Rosenheim – Gab es im Mittelalter einen berühmten Holzbildhauer in Rosenheim? Und wie hieß der Meister? Diesen Fragen sind die Kunsthistoriker bis heute auf der Spur. Im Mittelalter wurde kaum eine Skulptur signiert. Die Künstler blieben anonym. Im Fach Kunstgeschichte behilft man sich deshalb mit Bezeichnungen und Zuschreibungen. So erhielt der Holzbildhauer, der den spätgotischen Hochaltar in der Pfarrkirche von Rabenden (Landkreis Traunstein) erschaffen hat, den Hilfsnamen „Meister von Rabenden“. Ausgehend von Charakteristiken in der Gestaltung und in der Arbeitsweise bei diesem Altar schrieben Forscher seinem Meister weitere Werke zu. So entstand eine Verbreitungskarte, die eine deutliche Häufung von Werken südöstlich von München aufweist.
Bis heute scheiden sich die Meinungen: War Rosenheim der Ausgangspunkt oder doch München? Dr. Matthias Weniger vom Bayerischen Nationalmuseum in München vermutet die mittelalterliche Holzwerkstatt in Rosenheim. Dr. Daniel Rimsl von den Kunstsammlungen des Bistums Regensburg geht vom Standort München aus und benennt sogar einen möglichen Meister: Sigmund Haffner.
Rimsl hatte seine Magisterarbeit über den Meister von Rabenden verfasst und arbeitet weiterhin an einem Werkverzeichnis des Künstlers. Der Kunsthistoriker Jürgen Rohmeder hatte in seiner Dissertation 1971 schon einmal die Zuschreibungen zum Meister von Rabenden zusammengefasst. Darunter befinden sich 13 Werke in Stadt und Landkreis Rosenheim, wie der sogenannte Gnadenstuhl in Heilig Blut und der heilige Jakobus in Rohrdorf. Sie sind datiert zwischen 1510 und 1530.
Das Städtische Museum Rosenheim bewahrt seit 1969 als Leihgabe des Bayerischen Nationalmuseums München ein Lindenholz-Relief auf, das der Werkstatt des Meisters von Rabenden zugeschrieben ist: Es stellt das Martyrium der Hl. Ursula dar. Zusammen mit Papst, Kardinal und einer jungen Frau befindet sich die gekrönte Ursula auf einem Schiff mit geblähtem Segel. Drei Männer umringen das Boot, einer davon spannt eine Armbrust.
Der Legende nach war Ursula eine bekennende Christin und Königstochter aus der Bretagne. Vor ihrer Hochzeit mit einem englischen Prinzen verlangte sie von ihm die Bekehrung zum Christentum. Sie reiste mit rund 10.000 Jungfrauen nach Rom, wo sich ihnen das Kirchenoberhaupt Papst Cyriakus anschloss und alle gemeinsam per Schiff nach Köln fuhren. Dort empfingen feindselige Hunnen die Gesellschaft. Sie töteten alle Frauen bis auf Ursula und Kordula, die sich versteckt gehalten hatte. Einer der Männer, wohl der Hunnenfürst, begehrte die schöne Ursula, die sich dem Unchristlichen aber verweigerte. Daraufhin erschoss er sie mit einem Pfeil. Die Szene des Reliefs zeigt den entscheidenden Augenblick der Verweigerung. Ein Mittäter spannte zugleich die Armbrust für den Bogenschützen. Nachfolgend wurde auch Kordulas Leben mit einem Pfeil beendet. Das Schiff ist hier Sinnbild für die Glaubensgemeinschaft. Im Vergleich mit anderen Darstellungen der Legende ist die Reduktion der Personen auf ein paar wenige etwas Besonderes.
Nach Einschätzung Dr. Wenigers dürfte das Relief von einem Flügelretabel stammen. In welchem Ort der Altar einst stand, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Gesichert ist, dass das Relief zuletzt im Besitz von Hermann Göring war. Die Provenienz ist auf der Webseite des Bayerischen Nationalmuseums ausführlich dargestellt.
Im Zuge der Modernisierung der Kirchen im Zeitalter des Barocks wurden die gotischen Schnitzaltäre entfernt. Einzelteile davon aber blieben erhalten: wiederverwendet im barocken Altar, an der Kirchenwand oder im Kriegerdenkmal. Meist erhielten sie eine neue Farbfassung.
Das Relief zum Martyrium der Hl. Ursula ist bis Ende März im Schaufenster des Städtischen Museums Rosenheim im Mittertor ausgestellt. Danach wird es an den Leihgeber zurückgegeben.