Zweifel an der Verfassungsstunde

von Redaktion

Rechte Vorfälle in Rosenheim und die Wirkung des Unterrichts

Rosenheim – Seit einiger Zeit ist sie an Bayerns Schulen verpflichtend: die Verfassungsviertelstunde. Dabei sollen Kinder und Jugendliche an demokratische Themen wie das Grundgesetz herangeführt werden. Auch in Rosenheim werden Schüler darin unterrichtet. Doch trotzdem nehmen laut BR-Recherchen rechtsextreme Vorfälle an bayerischen Schulen zu. Kann die Verfassungsviertelstunde dem überhaupt noch entgegenwirken?

An der Grund- und Mittelschule Fürstätt sowie am Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium findet diese einmal wöchentlich statt – „oder bei akutem Bedarf“, wie Kai Hunklinger, Schulleiter in Fürstätt, auf OVB-Anfrage erklärt. In seiner Schule betreffe das die Jahrgangsstufen zwei, vier, sechs und acht.

2024 erstmals
Konzept umgesetzt

Die Mädchenrealschule hat das Konzept im Jahr 2024 erstmals umgesetzt. Allerdings etwas anders als an den anderen beiden Schulen. An der Realschule findet die Verfassungsviertelstunde etwa alle drei Wochen statt, dauert aber dafür so lange wie eine normale Unterrichtsstunde, erklärt Schulleiterin Magdalena Singer.

„Um eine breite Verankerung im Schulalltag zu gewährleisten, wird diese Stunde im Jahresverlauf rollierend von unterschiedlichen Unterrichtsfächern gestaltet, sodass jedes Fach einmal die Verantwortung für die inhaltliche Ausgestaltung übernimmt“, sagt Singer. In ihrer Schule betrifft das die Jahrgangsstufen sechs und acht.

Am Sebastian-Finsterwalder-Gymnasium beschäftigen sich die Schüler der sechsten, achten und elften Klassen regelmäßig mit der Demokratie. „Die Wirkung allein der Verfassungsviertelstunde ist aber schlecht messbar, da sie ja nur ein Mosaiksteinchen der Demokratieerziehung und politischen Bildung darstellt“, betont Direktorin Brigitte Würth. Anders als in den Recherchen des BR habe es an ihrer Schule noch keine demokratiefeindlichen und rechten Vorfälle gegeben.

Gleiches berichtet Magdalena Singer von der Mädchenrealschule. „An unserer Schule ist rechtsextremes Verhalten bisher nicht sichtbar“, erzählt sie. Dennoch bleibe man aufmerksam und verstehe Demokratiebildung als einen „kontinuierlichen Prozess, der langfristiges Engagement erfordert“.

Aber wie viel trägt die Verfassungsstunde wirklich zur Demokratiebildung bei? In Singers Augen ist sie ein wichtiger Baustein. „Gleichzeitig sind wir der Überzeugung, dass Demokratieverständnis nicht allein in einer Unterrichtsstunde vermittelt werden kann“, betont sie. Demokratie müsse im Schulalltag gelebt werden und das täglich. „Im respektvollen Miteinander, in Beteiligungsprozessen und in einer offenen Gesprächskultur.“

Für sie als Schulleiterin gelte es grundsätzlich auch bei diesem Thema dranzubleiben. „Wenn Auffälligkeiten sichtbar werden, ist es Aufgabe der Schule, diesen entschieden entgegenzutreten und den Schülerinnen durch Erklärung, Einordnung und Gespräch zu begegnen“, sagt Singer.

Dennoch lasse sich rechtsextremes Gedankengut nur sehr begrenzt allein durch schulische Maßnahmen verändern. Dieses entstehe in der Regel nicht primär in der Schule, sondern in einem anderen Umfeld. „Auf familiäre und private Einflüsse hat die Schule aber keinen direkten Zugriff“, so Singer. Das betont auch Kai Hunklinger, Schulleiter in Fürstätt. „Ob man mit der Verfassungsviertelstunde antidemokratische oder rassistische Überzeugungen, welche im privaten Umfeld der Schüler herrschen, beeinflussen kann, bleibt abzuwarten“, sagt er.

Im Schulalltag kommen ihm zufolge „beleidigende Bemerkungen bezüglich Herkunft, Hautfarbe und Glaube“ vor. Erhalte man von derartigen Fällen Kenntnis, gehe man dem stets gemeinsam mit der Jugendsozialarbeit an Schulen nach. „Wir versuchen nicht einfach nur zu schimpfen und zu strafen, sondern die Tragweite der Bemerkungen aufzuzeigen“, betont der Schulleiter.

Er selbst würde abwertende Bemerkungen speziell von Grundschülern nicht generell als rassistisch bezeichnen. „Aus meiner Sicht imitieren und plappern sie eher nach, als selbst so zu denken“, erklärt Hunklinger. In der Mittelschule – mit zunehmendem Alter – sei das Ganze jedoch ernster zu bewerten. „Die Verfassungsviertelstunde ist sicherlich geeignet, die Gemeinschaft in der Klasse sowie in der Schule im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu beleuchten und zu untermauern“, so der Schulleiter. „Prinzipiell ist die Verfassungsviertelstunde der richtige Ansatz“, sagt auch Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Man habe erkannt, dass Kinder mit Verfassungsgrundlagen und den Werten in Bayern nicht so gut umgehen können, und gehandelt. „Aber eine Viertelstunde politischer Bildung reicht nicht gegen rechte Umtriebe an bayerischen Schulen“, so Fleischmann weiter. Lehrer wüssten, dass man in einer Viertelstunde nichts abhaken könne.

Hinzu komme, dass es für Lehrer extrem schwer sei, mit rechten Vorfällen umzugehen. „Wir haben unseren Eid auf das Fundament der freiheitlich demokratischen Grundordnung geschworen“, betont Fleischmann. Deshalb müsse man demokratiefeindliche Äußerungen in der Schule zurückweisen und scharf verurteilen. Doch gerade seitens der Eltern von den politischen Rändern käme häufig Kritik. „Sie behaupten, diese Kritik sei nicht erlaubt. Die große Gefahr ist dann, dass Lehrer in diese Richtung lieber gar nichts mehr machen“, erklärt Fleischmann.

Neuorientierung
erforderlich

Sie fordert deshalb eine grundsätzliche Neuorientierung der politischen Bildung an bayerischen Schulen. Etwa mehr Zeit sowie qualitativ mehr Tiefgang. „Wir müssen manches Detail aus dem Lehrplan wegschieben, um diese demokratische Bildung in die Mitte zu rutschen“, sagt die BLLV-Präsidentin.

Heranführen an Werte

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