Rosenheim – Mittlerweile lässt sich trotz des kalten Winterwetters immer wieder die Sonne blicken, und bei einigen kommen schon erste Frühlingsgefühle auf. Mit ihnen kommt auch der Gedanke an den Frühjahrsputz. Anja Nöske aus Rosenheim ist seit zwei Jahren Ordnungscoach und befasst sich hauptberuflich mit Aufräumen. Im OVB-Gespräch verrät die 45-Jährige, welche verschiedenen Ordnungstypen es gibt und mit welchen Routinen sie ihr Zuhause ordentlich hält.
Haben Sie immer das Verlangen, aufzuräumen?
Meistens ja. Ich muss mich bei Freunden zügeln, keine Kommentare abzulassen, wenn überall Dinge herumliegen. Das ist ein bisschen eine Berufskrankheit. Außerdem nutze ich Ordnungsroutinen, zum Beispiel den Fünf-Minuten-Pickup: Wenn ich einen Raum verlasse, nehme ich herumliegende Dinge mit und bringe sie dahin, wo sie hingehören. Ich räume quasi den ganzen Tag unterbewusst auf. Wenn ich woanders bin, muss ich echt darauf achten, dass ich nicht irgendwas wegräume.
Was machen Sie in Ihrem Job als Ordnungscoach?
Die Spanne reicht von: Jemand möchte Hilfe beim Auspacken der Umzugskartons haben, bis hin zu Leuten, die das ganze Haus entrümpelt haben wollen. Ich mache im Vorfeld einen groben Plan und kläre das Vorgehen mit den Klienten ab. Und dann treffe ich auf die Realität. Manchmal klappt das Geplante gut, manchmal muss ich umdisponieren. Der Beruf fordert einen körperlich – man rennt an manchen Tagen mehrmals treppauf, treppab und raus zum Container – aber er ist auch emotional fordernd, denn Ordnung und Psyche hängen eng zusammen.
Wie meinen Sie das?
Es gibt beim Ordnungscoaching meist auch eine emotionale Komponente: Innere und äußere Ordnung beziehungsweise Unordnung bedingen sich. Die innere Unordnung trägt zur äußeren bei und umgekehrt. Viele Klienten sind dankbar, dass jemand mit ihnen aufräumt. Oft haben sie selbst nicht die Motivation. Sie sehen den Berg an angesammelten Dingen und kapitulieren. Wenn ich dann komme, bin ich nicht emotional mit den Sachen verbunden und fange direkt an zu sortieren. Manche sind auch froh, dass ihnen jemand erlaubt, Dinge einfach gehen zu lassen. Das entlastet sie unheimlich.
Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?
Es war ein Selbstversuch: Mein Partner und ich sind zusammengezogen. Ich habe etwas Schnappatmung bekommen, als ich gesehen habe, was er alles mitbringt. Er war ein Sammler und ich eher Minimalist, das funktioniert nicht so gut zusammen. Ich musste eine Lösung finden und habe recherchiert. Dann bin ich auf Minimalismus als Methode und verschiedene Ordnungssysteme gestoßen. Das habe ich an ihm ausprobiert – und weiter bei Familie und Freunden.
Welche Ordnungssysteme gibt es?
Es gibt verschiedene Ordnungstypen. Wenn jemand für seine Art nicht das richtige System hat, funktioniert es auch nicht. Dann hat die Person nicht zu viel Kram, sondern das falsche System für sich. Cassandra Aarssen (Ordnungscoach aus Kanada, Anm. d. Red.) hat vier verschiedene Grundtypen bestimmt, die sich aus Präferenzen ergeben. Zum einen die „visuelle“-Präferenz: Jemand, der seine Dinge sehen möchte. Alles, was die Person braucht, steht gerne griffbereit. Dann gibt es den „nicht visuellen“ Typ. Das sind diejenigen, die von herumstehenden Sachen gestresst sind und alles gerne hinter geschlossenen Fronten hätten. Gleichzeitig unterscheidet man noch in „detaillierten“ und „nicht-detaillierten“ Ordnungstyp beziehungsweise Micro- und Macro-Organizer. Das bezieht sich darauf, ob jemand kleinteilige Sortierungen mag oder Dinge lieber in großen übergeordneten Kategorien verstaut.
Was wären Beispiele?
Für nicht-detaillierte Personen, also Macro-Organizer, eignet sich zum Beispiel ein Ordnungssystem mit Körben und Boxen, in die sie ihr Zeug einfach hineinwerfen. Das funktioniert nicht für diejenigen, die alles ganz kleinteilig organisieren möchten. Jemand, der ‚visuell und nicht-detailliert‘ ist, braucht offene Staulösungen oder durchsichtige Boxen für Aufbewahrung mit geringem Detailgrad. Der gegenteilige Ordnungstyp ist „nicht-visuell und detailliert“. Diese Personen brauchen viele kleinteilige Kategorien in kleinen Behältern oder Schubladen hinter geschlossenen Fronten.
Gibt es auch Überschneidungen der Typen?
Ja, aber meistens hat man eine Tendenz. Dennoch kann es sein, dass es von Raum zu Raum unterschiedlich ist. Schwierig wird es, wenn zwei völlig unterschiedliche Typen sich eine Wohnung oder ein Haus teilen. Dann braucht es tendenziell eine großteilige und visuelle Ordnung. Denn wenn ein Partner Dinge kleinteilig und versteckt ordnet, hat der andere Partner, wenn er visuell und groß strukturiert ist, das Problem: Er weiß nie, wo was hinkommt. Er ist dann mit dem kleinteiligen System überfordert und wird sich nicht die Mühe machen, Sachen wegzuräumen. So entsteht Unordnung. Jemand, der kleinteilig und versteckt organisiert, kommt eher auch mit größeren Kategorien klar.
Wie wird man Ordnungscoach?
Es ist in Deutschland kein akkreditierter Beruf. Er kommt ursprünglich mehr aus den USA und Kanada. Mittlerweile gibt es Akademien, an denen man Zertifikate erwerben kann. Etwa die Marie-Kondo-Ausbildung (Marie Kondo ist eine sehr bekannte japanische Ordnungsberaterin, Anm. d. Red.), mit der man sich als KonMari Consultant zertifizieren lassen kann. Ich habe vergangenes Jahr für das Institut für Lernsysteme (ILS) den Kurs „Psychologischer Berater Ordnungscoach“ erstellt. Nach erfolgreicher Prüfungsleistung kann man sich zertifizieren lassen. Wer ein bisschen Talent für Ordnung und Struktur hat und stressige Situationen aushalten kann, ist für den Beruf geeignet.
Kann man beim Aufräumen Fehler machen?
Fehler nicht. Schwierig wird es, wenn man zu viel ausmistet und nachkaufen muss, denn das wäre Geld- und Ressourcenverschwendung. Aber auch chronisches Zerdenken kann hinderlich sein. Mit ‚Brauche ich das?‘, ‚Wann brauche ich das?‘ und ‚Was nutze ich, wenn ich es nicht mehr habe?‘ kann man sich ein bisschen austricksen. Wenn es keinen sentimentalen Wert hat, würde ich dahin tendieren: Lass es gehen.
Wie kann ich zu Hause anfangen, aufzuräumen?
Entweder nach Kategorie vorgehen, zum Beispiel zuerst die Kleidung. Dazu trägt man sämtliche Kleidung aus jedem Raum zusammen. So geht unter anderem Marie Kondo vor. Dabei kann man nochmal Unterkategorien bilden, wie T-Shirts, Röcke und so weiter – wenn es zu viel Kleidung auf einmal ist. Das ist ein Ansatz, den ich bei jemandem mit einem vollen Haus schwierig finde, denn man hat keinen Platz, die Dinge an einem Ort zu sammeln. Da hat es sich für mich bewährt, nach Räumen vorzugehen. Ich arbeite mich Schicht für Schicht vor, bis eine Menge erreicht ist, die für die Klienten passt und bis die Sachen ihren finalen Platz gefunden haben.
Was würden Sie Leuten empfehlen, um Ordnung zu halten?
Eine Abendroutine ist Gold wert. Wenn ich auf dem Sofa gelegen habe, dann falte ich vor dem Schlafengehen die Decke, stelle die Kissen ordentlich hin, bringe das Geschirr in die Küche und räume alle Fernbedienungen dahin, wo sie hingehören. Am nächsten Morgen starte ich in ein ordentliches Zuhause. Denn es gibt das Konzept der stillen To-do-Liste: Diese Liste umfasst alle unerledigten Aufgaben, wie zum Beispiel Retouren verschicken, etwas zur Schneiderei und etwas anderes zum Wertstoffhof bringen. Das alles steht auf dieser gedanklichen Liste. Damit wird Unordnung zu einem psychologischen Belastungsfaktor. Wenn die Räume ordentlich sind, ist die stille To-do-Liste nicht mehr ganz so lang und man startet besser in den Tag.
Sophie Mischner