Rosenheim – Alle zehn Minuten wird eine Frau oder ein Mädchen zum Opfer tödlicher Gewalt innerhalb der Familie. 2024 gab es in Südostbayern über 2.500 Fälle von häuslicher Gewalt. Erschreckende Zahlen. Trotzdem passiert zu wenig, finden die Mitglieder der Rosenheimer Initiative „Omas gegen Rechts“.
Sie haben jetzt eine Petition gestartet. In dieser fordern sie unter anderem einen jährlichen Bericht darüber, wie viele Fälle von Gewalt es in der Stadt Rosenheim gab, was die Stadt dagegen unternimmt und wie viel Geld die Stadt dafür ausgibt. Zudem soll ein Betroffenen-Beirat geschaffen werden. Im OVB-Gespräch erklären Sozialpädagogin Cordula Meyer-Erben und die Gründerin der Initiative, Claudia Lübbert, warum an diesen Forderungen kein Weg vorbeiführt.
Wie kommt es, dass sich die „Omas gegen Rechts“ gegen häusliche Gewalt einsetzen?
Claudia Lübbert: Gewaltschutz ist ein Menschenrecht. Zudem gibt es den Artikel 2 des Grundgesetzes, der körperliche Unversehrtheit garantiert. Wir sind eine reine Frauengruppe, etliche von uns waren schon in den 70er- und 80er-Jahren Teil von Frauenbewegungen.
Cordula Meyer-Erben: Wir haben das Gefühl, dass sich gerade ziemlich viel rückwärts bewegt. Es gibt wieder diese klassischen Frauen- und Männerbilder, aber auch die klaren Rollenverteilungen. Viel geht dabei von den rechten Parteien aus. Diese Entwicklung wollen wir so nicht hinnehmen.
Wann haben Sie gemerkt, dass etwas passieren muss?
Lübbert: Ich werde immer mal wieder eingeladen, Reden zu halten. Im letzten November ist mir aufgefallen, dass ich gar nichts konkret zur Rosenheimer Situation sagen kann. Das hat mich stutzig gemacht. Ich habe also damit begonnen, zu recherchieren. Ich wollte Fakten, Daten und Zahlen haben, um genau aufzuzeigen, was die Stadt Rosenheim bereits alles unternimmt.
Und?
Lübbert: Ich bin unter anderem auf den „runden Tisch häusliche Gewalt“ gestoßen. Aber auch darüber habe ich nicht allzu viele Informationen gefunden. Alle Informationen waren sehr global, aber eben nicht konkret auf die Stadt Rosenheim bezogen. Zudem habe ich versucht, an Zahlen zu kommen, um erst einmal einen Eindruck zu bekommen, wie viele Opfer häuslicher Gewalt wir überhaupt in der Stadt haben. Aber auch daran bin ich gescheitert. Es war alles ziemlich ernüchternd.
Meyer-Erben: Zumal die Istanbul-Konvention bereits 2018 in Kraft getreten ist. Die Länder sind seitdem verpflichtet, Frauen vor Gewalt zu schützen, Gewalt strafbar zu machen und die Täter zu bestrafen. Zudem muss es für die Opfer Notunterkünfte, Beratung und rechtliche Unterstützung geben. Das Problem: Wir haben mittlerweile das Jahr 2026 und in Rosenheim gibt es davon nahezu nichts.
Ist das nicht etwas hart? Gerade mit Blick auf das Frauenhaus, die Beratungsstelle „MaVia“ oder die Täterarbeit bei der Diakonie?
Meyer-Erben: All diese Anlaufstellen machen eine sehr gute Arbeit. Es geht uns nicht darum, die Stellen zu kritisieren. Aber die Angebote, die es in der Stadt gibt, sind einfach viel zu wenig. Seit Jahren ist hier nichts vorwärtsgegangen. Das muss sich ändern.
In der jüngsten Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses wurde über einen Antrag der Grünen diskutiert, in dem es unter anderem um die Umsetzung der Istanbul-Konvention ging.
Lübbert: Ich war bei der Sitzung. Dort habe ich auch erstmals vom sogenannten Rosenheimer Weg erfahren, an dem die Stadt seit Dezember 2025 arbeitet, über den die Verwaltung jedoch die Öffentlichkeit nicht informiert und sie nicht einbezogen hat. Der Rosenheimer Weg ist ein guter Anfang, aber nochmals zur Verdeutlichung: Die Istanbul-Konvention ist 2018 in Kraft getreten. Es bestürzt mich zu sehen, wo Rosenheim im Vergleich zu anderen Städten steht.
Zum Beispiel?
Lübbert: Nehmen wir beispielsweise Marburg, eine Stadt, die von der Größe her vergleichbar mit Rosenheim ist. Dort gibt es bereits den zweiten Marburger Aktionsplan, der im Jahr 2019 gestartet ist. Sie haben alle Zahlen und Aktivitäten genau aufgelistet. Es ist ein Beispiel dafür, dass Rosenheim gnadenlos hinterher ist.
Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass dem Thema in Rosenheim so wenig Platz gegeben wird?
Meyer-Erben: Es ist ein unangenehmes Thema, mit dem man sich nicht auseinandersetzen will. Zudem ist der Rosenheimer Stadtrat von Männern dominiert. Auch in Rosenheim gibt es die klassischen Rollenbilder. Viele Frauen bleiben zu Hause, während die meisten Männer arbeiten gehen. Es wird einem vorgespielt, dass in Rosenheim eine heile Welt herrscht – und viele Menschen glauben es.
Lübbert: Und dabei wird auch in den Sitzungen sehr oft über das Thema Gewalt gesprochen, beispielsweise im Salingarten. Es soll jetzt sogar eine Videoüberwachung und einen kommunalen Ordnungsdienst geben. Aber niemand denkt an die Gewaltfälle, die im häuslichen Bereich passieren. Hier braucht es eine Lösung.
Sie haben auch einen Brief an die Fraktionen geschrieben und ihre Forderungen deutlich gemacht. Beispielsweise machen Sie sich stark für einen Betroffenen-Beirat und mehr Transparenz.
Lübbert: Wir möchten einfach wissen, wo wir als Stadt Rosenheim stehen und welche weiteren Maßnahmen geplant sind. Auf den Brief haben wir lediglich Rückmeldungen von SPD, Grünen und Linken erhalten. Von allen anderen demokratischen Parteien haben wir gar nichts gehört. Das ist schade.
Meyer-Erben: Gleichzeitig bestärkt diese Tatsache uns aber auch darin, weiter an dem Thema dranzubleiben. Es reicht nun einmal nicht, das Mittertor einmal im Jahr orange erstrahlen zu lassen. Es ist eine gute Maßnahme, aber es muss einfach deutlich mehr passieren. Häusliche Gewalt in Rosenheim muss mehr in den Fokus rücken. Aus diesem Grund haben wir jetzt auch eine Petition gestartet, auf der bereits über 250 Menschen unterschrieben haben.
Anna Heise