Abschied von Rosenheims Mr. Fasching

von Redaktion

Die Faschingszeit ist vorbei, und damit endet auch die Ära von Helmut Müller alias „Mr. Fasching“. Nach 20 Jahren als Organisator des Faschingstreibens auf dem Max-Josefs-Platz hört er auf. Nun stellt sich die Frage, wie es mit der Rosenheimer Traditionsveranstaltung weitergeht.

Rosenheim – Das Abschiednehmen fällt Helmut Müller nicht schwer. „Ich hatte aber schon ein mulmiges Gefühl“, sagt der 71-jährige Kolbermoorer. Er sitzt nur wenige Meter von dem Ort entfernt, der inzwischen zu seinem zweiten Zuhause geworden ist – dem Rosenheimer Max-Josefs-Platz. Dort ist Müller seit über 20 Jahren immer an genau einem Tag des Jahres zu finden – als „Mr. Fasching“. Der 71-Jährige organisiert und kümmert sich seit Jahren um das Faschingstreiben am Faschingsdienstag. Jetzt ist damit Schluss.

Händchen fürs Moderieren
und Organisieren

Am vergangenen Dienstag war er zum letzten Mal in offizieller Funktion dabei. „Als ich in der Früh in die Stadt reingefahren bin, sind mir schon viele Gedanken durch den Kopf gegangen“, sagt er. Der 71-Jährige macht eine kurze Pause, nippt an seinem Kaffee. Dann fährt er mit leicht brüchiger Stimme fort: „Vor allem, weil sich in all der Zeit große Freundschaften ergeben haben.“ Eine Träne habe er bisher aber nicht verdrücken müssen. „Da bin ich schmerzfrei, ich habe mir das selbst so ausgesucht.“

Der 71-Jährige hat es sich gut und lange überlegt, nach diesem Jahr aufzuhören. „In meinem Alter sind die Nachwehen immer mehr geworden“, sagt er und lacht. Der Aschermittwoch sei noch nie so entspannt gewesen wie in diesem Jahr, da er sich bereits heuer etwas zurückgenommen hat. „Wenn du alles selbst organisierst und alles funktionieren muss, bist du schon Tage vorher angespannt. Das ist heftig“, sagt Müller. Er sei Perfektionist, war jeden Faschingsdienstag einer der ersten und letzten am Max-Josefs-Platz. „Man läuft die Nacht vorher und den ganzen Tag über herum. Da habe ich schon gemerkt, dass ich nicht mehr der Allerjüngste bin.“ Inzwischen brauche er zwei Tage, bis er danach wieder richtig fit ist.

Ganz zu schweigen von der mentalen Belastung – und der finanziellen. Es habe Jahre gegeben, in denen Müller die Veranstaltung zu einem gewissen Teil aus der eigenen Tasche finanziert hat. „Ich bin da immer ein gewisses Risiko eingegangen, manchmal blieb weniger übrig, manchmal mehr“, erinnert er sich. Um das Faschingstreiben zu organisieren, hat Helmut Müller sogar eine eigene Firma gegründet.

Bis es so weit kam, waren Zwischenschritte notwendig. „Fasching an sich war mir schon als Kind wichtig“, sagt Müller. Es sei immer etwas Besonderes gewesen, sich zu verkleiden, auf einen Kinderball oder zum Faschingsumzug zu gehen. „Am besten dabei ist das Maskieren und in eine andere Rolle zu schlüpfen“, erklärt der 71-Jährige seine Faszination. Später habe er als Vorsitzender des Rock- ‘n‘Roll Club Rosenheim Faschingsbälle organisiert.

Besucher haben früher
ausgelassener gefeiert

Da habe er gemerkt, dass er ein Händchen fürs Organisieren und Moderieren hat – allerdings nicht zum ersten Mal. „Das ging schon bei der Bundeswehr los, da war ich ein Presse- und Eventoffizier“, erzählt Müller. Dort habe er sich um die Veranstaltungen und Empfänge gekümmert. Nach dem Ende im Rock‘n‘Roll Club habe ihm das Organisieren so gefehlt, dass er sich nach einer neuen Aufgabe umgesehen hat.

Nach einem kurzen Abstecher zur Rosenheimer Faschingsgilde bewarb sich Helmut Müller – neben seinem Job als Finanzbeamter – als freier Mitarbeiter beim damals relativ jungen City-Management, das das Faschingstreiben in Rosenheim veranstaltet. „Das war eine glückliche Fügung“, sagt der Kolbermoorer. Schnell wurde klar: Müller ist wie geschaffen für den Job. Seit 2006 kümmert sich der 71-Jährige um das närrische Treiben. „Immer im Zusammenspiel mit dem City-Management, das auch Teile der Kosten übernommen hat, und dem Wirtschaftlichen Verband“, erzählt Müller. Und seiner langjährigen Bühnenassistentin Inge Lindner, die ihm Jahr für Jahr eine große Hilfe gewesen ist.

Groß verändert habe sich das Faschingstreiben in der Zeit nicht. Zwar stehe die Bühne inzwischen woanders und es kämen mehr Menschen als früher, im Großen und Ganzen sei es aber gleich geblieben. „Das Einzige ist, dass die Leute nicht mehr so ausgelassen feiern wie früher“, sagt Müller. Die Stimmung sei vor 20 Jahren ein wenig gelöster und lustiger gewesen. Zumal er glaube, dass der Fasching damals noch einen anderen Stellenwert hatte. „Die Zeit war einfach etwas Besonderes für die Leute. Sonst gab es ja nicht so viele Möglichkeiten zum Feiern.“

Zumal die Rosenheimer ohnehin schwerer für etwas zu begeistern seien. „Ich will nicht sagen, dass sie langweilig sind. Aber es braucht mehr Überzeugung, dass sie mitfeiern und in Schwung kommen“, sagt Müller und lacht. Das habe er gemerkt, wenn er auf dem Faschingstreiben die Moderation übernommen oder den DJ gespielt hat.

Neben all den schönen Momenten gab es auch ein paar Faschingsdienstage, die der 71-Jährige wohl nie vergessen wird. „Das Jahr 2016 war sehr dramatisch“, sagt Müller. Er wird leise, blickt sich im Raum um und überlegt, wie er den Tag in Worte fassen soll. „Ich war in der Früh auf dem Weg zum Max-Josefs-Platz, als über der Stadt überall Hubschrauber kreisten“, erzählt der 71-Jährige.

Niemand habe zu dem Zeitpunkt gewusst, was los ist. „Es war das schönste Wetter, alle waren bereit, um 10 Uhr kam die Meldung, dass in Bad Aibling ein schweres Zugunglück passiert ist“, sagt Müller. Nach einem Austausch mit Rosenheims damaliger Oberbürgermeisterin entschieden sich die Verantwortlichen, das Faschingstreiben abzusagen. „Das war auch gut so, an dem Tag hatte niemand Lust zu feiern“, erinnert sich Müller.

Genauso im Kopf geblieben ist ihm ein Jahr während der Pandemie. „Ich wollte da einen Ein-Mann-Fasching machen, weil ja trotz Corona die Faschingszeit war“, sagt Müller. Alleine sei er maskiert mit Sekt und Krapfen auf den Max-Josefs-Platz gezogen. „Dort haben mich fünf Polizisten empfangen und darauf hingewiesen, dass es verboten ist und die Strafe ein paar Tausend Euro kostet“, erzählt Müller und lacht.

Die Aufregung im vergangenen Jahr, als in den sozialen Medien Spekulationen über einen möglichen Anschlag auftauchten, habe Müller als DJ und Moderator hingegen gar nicht so mitbekommen. „Ich wusste schon, dass irgendwas ist, habe mich da aber auf die Behörden und das City-Management verlassen“, sagt Müller. In die Sicherheit der Veranstaltung sei aber ohnehin in den vergangenen Jahren viel investiert worden. „Die Kosten für die Auflagen sind schon deutlich gestiegen“, sagt Müller.

Sich um diese Dinge zu kümmern, ist genau das, was Helmut Müller nicht vermissen wird. „Die Verantwortung, dass alles gut geht, wird mir nicht fehlen“, sagt er. Die Anspannung und Vorfreude vor dem großen Tag werde ihm hingegen schon abgehen. Genauso wie das Verkleiden. Der 71-Jährige habe inzwischen eine beachtliche Sammlung an Kostümen zusammen – vom rosa Indianer bis zu einem Radiomoderator sei alles dabei.

Wegschmeißen oder irgendwo im Keller verstauen werde er die Sachen nicht. „Ich bleibe dem Faschingstreiben ja erhalten“, sagt Müller. Sein Abschied von einem offiziellen Posten ist dennoch „ein enormer Schnitt und eine große Veränderung“, sagt Thomas Vodermayer, Vizepräsident der Faschingsgilde Rosenheim. Helmut Müller habe ausgezeichnet, dass er den Fasching und das Faschingstreiben genauso geliebt und gelebt hat wie die Besucher. „Und diese Freude und den Spaß hat er auch vermittelt“, sagt Vodermayer. Müller sei ein Multitalent.

Aufgaben werden auf
mehrere Schultern verteilt

Den 71-Jährigen jetzt zu ersetzen, sei „wirklich schwer“. „Einen Nachfolger eins zu eins wird es auch nicht geben“, betont der Vizepräsident. Die Aufgaben von Müller werden in der Faschingsgilde auf mehrere Schultern verteilt. „Die Moderation hat jetzt unser Hofmarschall Mario Schmitt übernommen“, sagt Vodermayer. Um das Faschingstreiben kümmern sich weiterhin das City-Management und der Wirtschaftliche Verband mit seiner Faschingsgilde.

Helmut Müller will den Faschingsdienstag in Zukunft in vollen Zügen genießen. Das sei bislang nicht wirklich möglich gewesen. „Das ist immer wie im Flug vergangen“, sagt er. Langweilig werde es ihm in Zukunft mit seiner Familie, den vielen anderen Projekten oder auch dem wiederentdeckten Gitarrespielen nicht. „Und den Titel ‚Mr. Fasching‘ gebe ich jetzt gerne weiter.“

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