Beim Eisstockschießen hat Christa Gössl viele Preise gewonnen. Foto
Rosenheim – „Wie könnte man diesem Blick widerstehen?“ Franz Gössl hebt ein altes Schwarz-Weiß-Foto hoch, auf dem seine Ehefrau Christa in jungen Jahren zu sehen ist. Sie schaut ein wenig verwegen direkt in die Kamera. „Da werde ich heute noch schwach“, sagt der 81-Jährige und lächelt Christa an, die neben ihm sitzt.
Die beiden sind inzwischen seit 60 Jahren verheiratet und feiern in diesem Jahr ihre diamantene Hochzeit. Kennengelernt haben sie sich allerdings schon mit 14.
„In Trümmern“
aufgewachsen
Damals lebten sie noch in München. „In Trümmern“, wie Franz Gössl sagt, denn sie sind beide im Jahr 1944 geboren und in der Nachkriegszeit aufgewachsen. „Aber ich hatte eine schöne Jugend“, betont er. In München ging er zur Schule und machte anschließend seine Lehre bei einem Kaufhaus. Allerdings war er nicht der einzige neue Auszubildende. Auch die damals 14-jährige Christa fing zu diesem Zeitpunkt dort ihre Lehre an.
„Ich arbeitete in der Stoffabteilung und Christa in der Papierabteilung, direkt gegenüber“, erzählt Franz Gössl mit einem Schmunzeln. Das Mädchen habe immer wieder zu ihm herübergeblickt und dabei genauso verwegen geschaut wie auf dem Foto. Dem Blick habe er nicht ausweichen können, und so kamen sie eines Tages erstmals ins Gespräch. Zum Thema wurde bald, dass Christa Gössl nicht Fahrradfahren konnte. „In München brauchte man das nicht, es gab ja Straßenbahnen“, erklärt die heute 81-Jährige.
Doch der junge Franz wollte es ihr unbedingt beibringen. So radelten sie von da an öfter gemeinsam durch den Englischen Garten. Eines Tages fuhr Franz Gössl voraus, schaute sich um und plötzlich war Christa nicht mehr da. „Sie ist einfach ins Gebüsch gefallen“, erzählt er und lacht.
Eltern waren erst
gegen die junge Liebe
Mit 19 wussten er und Christa dann, dass sie heiraten und für immer zusammenbleiben wollten. Dabei hatten die Eltern allerdings noch ein Wörtchen mitzureden, denn volljährig war man damals erst ab 21. „Unsere Eltern waren dagegen“, erinnert sich Franz Gössl. Sie seien der Meinung gewesen, dass man nicht so jung heiraten sollte.
Mit der Hochzeit musste das Paar also noch warten. Doch als Christa Gössl 21 Jahre alt wurde, begannen sie alles zu planen und gaben sich knapp vier Wochen später, am 28. Januar 1965, in München das Jawort. Ihre Eltern informierten sie erst eine Woche vor der Eheschließung.
Der heute 81-jährige Franz Gössl war damals im Außendienst tätig und verkaufte Wasch- und Putzmittel. In dieser Zeit lebten die beiden noch in einer Münchner Wohnung. Als ein Kollege krank wurde, musste Gössl vorübergehend einspringen und arbeitete von da an in Rosenheim. Anfangs führte das Paar eine „Wochenend-Ehe“, wie Gössl es bezeichnet, denn seine Frau wollte nicht aus München weg. „Meine ganze Familie lebte dort“, betont Christa Gössl.
Doch letzten Endes wurde Franz Gössl vollständig nach Rosenheim versetzt und seine Frau musste natürlich mit. Doch zuerst einmal musste Gössl sie für die Region begeistern. „Also sind wir zusammen hierhergefahren, haben einen Ausflug nach Kufstein gemacht, waren später schön essen“, erzählt Franz Gössl. Damit hatte er Christa Gössl überzeugt und 1968 zog das Paar gemeinsam nach Rosenheim. „Und von da an hat eigentlich immer alles geklappt“, betont Gössl.
Gemeinsame Leidenschaft: das Eisstockschießen
Gemeinsam mit ein paar Bekannten gründete er später eine Firma, in der auch Christa Gössl als Buchhalterin aushalf. In der Freizeit teilten sie sich ebenfalls eine große Leidenschaft: das Eisstockschießen. Allerdings gewann Christa Gössl dabei deutlich mehr Medaillen – das gibt ihr Mann neidlos zu.
„Eigentlich bin ich durch Zufall dazu gekommen“, sagt Christa Gössl. Ihr Mann sei mal wieder beruflich unterwegs gewesen, also habe sie sich das Auto geschnappt, um damit zum Eisstadion zu fahren. Dort schaute sie den anderen Damen beim Training zu. „Sie haben dann zu mir gesagt, ich soll doch auch mal schießen“, erzählt Gössl. Sie probierte es, und schon nach dem ersten Versuch stand für die anderen Frauen fest: Sie war ein Naturtalent. Von da an ging es jedes Wochenende zu den Turnieren. „Oft war ich Fahrer, dann sind wir um 4 Uhr morgens aufgestanden und sind losgefahren“, erzählt Franz Gössl. „Manchmal wollte er uns vor Ort beraten. Da habe ich dann auch mal gesagt, dass er sich schleichen soll“, sagt seine Frau und lacht.
Christa Gössl betont, dass die beiden es lange Jahre sehr schön hatten. „Uns ist es wirklich gut gegangen“, erzählt sie.
Schwierig sei es erst geworden, als Christa Gössl gesundheitliche Probleme bekam: Die Hüfte war kaputt, sie musste mehrfach operiert werden. „Ich war oft krank und auch lange im Krankenhaus und auf Reha.“ Dann sei noch schwarzer Hautkrebs dazugekommen. „Die ganzen Untersuchungen und Anwendungen, das war der Wahnsinn“, sagt Gössl. Fast jede Woche habe sie dafür nach München gemusst.
Nicht einen Hochzeitstag hat er vergessen
Franz Gössl führte seine Firma noch weiter, bis er 72 war. Dann verkaufte er sie und ging in Rente, um mehr für Christa dasein zu können.
In all den Jahren vergaß er nicht einen einzigen Hochzeitstag, darauf ist der gebürtige Münchner besonders stolz. „Vergessen hat er den Tag wirklich nie, aber einmal war er zu früh dran“, erzählt Christa Gössl und schmunzelt. Da habe ihr Mann ihr eine Woche vor dem 28. Januar Blumen ans Bett gebracht.
„Versöhnung ist etwas Schönes“
An das 60-jährige Ehejubiläum, das sie heuer feiern, dachte er pünktlich. Denn wie sie es sich schon in ihrer Jugend geschworen hatten, gingen die Gössls nie auseinander. Das Ehepaar hat einen Sohn. „Natürlich haben wir auch gestritten, aber uns halt jedes Mal wieder vertragen“, betont Christa Gössl. Einer müsse eben immer nachgeben. „Und Versöhnung ist ja etwas Schönes“, betont ihr Mann.