlich erfolgt, betont Michael Iberer. Auf der anderen Seite hätte das Ende der telefonischen Krankschreibung Nachteile: „Eine Abschaffung würde zu mehr kurzfristigen Praxisbesuchen führen, die medizinisch oft nicht notwendig sind“, sagt der Rosenheimer Hausarzt. Sinnvoller findet er eine „klarere Regelung mit definierten Indikationen und zeitlichen Begrenzungen“. Denn eines macht der Mediziner auch klar: Die hausärztliche Versorgung basiert auf Vertrauen gegenüber den Patienten. „Eine kritischere Prüfung beziehungsweise auch eine Verweigerung einer Krankschreibung erfolgt erst bei auffälligem Verhalten oder ungewöhnlich häufigen Krankschreibungsanfragen“, sagt Iberer. Und: Ein Vortäuschen einer Krankheit ist auch bei einem persönlichen Termin möglich.
Unterstützung bekommt er dabei von Judit Häusl, Direktorin der AOK Rosenheim. Als Chefin hat sie kein Problem mit der telefonischen Krankschreibung, sagt sie auf OVB-Anfrage. Zumal ein erster, grober Blick auf Zahlen ihr zufolge nicht ergeben habe, dass in Rosenheim besonders viele telefonische Krankschreibungen bei der Krankenkasse eingehen. „Auffälligkeiten gibt es dabei nicht“, betont Häusl.
Mehrere Faktoren für
hohen Krankenstand
Häusl plädiert darüber hinaus dafür, zunächst die Entwicklungen genau zu beobachten und diese weiter zu analysieren, bevor gleich über die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung diskutiert wird. Aus Sicht der Krankenkasse stehe nicht sicher fest, dass der hohe Krankenstand direkt mit der telefonischen Krankschreibung zusammenhänge. „Das lässt sich im Moment nicht bestätigen, das hängt von mehreren Faktoren ab“, sagt Häusl. Ein Beispiel dafür sei, dass seit fünf Jahren die Krankschreibungen elektronisch erfasst werden und keine mehr verloren gehen kann. „Wir können alle Krankschreibungen jetzt lückenlos erfassen“, sagt die AOK-Direktorin. Auch das habe Einfluss auf den Anstieg.
Zumal auch Häusl davon überzeugt ist, dass auch der ein oder andere auch ohne die telefonische Krankschreibung an den „gelben Schein“ kommt, ohne richtig krank zu sein. „Wo ein Wille ist, da ist oft auch ein Weg,“ sagt sie. Deshalb dürfe die telefonische Krankschreibung nicht von vornherein verteufelt werden.