Rosenheim – Eigentlich soll es für viele Menschen eine Erleichterung sein: die elektronische Patientenakte (ePA). Seit Herbst ist die Nutzung in Gesundheitseinrichtungen Pflicht. Der Start verlief jedoch holprig. Viele Patienten wissen nicht, dass sie überhaupt eine digitale Gesundheitsakte haben. Andere sehen keine Vorteile oder lassen aus Sorge um ihre sensiblen Daten die Finger davon. Dass die Akte aber eine Hilfe sein kann, weiß Judith Häusl, Direktorin der AOK Rosenheim.
Wie oft haben Sie Ihre elektronische Patientenakte bisher genutzt?
Hineingeschaut habe ich bereits mehrfach. In meiner Akte ist noch nicht sonderlich viel zu sehen. Das liegt auch daran, dass ich zum Glück in den vergangenen Monaten gesund war, sodass ich selbst nicht zum Arzt musste (lacht). Es erreichen mich allerdings dazu immer mehr Fragen, sodass ich regelmäßig hineinschaue.
Was ist denn die elektronische Patientenakte genau?
Die „ePA“ ist ein Bindeglied zwischen Versicherten und verschiedenen Akteuren im Gesundheitssystem und ein digitales Ablagesystem, das ein umfassendes Bild über alle Krankheitsdaten eines Versicherten darstellt. Darauf ist etwa gespeichert, welche Medikamente der Versicherte einnimmt. Genauso wie Arztbriefe und Krankenhausentlassungsberichte. Wenn zum Beispiel eine Röntgenaufnahme gemacht wird, wird diese dort gespeichert.
Viele wissen aber wahrscheinlich gar nicht, dass sie eine „ePA“ haben.
Grundsätzlich gibt es die „ePA“ ja schon länger. Früher war der Zugang zur elektronischen Patientenakte so geregelt, dass diese auf Wunsch des Versicherten angelegt wurde. Seit dem 15. Januar 2025 ist das anders: Von da an wurde für alle Versicherten eine elektronische Patientenakte angelegt, sofern kein Widerspruch vorlag. Heißt: Jeder hat eine solche Akte, außer er hat widersprochen. Alle gesetzlichen Krankenkassen wurden verpflichtet, die Versicherten per Post zu informieren und eine sechswöchige Widerspruchsfrist einzuräumen. Es bestehen allerdings noch viele Unsicherheiten.
Einem Medienbericht zufolge nutzen nur 3,6 Prozent der gesetzlich Versicherten aktiv die Akte.
Ich kann nur für die AOK Bayern sprechen und wir haben mehr als 4,6 Millionen Menschen informiert. 6,4 Prozent davon haben uns damals kontaktiert und gefragt, was das für einen bedeutet. Es war schon Interesse da.
Und wie erklären Sie sich den holprigen Start?
Ein Thema ist sicher die Digitalisierung. Die „ePA“ kann sowohl mit als auch ohne App-Anwendung genutzt werden. Die Akte zu verwalten, funktioniert allerdings nur digital. Zur Anmeldung braucht es eine Zwei-Faktor-Authentifizierung – ähnlich wie beim Online-Banking. Mit diesem vergleiche ich das auch gerne. Das Online-Banking ist ja auch nicht gleich am Anfang durchgestartet und viele Menschen haben es anfänglich aus verschiedensten Gründen nicht genutzt, das war auch ein Prozess über Jahre. Ähnlich könnte das nun auch bei der „ePA“ ablaufen. Zumal die Gesundheitsakte noch sehr jungfräulich bei vielen ist. Es dauert jetzt eben, bis sich die Akten füllen und ein Mehrwert erlebbar wird.
Warum sollte man die Akte dennoch nutzen?
Es ist eine Verbesserung in der Versorgung. Ein Arzt hat damit einen viel besseren Überblick über bisherige Behandlungs- oder Krankheitsverläufe. Genauso wie über Vorerkrankungen oder Allergien. Ein Beispiel, wann das wichtig sein kann: Wenn jemand ins Krankenhaus kommt und nicht ansprechbar ist, sieht der behandelnde Arzt sofort, was er bei der weiteren Behandlung – womöglich auch für Operationen – beachten muss. In Notfallsituationen kann das sehr wertvoll sein.
Gibt es weitere Vorteile?
Langfristig sehe ich auch eine Kostensenkung im Gesundheitswesen und eine Unterstützung im Praxisalltag. Zum Beispiel können so Doppeluntersuchungen vermieden werden. Zudem wird die Forschung gefördert. Die Daten aus der Patientenakte werden anonymisiert und der medizinischen Forschung zur Verfügung gestellt. Diese Erkenntnisse zu Krankheiten oder Behandlungsmethoden kommen uns allen auch wieder zugute. Ein anderer Vorteil ist die Stärkung der Patientenrechte. Jeder Patient hat die volle Kontrolle über seine Gesundheitsdaten, kann über eine App selbst Dokumente hochladen und entscheidet selbst, wer darauf zugreifen kann.
Dabei gibt es aber auch Sorgen um die Sicherheit – Unbefugte kommen nicht an sensiblen Daten?
Es gab Berichte der „Gematik“ (Nationale Agentur für digitale Medizin), dass ein Szenario für unberechtigte Zugriffe beschrieben wurde. Diese Sicherheitslücken wurden aufgedeckt. Allerdings ist nicht bestätigt, dass tatsächlich auf Daten zugegriffen wurde. Es wurde bloß festgestellt, dass diese grundsätzlich möglich sind. Daraufhin wurden sofort Maßnahmen ergriffen, um diese Möglichkeiten zu verhindern.
Können Sie es nachvollziehen, dass es die Angst vor Datendiebstahl gibt?
Absolut. Unsere Gesundheitsdaten sind sensibel und die wollen wir alle gut geschützt wissen. Die „ePA“ wurde und wird mit den hohen Sicherheitsstandards gebaut, zusammen mit den obersten Sicherheits- und Datenschutzbehörden entwickelt und abstimmt. Weder der Betreiber der ePA-Systeme noch die Krankenkasse haben Zugriff auf die Daten. Diese sind innerhalb der EU gespeichert und obliegen somit dem deutschen und europäischen Datenschutzrecht.
Ist Ihnen ein größerer Datenklau bekannt?
Nein.
Was braucht man denn, um die „ePA“ zu nutzen?
Eine Gesundheitskarte, die die Nahfeldkommunikation (NFC) unterstützt. Das ist mittlerweile Standard. Diese ist auch Voraussetzung für den Zugriff beim Arzt durch das „Stecken“ der Versicherungskarte. Die „ePA“ einzusehen und diese zu verwalten, funktioniert digital über eine App. Für die Registrierung wird eine PIN benötigt, die bei der Krankenkasse angefordert werden kann oder einen elektronischen Personalausweis mit eID-Funktion.
Ohne Handy geht es nicht? Was ist mit Menschen, die im Umgang mit Smartphones unsicher sind?
Ist dies der Fall, kann über die „ePA“-App eine Vertretung eingerichtet werden. Dies gilt sowohl für Kinder, Eltern als auch für betreute Personen. Neben der App für das Smartphone gibt es noch die Möglichkeit eines Desktop-Clients für den Computer. Ein begrenzter Upload von Dokumenten ist auch durch die Krankenkasse möglich.
Sollten die Patienten mehr auf die ePA setzen?
Ja. Aus meiner Sicht ist die „ePA“ ein entscheidender Schritt zu einer modernen, digitalisierten Gesundheitsversorgung. Auf diesem Weg kann unser Gesundheitssystem effizienter und patientenorientierter werden.Julian Baumeister