Rosenheim – Fahrradfreundliche Städte in Europa, gibt es so etwas? Wenn man Ingwar Perowanowitsch fragt, dann ja. Er ist viel mit dem Fahrrad in Deutschland und Europa unterwegs. Auf Instagram teilt er immer wieder Beiträge zum Thema Verkehrswende und Klimawandel. Seinen neuen Dokumentarfilm „Cycling Cities“ stellte er nun in Rosenheim vor etwa 120 Besuchern vor. Im OVB-Interview erzählt er, was Rosenheim angehen müsste, um fahrradfreundlicher zu werden.
Bleibt Ihnen noch Zeit, neben Ihrer beruflichen Tätigkeit mit dem Rad durch Europa beziehungsweise Deutschland zu reisen?
Ich muss schon sagen, es ist mittlerweile mein Hauptberuf. Ich habe keinen anderen Beruf. Mein Beruf drückt sich auf unterschiedliche Weise aus. Ich schreibe, halte Vorträge und mache Filme dazu.
Wann kam Ihnen die Idee, sich näher mit dem Thema „fahrradgerechte Städte und nachhaltige Mobilität“ zu beschäftigen?
Ich bin 2016 nach Groningen in den Niederlanden gezogen und habe dort drei Jahre lang studiert. Ich hatte im ersten Jahr emotionale Berührungspunkte mit dem Thema. Ich bin dann nach Berlin umgezogen und habe gemerkt, wie krass unterschiedlich diese beiden Städte sind. Da kam mir die Erkenntnis, dass uns so viel Potenzial durch die Lappen geht, weil wir so „autofixiert“ sind.
Was macht eine fahrradfreundliche Stadt für Sie aus?
In einer fahrradfreundlichen Stadt können alle radeln – egal wie alt sie sind und wie sicher und gerne sie mit dem Fahrrad fahren. Zudem braucht diese Stadt ein flächendeckendes, sicheres Radnetz.
Im Mai 2025 sind Sie aufgebrochen, um Europas fahrradfreundlichste Städte zu besuchen. Nach welchen Kriterien gingen Sie vor?
Ich habe eine Fahrradreise zu den schönsten Fahrradstädten Europas gemacht. Man kennt natürlich die Städte, die Schlagzeilen machen. Aber es gibt auch ganz objektive Kriterien. Es gibt einen Kopenhagen-Index, nach dem die schönsten Städte bewertet werden. Dieser hat vor ein paar Monaten ein neues Update veröffentlicht und die fünf Städte, die ich besucht habe – Hamburg ausgenommen –, sind unter den ersten fünf.
Sie waren mit dem Fahrrad auch in Baku. Was hat Sie bewogen, die dreimonatige Reise nach Aserbaidschan zu machen?
Ich bin einfach ein großer Radreise-Freund. Ich wollte aber auch ein bisschen Aufmerksamkeit erzeugen und das Fahrrad aus klimatechnischen Gründen benutzen. Ich wollte von unterwegs von positiven Beispielen berichten.
Ihre Reisen führten Sie unter anderem nach Amsterdam und Utrecht. Warum ausgerechnet in diese Städte und wo lagen hier die Schwerpunkte?
Amsterdam ist die Hauptstadt des Fahrradlandes Niederlande schlechthin. Das heißt, es bietet sich an. Und Utrecht kannte ich vorher schon. Utrecht ist für mich die schönste Fahrradstadt der Welt, weil die Stadt geschafft hat, dass das Radwege-Netz einen nie im Stich lässt und man sich überall sicher fühlt. Und vor allem ist man immer im Pulk mit vielen anderen Radfahrern unterwegs.
Durch Rosenheim sind Sie bisher noch nicht geradelt. Was wären denn die Schwerpunkte gewesen, auf die Sie hier besonders geachtet hätten?
Ich schaue mir immer gerne die Radinfrastruktur auf Hauptstraßen an, denn das sind die zentralen Wege. Aber ich schaue mir auch die Nebenstraßen an. Ich nehme mal an, auf Hauptstraßen hier gibt es, wenn überhaupt, Radstreifen, aber keine geschützten Fahrradwege. Das ist ein Punkt, den man angehen müsste.
Hätte Rosenheim eine Chance, in einer Ihrer Dokumentationen vorzukommen?
Natürlich. Jede Stadt hat die Chance. Mein Argument ist immer: Es braucht keine speziellen Voraussetzungen. Die einzige Voraussetzung ist ein gesellschaftlicher und politischer Wille. Wenn Rosenheim dies an den Tag legen würde, dann würde es auch vorkommen.
Sie haben einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Cycling Cities“ über die schönsten Fahrradstädte Europas gemacht. Was hat Sie bewogen, diesen Film zu produzieren?
Ich habe von der Baku-Reise schon einen Reisefilm mitgebracht und der kam ganz gut an. Ich habe gemerkt, wie toll man Geschichten erzählen kann mit dem Medium Film. Und da ich schon bei der Baku-Reise vorhatte, über positive Beispiele der Verkehrswende zu berichten, dachte ich, ich vereine das.
Welches Projekt haben Sie als nächstes vor?
Ich habe tatsächlich schon Ideen für einen neuen Film, in dem es darum gehen soll, das Thema Fahrradfahren zu erweitern, und zwar auf ökologische Fragen. Und ich möchte den Film dann noch professioneller gestalten.
Gerhard Erlich