Rosenheim – Patrick C. Vida ist Geiger und Vorsitzender der RMS Olympic Steinway Association. Dieser Verein hat sich das Ziel gesetzt, Spenden für den Ankauf des Klaviers zu sammeln, das bis vor Kurzem Teil der Titanic-Ausstellung in Rosenheim war. Ein Gespräch über die Zukunft des Instruments, Musik aus der Zeit der Titanic und seine Faszination für diese Epoche.
Sie sind Vorsitzender der „RMS Olympic Steinway Association” . Was ist das Ziel dieses Vereins?
Patrick C. Vida: Wir bemühen uns um den Ankauf, den Erhalt und die musikalische Wiederbelebung des Klaviers des À-la-carte Restaurants der Olympic, dem Schwesterschiff der Titanic. Unser großes Ziel ist es, das Instrument davor zu bewahren, dass es in einer Privatsammlung verschwindet. Deswegen wollen wir ihm einen Platz in beispielsweise einem Museum geben, damit es für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt.
Was ist der Spendenstand des Projekts?
Vida: Wir haben uns – nach der Ausstellung in Rosenheim – mit dem Eigentümer auf einen neuen Kaufpreis von 100.000 Euro geeinigt. Nach zwei Jahren haben wir davon bereits 65.000 Euro bezahlt. Daraufhin hat der Eigentümer uns zum Besitzer des Klaviers ernannt. So haben wir jetzt – ohne Druck – Zeit, die restlichen 35.000 Euro zu organisieren.
Eine Rettung des Klaviers ist also in Sicht?
Vida: Ja. Vor zwei Jahren hätte mit dieser Entwicklung noch niemand gerechnet. Für die noch fehlende Summe kommt es natürlich immer darauf an, wer bereit ist, das Projekt zu unterstützen. Ich halte es aber für realistisch, den fehlenden Betrag in den nächsten drei Jahren zusammenzubekommen.
Wo ist das Klavier jetzt?
Vida: Seine juristische Heimat ist England. Das heißt, jetzt nach dem Lokschuppen ging es zurück nach Leeds, England, zu „Besbrode Pianos“. Dort wird das Klavier bis auf Weiteres stehen. Bereits in diesem Jahr werden wir versuchen, es innerhalb von England zu vermieten, um weitere Gelder zu sammeln. Im April bin ich in Belfast und bemühe mich um einen Termin mit der Museumsleitung.
Wie hängt die Geschichte des Klaviers mit der Geschichte der Titanic zusammen?
Vida: Das ist wahnsinnig spannend. Im Heck der Olympic und der Titanic gab es das À-la-carte-Restaurant für die erste Klasse. Drei von den acht Musikern an Bord haben dort gespielt. Auf der Olympic war das Zwillingsklavier, das baugleiche Klavier, in der Mitte des Restaurants. Als sich dann aber Passagiere über die Lautstärke des Klaviers beschwert haben, hat die White Star Line es 1911 aus dem Restaurant der Olympic genommen. Auf der Titanic wurde das Klavier ins Treppenhaus gestellt, das eine Art Empfangsbereich gebildet hat. Dieses Konzept hat sehr gut funktioniert.
Wie kam ein Klavier dann wieder auf die Olympic?
Vida: Als die Olympic nach dem Sinken der Titanic zur Überarbeitung aus dem Verkehr gezogen wurde, wurden einige erfolgreiche Dinge von der Titanic übernommen. So zum Beispiel das Café Parisien oder auch die Vergrößerung des À-la-carte-Restaurants. Durch das nun größere Restaurant war dort auch Platz für ein neues Klavier. Das erste Klavier war aber mit der Titanic untergegangen und so bestellte die White-Star-Line bei Steinway in Hamburg ein neues Klavier. Dieses sollte baugleich mit dem Klavier sein, das mit der Titanic gesunken war. Es wurde in der gleichen Werkstatt von den gleichen Händen und wahrscheinlich vom gleichen Stapel Holz wie das erste Klavier gebaut. Dadurch ist das Instrument das nächste zum Originalklang, den die Passagiere so auch auf der Titanic gehört haben.
Wissen Sie, was mit dem Klavier geschehen ist, nachdem die Olympic nicht mehr in Betrieb war?
Vida: Bei der Versteigerung 1936 nach der Außerbetriebnahme der Olympic waren interessanterweise alle sieben Klaviere verschwunden. Unser Klavier ist anscheinend vor circa 14 Jahren von einer irischen Familie zu „Besbrode Pianos“ nach Leeds gekommen und stand dort ein Jahrzehnt lang unerkannt. Die Goldbeschläge waren nicht mehr drauf, und auch die Verzierungen haben gefehlt. So sah es bis auf das Walnussholz wie ein normales Steinway Modell K aus.
Wie kam dann die eigentliche Herkunft des Klaviers auf?
Vida: Die wurde erst entdeckt, als es der Eigentümer auseinanderbaute. Auf dem Rahmen des Klaviers fand sich die eingravierte Seriennummer und mithilfe dieser wurde die Identität des Instruments von Steinway in Hamburg bestätigt. Nach dieser Entdeckung wurde das Klavier restauriert, wobei man darauf achtete, so viel historische Substanz wie möglich zu erhalten. Dadurch ist der historische Klang erhalten geblieben.
Welche Relevanz hat das Klavier Ihrer Meinung nach für die Musikgeschichte?
Vida: Für die Musikgeschichte ist es von höchster Relevanz. Dieses Instrument hat eine hochinteressante musikgeschichtliche Entwicklung durchgemacht. Bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg wurde gespielt, was wir landläufig als Salonmusik bezeichnen. Die Musik des „fin de siècle“, wie wir sie auch aus dem Titanic-Film von Cameron kennen. In den 20er-Jahren änderte sich der Musikgeschmack mehr Richtung Jazz und Swing. Durch das Auftauchen dieses Klaviers haben wir nun die Möglichkeit, mit dem originalen Klang und der originalen Besetzung das originale Repertoire aus dem White Star Line Songbook wiederzubeleben. Das haben wir dieses Jahr mit Unterstützung des Lokschuppens gemacht und so 50 Titel auf vier Alben aufgenommen. Das ist etwas Einmaliges.
Jetzt haben Sie schon kurz Ihr Ensemble, das „White Star Line Quintett”, erwähnt. Können Sie das genauer erklären?
Vida: Ich habe das Quintett im September 2024 gegründet, nachdem ich erfahren hatte, dass das Klavier nach Rosenheim kommt. Dieses Ensemble ist auch eine Möglichkeit, das Instrument wiederzubeleben und dem Projekt meines Vereins mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Abgesehen davon gibt es sonst kein Ensemble, das sich gänzlich auf das Repertoire der White Star Line spezialisiert hat. Hervorheben möchte ich auch unsere historische Expertise, dank der Zusammenarbeit mit renommierten Historikern aus dem englischsprachigen Raum. Ab März 2025 war ich mit meinen Kollegen achtmal in Rosenheim, um insgesamt 50 Aufnahmen zu machen. Musik vom zweiten Album des Quintetts lief auch die ganze Ausstellung über in dem Raum, in dem das Klavier stand.
Haben Sie mit Ihrem Ensemble auch schon Konzerte gegeben?
Vida: Ja, die ersten Konzerte fanden zwischen März und Mai im Lokschuppen statt, zum Beispiel für Titanic-Vereine oder auch bei der „Untergangsnacht“. Seit September bewegen wir uns jetzt auch aus der Titanic-Community heraus und haben unsere ersten fünf öffentlichen Konzerte gespielt. Wir versuchen dabei, alles so historisch authentisch wie möglich zu machen. Daher gibt es bei den Auftritten des Quintetts auch immer viele geschichtliche Hintergrundinformationen. Wir wollen die Musiker der damaligen Zeit von Nebenrollen aus dem Cameron Film zu lebendigen, angreifbaren Menschen machen. Menschen, die einen Lebenslauf hatten, die eine Familie hatten und die auf tragische Weise bei diesem Unglück umgekommen sind.
Wie sind Sie zu diesem Projekt der Rettung des Klaviers gekommen?
Vida: Mit diesem Projekt verfolge ich zum ersten Mal einen Herzensimpuls, der mich einfach nicht mehr losgelassen hat. Ich habe zum ersten Mal im Juni 2022 von dem Klavier erfahren, als es in Kamen in der Nähe von Dortmund stand. Dort bin ich dann hingefahren, um auf dem Klavier zu spielen. Ich dachte, das wäre ein einmaliges Erlebnis gewesen, doch der Künstler in mir fand einfach keine Ruhe. Also bin ich nach England gereist, um noch einmal auf dem Klavier zu spielen. Dort erfuhr ich im September 2023, dass das Klavier seit zwei Jahren zum Verkauf steht, sich aber niemand dafür interessiert.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Klaviers?
Vida: Sobald das Instrument dann gänzlich uns gehört, wollen wir es als gemeinnütziger Verein befristet an Ausstellungen und Museen verleihen. Da gibt es viele Möglichkeiten, zum Beispiel in Großbritannien, den USA, Österreich oder Deutschland. Unser Ziel ist es, dass sich möglichst viele Menschen auf der ganzen Welt an dem Klavier und seinem Klang erfreuen können. Zum ersten Mal in der Geschichte können wir diese Schiffe nicht nur auf alten Schwarz-Weiß-Fotos betrachten, sondern auch den Klang hören, den die Passagiere auf dem Schiff gehört haben.