„Schallplatten-Hören ist ein Lebensgefühl“

von Redaktion

Lange galten Tonträger wie Platten oder Kassetten als Auslaufmodell. Doch in Rosenheim zeigt sich ein Gegentrend: Vor allem junge Leute zieht es wieder in die Plattenläden der Stadt. Was sie an den analogen Medien fasziniert und welche Künstler bei ihnen besonders beliebt sind.

Rosenheim – Wenn man in den Schallplattenladen „Bebop“ oder das Musikgeschäft „Frödy-Records“ tritt, kommt es einem vor, wie in einer anderen Zeit oder sogar Welt. Platten hängen an den Wänden. Auf den Tischen stehen Holzkisten voller Alben auf Vinyl. Weiße Regale reichen bis an die Decke. Sie sind voll mit weiteren Platten, aber auch mit CDs und Kassetten. Im Hintergrund läuft Musik.

„Das ist das
beste Medium“

Alfred Zaller, Inhaber von Frödy-Records in der Kaiserstraße in Rosenheim, hört sie am liebsten von der Platte. „Das ist das beste Medium, um Musik zu hören“, sagt er. Seinen Musikladen mit Café führt er seit letztem Jahr und fühlt sich hier sehr wohl. Davor war der Österreicher mit seinem Laden fünf Jahre lang in Wasserburg. „Ich habe damals mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt der 50-Jährige. Schallplatten seien schon sein ganzes Leben lang an seiner Seite.

Da geht es Heidi Möhlenbeck ähnlich. Ihr gehört das Schallplattengeschäft „Bebop“ in Rosenheim. Den Laden gibt es seit 1987. Anfangs befand er sich am Grünen Markt, doch seit 28 Jahren findet man ihn in der Samerstraße. „Ich habe jahrelang Platten gesammelt und es war immer mein Traum, selbst ein Schallplattengeschäft aufzumachen“, erzählt Möhlenbeck. Das Geschäft sei ein Auf und Ab, mal besser, mal schlechter. Aktuell laufe es besser.

„Die Hälfte unserer Kundschaft ist zwischen 15 und 35 Jahre alt“, sagt Möhlenbeck. Auch bei Alfred Zaller zeigt sich ein junges Publikum: „Die Kunden sind von zehn aufwärts bis 80 Jahre, aber junge Leute werden zurzeit tendenziell mehr.“ In beide Läden kommen auch häufig Schüler als Kunden vorbei. „Im Moment haben wir ein deutlich jüngeres Publikum als noch vor fünf Jahren“, sagt Möhlenbeck. Es zeigt sich also ein Trend: Die jungen Rosenheimer zieht es zurück, zu den analogen Tonträgern.

Doch warum? „Die finden es schön, einfach eine Schallplatte zu kaufen und sich wieder Zeit dafür zu nehmen“, sagt Möhlenbeck. Die Jüngeren würden gerne in den Laden kommen, stöbern und schauen, was es Neues gibt. „So wie ich es früher auch gemacht habe“, sagt sie. Zaller merkt, dass junge Leute beim Besuch seines Ladens oft begeistert und neugierig sind. „Manche bekommen vom Papa oder den Großeltern einen Plattenspieler“, erklärt Zaller das Interesse.

„Musik mit Schallplatten zu hören, ist ein Lebensgefühl“, sagt Möhlenbeck, denn man nehme sich dafür Zeit: „Man legt die Platte auf, schaut das Cover an, liest die Texte – man setzt sich ganz anders mit den Künstlern auseinander“, betont die „Bebop“-Inhaberin. Das sieht Zaller genauso. Dadurch, dass „Frödy-Records“ neben einem Musikgeschäft auch noch ein Café ist, könne man bei ihm auch verweilen und in eine Platte reinhören.

Auch Kassetten werden
wieder nachgefragt

Die gefragteste Musik bei den jungen Leuten ist in beiden Läden ein bisschen unterschiedlich, doch zwei Künstlerinnen sind bei Kunden in beiden Geschäften beliebt: Lana del Rey und Taylor Swift. Bei Heidi Möhlenbeck fragen Kunden vor allem auch nach den Beatles, Kendrick Lamar und Bob Dylan. „Bei mir stehen die jungen Leute viel vor der Schallplattenkiste mit Indie-Musik“, sagt Zaller. Aber auch Künstler wie Billie Eilish und Florence and the Machine würden bei ihm nachgefragt werden.

Doch nicht nur Platten werden wieder vermehrt gekauft. Viele Künstler wie zum Beispiel Harry Styles und Taylor Swift bringen ihre neuen Alben neben CDs und Platten auch auf Kassette raus. „Die kommt mittlerweile wieder etwas auf den Markt zurück“, sagt Zaller. Er habe zwar nur ein Regal, aber trotzdem verkaufe er ein paar Exemplare im Monat.

Auch CDs sind immer noch gefragt. Auch wenn die Schallplatte die CD in den Verkaufszahlen mittlerweile überholt hat, sagt Zaller. „Viele kaufen auch Platte und CD“, sagt Möhlenbeck. Das jüngere Publikum würde häufiger mal auf eine CD zurückgreifen, schließlich bleibe es oft auch eine Preisfrage. „Bei Schülern ist der Plattenkauf manchmal etwas schwerer. Die haben oft nur ihr Taschengeld – und Schallplatten waren noch nie günstig“, erklärt Zaller.

Schallplatten wecken
die Sammelleidenschaft

Trotzdem sind Vinylplatten beliebt. Das liegt auch am Wesen des Menschen, meinen die beiden Ladenbesitzer: „Wir sind Sammler.“ Beim Streamen habe man nichts mehr in der Hand. Laut Zaller ist das ein Grund, wieso die Jüngeren wieder zu den analogen Tonträgern finden.

Möhlenbeck ist sich auch sicher, dass dadurch Läden wie ihrer eine Zukunft haben. „Es wird immer Leute geben, die gerne Musik von irgendeiner Art von Tonträger hören möchten“, sagt sie. Läden wie der ihre würden auch Kultur vermitteln. Dafür wurde „Bebop“ 2024 von der Bundestagsabgeordneten Claudia Roth auch mit dem Deutschen Preis für Schallplattenfachgeschäfte „Emil“ ausgezeichnet.

Schöne Musik
sollte man teilen

Weil die Nachfrage nach Platten und Kassetten steigt, nimmt auch die Nachfrage nach Plattenspielern oder Walkmans etwas zu. Im Laden von Heidi Möhlenbeck gibt es zwar nicht so viele Plattenspieler, dafür aber Zubehör wie Plattenspieler-Nadeln. Außerdem bieten sie auch eine „Plattenwäsche“ an. „Wir reinigen den Tonträger. Das ist vor allem bei gebraucht gekauften Platten sehr praktisch“, erklärt die Ladenbesitzerin.

Heidi Möhlenbeck freut sich, dass die jungen Menschen wieder Gefallen an Platten finden. Schließlich ist das auch ihre Welt. „Ich kann mir mein Leben ohne Musik-Hören und ohne Tonträger nicht vorstellen“, sagt sie.

Eines ist ihr dabei aber besonders wichtig: das Teilen. „Einige jüngere Kunden kaufen sich eine Platte und reden dann darüber, wo sie jetzt hingehen, um sie anzuhören“, erzählt sie. Das sei für sie das Besondere, denn „schöne Dinge soll man teilen“.

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