Rosenheim – Für Claudia Schütz hat das Ganze einen bitteren Beigeschmack. „Es gibt viele Verlierer“, sagt die Diplom-Ingenieurin. Lange hat sie mit der Interessensgemeinschaft Rosenheim Süd für den Erhalt des ehemaligen „Alten Wirts“ im Rosenheimer Ortsteil Aising gekämpft. Eine Petition wurde beim Bayerischen Landtag eingereicht, eine Delegation mit Fachleuten aus dem Landesdenkmalrat, Mitgliedern des Landtags und dem Landesamt für Denkmalpflege reiste aus München an, Gespräche wurden geführt. Ohne Erfolg. Mitte vergangenen Jahres wurde mit den Abrissarbeiten begonnen. Mittlerweile erinnert nichts mehr an den ehemaligen Gasthof.
„Verloren wurde ein ortsbildprägendes, historisch wertvolles Gebäude mit langer Tradition“, sagt Claudia Schütz. Da ist es für die Aisingerin auch nur ein schwacher Trost, dass der Abriss hohe Wellen geschlagen und jetzt sogar einen Preis gewonnen hat. Bei der Wahl um den „Abriss des Jahres 2025“ – einer Mitmachaktion des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege – landete der „Alte Wirt“ auf dem zweiten Platz.
Eine Chance
verpasst?
Auch lange nach dem Abriss übt Schütz scharfe Kritik an dem Vorgehen. So sei nie ein Fachgutachten erstellt worden, die Beurteilung erfolgte laut der Diplom-Ingenieurin nach Augenschein. „Auf einem Gelände von circa 5.000 Quadratmetern wäre eine interessante, spannungsreiche und einmalige Kombination von Alt und Neu möglich gewesen, zugleich klima- und umweltschonend“, sagt sie.
Diese Chance hat man ihr zufolge verpasst. „Man hat schon den Eindruck, dass diejenigen mit Macht und Geld machen, was sie wollen“, sagt Schütz. Auch seien die Bürger im Rahmen des Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK) nie in die Planungen rund um die Ortsentwicklung eingebunden worden. „Der ‚Alte Wirt‘ war über viele Jahre leerstehend und in seiner Substanz sowie insbesondere im Brandschutz nicht mehr zukunftsfähig“, entgegnet Auerbräu-Geschäftsführer Dirk Steinebach. Die Brauerei hatte den Gasthof noch vor dem Zweiten Weltkrieg übernommen. „Es gab eine fachliche Bewertung, insbesondere im Hinblick auf die Anforderungen des Brandschutzes, sowie eine Einschätzung der zuständigen Denkmalschutzbehörden“, ergänzt Auerbräu-Pressesprecher Michael Hinterseer. Die Ergebnisse seien eindeutig gewesen. Nicht nur wurde das Gebäude von den zuständigen Stellen nicht als schützenswert eingestuft, auch wäre eine regelkonforme Wiederinbetriebnahme mit sehr hohen Kosten verbunden gewesen.
„Sowohl die Sanierung als auch der Neubau bewegen sich in einer Größenordnung von mehreren Millionen Euro“, sagt Hinterseer. Aber: Eine Sanierung wäre wirtschaftlich nicht vertretbar gewesen. „Insbesondere, weil eine Sanierung rein für einen Gastronomiebetrieb zu einer Pacht- und Betreiberstruktur geführt hätte, die realistisch gesehen nicht tragfähig gewesen wäre“, erklärt der Pressesprecher. Am Ende führte an einem Abriss also wohl kein Weg vorbei. „Die Alternative wäre nach unserer Bewertung gewesen, dass sich der Leerstand und damit der Verfall weiter fortgesetzt hätte – ohne realistische Chance, den Standort wieder zu beleben“, sagt Hinterseer.
Mittlerweile ist das Gebäude abgerissen. An gleicher Stelle soll ein neues Ortszentrum für Aising entstehen. Vorgesehen sind ein Vollsortimenter, eine Bankfiliale, Wohnungen und eine Gastwirtschaft mit Biergarten sowie ein Veranstaltungsbereich. Die Entwicklung wird federführend von der „meine Volksbank Raiffeisenbank eG“ umgesetzt. „Für uns war das Engagement der Bank auch die einzige realistische Chance, das Gesamtareal in den nächsten Jahren tatsächlich zukunftsfähig zu entwickeln“, sagt der Pressesprecher. Eine Brauerei könnte eine Projektentwicklung dieser Größenordnung nicht leisten. „Umso mehr begrüßen wir ausdrücklich, dass hier ein regional verwurzelter Investor die Verantwortung übernimmt und die Ortsmitte nachhaltig weiterentwickelt“, sagt Hinterseer. Mit einer Fertigstellung kann aller Voraussicht nach in den nächsten drei bis vier Jahren gerechnet werden. „Das ist aber abhängig von Genehmigungen und dem Bauverlauf“, so der Auerbräu-Pressesprecher. Ihm sei es wichtig – auch mit Blick auf die Kritik – daran zu erinnern, dass es in der Vergangenheit viele Gespräche und Termine mit unterschiedlichen Beteiligten gegeben hat. „Wir haben alle relevanten Akteure zu Wort kommen lassen und auch mit Initiativen gesprochen“, sagt er. Die Verantwortlichen bei der „meine Volksbank Raiffeisenbank eG“ jedenfalls freuen sich auf die neue Aufgabe. „Wir freuen uns, dieses Projekt gemeinsam mit den Beteiligten vor Ort weiter voranzubringen und damit einen langfristigen Mehrwert für Aising zu schaffen“, sagt Vorstandsvorsitzender Roland Seidl. Das Areal biete die Chance, die Ortsmitte nachhaltig zu beleben – mit Nahversorgung, Wohnraum, Dienstleistungen und einem neuen Treffpunkt im Ort.