Social Media: Ruf nach Leitplanken

von Redaktion

Während die Politik über Social-Media-Sperren für Jugendliche streitet, fordern Rosenheimer Experten regulierte und altersgerechte Leitplanken. Statt eines kompletten Verbots plädieren sie für einen Jugendschutz, der von der Politik auch im Netz konsequent durchgesetzt wird.

Rosenheim – Deutschland diskutiert nach einem Vorschlag der SPD zu einem möglichen Social Media Verbot über Kinder und Jugendliche im Netz. Verbot, Regulation, freier Zugang – die Meinungen sind vielfältig. Barbara Heuel, Geschäftsleiterin vom Rosenheimer Kinderschutzbund, und Benjamin Grünbichler, Geschäftsführer der Suchtpräventionsstelle „neon“, sind überzeugt, dass es kein komplettes Verbot braucht, sondern einen differenzierten Ansatz.

95 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen besitzen laut der Studie „Jugend in den Medien“ ein eigenes Smartphone, die durchschnittliche Bildschirmzeit beträgt knappe vier Stunden. Zu viel, sagen Experten. Denn durch die hohe Nutzungsdauer können psychische Belastungen wie Angststörungen, depressive Symptome und Schlafprobleme auftreten, aber auch problematische Bilder des eigenen Körpers oder Konzentrationsschwierigkeiten entstehen, weiß Heuel.

Das kennt auch Laura Paas aus ihrem Umfeld. „Das ständige Vergleichen, das sind schon Auswirkungen, die man im eigenen Umfeld bemerkt“, sagt die 17-jährige Schülerin des Karolinengymnasiums. Ihr Freundeskreis – wie die Mehrheit der Jugendlichen – ist sich seiner intensiven und damit risikoreichen Nutzung bewusst. Dennoch schaffen es viele nicht, das Scrollen aufzuhören und das Smartphone beiseitezulegen. Das sei kein Wunder, meint Benjamin Grünbichler, Geschäftsführer der Sucht-Präventionsstelle „neon“ in Rosenheim.

Soziale Medien machen
Leben nicht einfacher

Denn Social Media ist nicht mit der Absicht entwickelt worden, der Bevölkerung das Leben einfacher zu machen, sondern die Menschen an den Bildschirm zu fesseln“, erklärt Grünbichler. Bestimmte Mechanismen wie endlose Videoschleifen oder ständig neue Inhalte sollen die Nutzer lange auf den Seiten halten. Auf inhaltlicher Seite verstärken Algorithmen extreme oder emotionalisierende Inhalte. „Kinder geraten schnell in Meinungsblasen oder stoßen auf selbstverletzende, extremistische oder frauenfeindliche Inhalte“, meint Barbara Heuel vom Kinderschutzbund.

Zusätzlich erschwert der noch nicht voll entwickelte präfrontale Kortex den Jugendlichen einen bewussten Umgang. „Das ist unsere Bremse im Gehirn, damit steuere ich meine Impulse“, so Grünbichler. Kinder und Jugendliche müssten zuerst befähigt werden, Regulation und kritisches Denken im analogen Leben zu erlernen, bevor sie diese im Digitalen anwenden können. Grünbichler und Heuel fordern daher auch kein pauschales Verbot von sozialen Medien, sondern altersgerechte Schutz- und Lernräume.

Den aktuellen Umgang mit sozialen Medien vergleicht der „neon“-Geschäftsführer mit dem Erlernen des Straßenverkehrs: „Ich setze einen Dreijährigen ja auch nicht ohne Helm und Stützräder auf ein Fahrrad.“ Zwar gebe es sowohl beim Radfahren als auch im Internet Risiken, aber die Kinder müssten den Umgang lernen – begleitet und unterstützt von fähigen Erwachsenen.

Aus seiner Sicht ist nun die Politik gefragt: „Wir müssen verdammt nochmal den Jugendschutz ernst nehmen und nicht nur auf die Tech-Konzerne abwälzen.“ Zwar funktioniere der Jugendschutz im Analogen gut, in den sozialen Medien passiere dagegen gar nichts. Der Grund: Betreiber haben bisher keine Konsequenzen zu fürchten. „Warum sollten sie also Energie aufwenden, um effektiven Jugendschutz zu gewährleisten?“ Die Politik müsse daher mit Jugend- und Datenschützern an einem Strang ziehen, um Gesetze auch online durchzusetzen.

Dass das klappen kann, zeigt Australien mit seinem im Dezember in Kraft getretenen Social Media Verbot. Dort riskieren die Betreiber von Social Media Plattformen Strafen bis zu umgerechnet 30 Millionen Euro, wenn ihre Nutzer unter 16 Jahren sind.

Für die Eltern bedeutet eine stärkere Regulierung aus der Politik vor allem eine Entlastung, da ist sich Grünbichler sicher: „Die allermeisten Eltern sind erleichtert, wenn Kinder in der Schule kein Smartphone brauchen.“ Denn so stehen sie nicht unter Druck, ihre Kinder womöglich zum Außenseiter zu machen, wenn sie ihnen in frühen Jahren noch kein eigenes Smartphone erlauben. Zwar kann und soll in der Schule und auch zu Hause mit dem Internet gearbeitet werden, aber eben unter Aufsicht, empfiehlt Benjamin Grünbichler. Wenn Jugendliche dann später ihr eigenes Gerät bekommen, „ist ihnen klar, da erwartet sie auch Gewalt und Pornografie, aber sie wissen, wie damit umzugehen ist.”

Ein technischer Weg, mehr Jugendschutz zu gewährleisten, ginge auch über die Gerätehersteller, so Barbara Heuchel vom Kinderschutzbund Rosenheim: „Schutzmechanismen müssen automatisch voreingestellt sein und dürfen nicht erst aktiviert werden müssen.“

Anonymität
und Jugendschutz

Für Laura Paas stellt sich die Frage, wie ein Verbot oder eine Begrenzung konkret umgesetzt werden könnte. Kritiker einer Regulierung führen an, dass beispielsweise durch eine Altersverifikation die Anonymität des Internets verloren gehe. Dies sei aus Grünbichlers Sicht kein Problem, da man heute keinen Onlinekauf mehr ohne Verifikation tätigen kann. Regeln erfordern einen „Spagat zwischen Anonymität und Jugendschutz – das ist eine Mammutaufgabe“, dem ist er sich bewusst.

Auch müsse bei einer Regulierung darauf geachtet werden, dass Kindern und Jugendlichen keine digitalen Räume für Austausch und Schutz verwehrt würden. Doch durch seine Arbeit in der Kinder- und Jugendprävention sieht er täglich, welche Auswirkungen die intensive Nutzung der sozialen Medien in den vergangenen Jahren bereits hatte. „Es ist schon ein Schaden entstanden, und umso ärgerlicher ist es, dass so halbherzig gehandelt wird.“

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