Wirbel um „Siedlungsbrei ohne Struktur“

von Redaktion

Bürgerprotest zum Trotz: Großprojekt im Rosenheimer Norden nimmt weiter Fahrt auf

Rosenheim – Besucher während der Sitzungen des Stadtrats sind eher selten. Noch seltener ist es, dass so viele Besucher kommen, dass die Sitzplätze im großen Sitzungssaal des Rathauses nicht ausreichen. So geschehen am Mittwoch, 25. Februar. Der Grund: Erneut wurde über die Pläne für den Rosenheimer Norden, zwischen Hochschule und Westerndorf St. Peter diskutiert.

Einzelhandel, Wohnungen
und eine Grundschule

Dort, wo sich derzeit noch eine landwirtschaftliche Fläche befindet, soll ein Versorgungszentrum mit Discounter, Vollsortimenter und Drogeriemarkt entstehen. Auch Einzelhandel, Bildungseinrichtungen und Wohnungen sollen auf der circa elf Hektar großen Fläche angesiedelt werden. Zudem sind eine Grundschule inklusive Turnhalle, eine Kindertageseinrichtung, ein fünfgeschossiges Alten- und Pflegeheim, ein Parkhaus sowie hochschulnahes Gewerbe vorgesehen.

Ein großes Projekt, das nicht überall für Begeisterung sorgt. So hatte bereits einen Tag vor der Stadtratssitzung die Interessengemeinschaft „Rosenheim Nord“ zu einer Veranstaltung eingeladen. Unter dem Motto „Fehlplanung stoppen“ informierten die Mitglieder der IG die Bürger über den aktuellen Stand und erläuterten, warum sie mit den bisherigen Plänen so überhaupt nicht einverstanden sind.

Kritik an Dimension
der Bebauung

Rund 100 Bürger waren der Einladung des Vereins gefolgt und lauschten im Gasthof Höhensteiger den Argumentationen der Redner. „Dass im Rosenheimer Norden eine Versorgungslücke besteht und zusätzlicher Wohnraum geschaffen werden muss, ist unbestritten“, heißt es vonseiten der Interessengemeinschaft. Woran man sich störe, sei die Dimension der geplanten Bebauung. „Die aktuelle Planung ist kein Nahversorgungszentrum, sondern ein weitläufiges Gewerbegebiet auf der grünen Wiese, in seiner Größendimension orientiert an Investoreninteressen statt an den Bedarfen der Menschen im Umfeld.“

Die Befürchtungen der IG Nord sind, dass ein derart großflächiges Gewerbegebiet auch überregionale Kunden und damit zusätzlichen Verkehr anzieht. Zugleich würde ein Nahversorgungszentrum die Existenz von bestehenden kleineren Geschäften gefährden.

Problematisch seien zudem der Verlust der Grün-Zäsur – eine gezielt freigehaltene unbebaute Fläche – zwischen Rosenheim und Westerndorf St. Peter und die starke Versiegelung des Bodens. „In diesem als wassersensibel eingestuften Gebiet drohen bei Starkregenereignissen Überschwemmungen“, heißt es von den beiden Vorsitzenden der IG Nord, Dr. Markus Frank und Katja Weilbach.

Zudem würden die neuen Bauflächen die klaren Grenzen zwischen Stadt und Ortsteil vermischen. „Es entsteht ein Siedlungsbrei ohne Struktur. Auch wird die städtebauliche Qualität des Gebiets beeinträchtigt“, sagt Weilbach. Die IG Nord fordert deshalb eine „soziale Stadtentwicklung, die die Interessen der Bürger in den Mittelpunkt stellt“. Neben dem Erhalt der Grün-Zäsur wünschen sie sich einen kleinteiligen Nahversorger, einen vorsichtigen Umgang mit dem wassersensiblen Gebiet und eine „maßvolle Entwicklung von Wohnraum“. Diese Punkte brachte auch Grünen-Stadträtin Anna Rutz während der Stadtratssitzung am Mittwochnachmittag, 25. Februar an. „Wir sind nicht komplett gegen die Bebauung, wir sind nur gegen die Massivität ohne Grün-Zäsur“, sagte sie. Sie kritisierte die fehlende Bürgerbeteiligung und hinterfragte zudem, wieso das Vorhaben nicht Teil des Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzepts (ISEK) war.

Grünen kritisieren
Massivität der Planung

Sie erinnerte an die zahlreichen Stellungnahmen, die Kritik an dem Vorhaben äußerten, darunter die des Bund Naturschutzes, der Regierung von Oberbayern sowie zahlreicher Anwohner. Die Planungen würden in ihren Augen nicht die Wünsche der Bürger in den Vordergrund stellen, sondern die des Investors.

Während Grüne und die Mitglieder der IG Nord sich also klar gegen die Pläne stellten, fiel die Einschätzung der anderen Stadträte während der Sitzung deutlich positiver aus. Dr. Wolfgang Bergmüller, Fraktionsvorsitzender der CSU, erinnerte an die Versorgungslücke im Rosenheimer Norden. „Es braucht ein Nahversorgungszentrum, in dem Waren des täglichen Bedarfs gekauft werden können“, sagte er.

Zudem sei er davon überzeugt, dass sich die Verkehrssituation entspannen würde, da viele Menschen aus dem Norden derzeit in den Aicherpark fahren, um ihre Einkäufe zu erledigen. Hinzu kommt, dass im Rosenheimer Norden nicht nur neue Einkaufsmöglichkeiten entstehen würden, sondern auch preiswerter Wohnraum, Angebote für Senioren und Flächen für die Hochschule.

Abuzar Erdogan, Fraktionsvorsitzender der SPD, erinnerte an die Schließung des Rewe-Marktes an der Ebersberger Straße Ende September 2025. Übrig geblieben sei lediglich der Aldi-Standort an der Möslstraße – mit einer Verkaufsfläche von unter 600 Quadratmetern.

„Es existiert eine richtige
Versorgungslücke“

„Sollte auch dieser Standort einmal schließen, gibt es im Rosenheimer Norden eine richtige Versorgungslücke“, sagte er. Um genau das zu verhindern, müsste die Entwicklung vorangetrieben werden. Deswegen trägt seine Fraktion die Entwicklung mit.

Robert Multrus, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler/UP, setzt sich bereits seit 18 Jahren mit den Planungen im Rosenheimer Norden auseinander. „Es ist erfreulich, dass die Verwaltung das Thema jetzt zügig voranbringt“, sagte er während der Sitzung. Er erinnerte daran, dass ein Gutachten bereits vor vielen Jahren ergeben hatte, dass im Norden eine Versorgungslücke klaffe, die durch die Schließung des Rewe-Marktes noch einmal vergrößert wurde.

Geplanter Ausbau der
Marienberger Straße

„Das ist kein befriedigender Zustand“, sagte Multrus. Während in der Vergangenheit primär ebenerdig geplant wurde, sei der Entwurf jetzt ein deutlicher Fortschritt. Zudem zieht die geplante Bebauung auch eine Verbesserung der verkehrlichen Situation mit sich. So soll unter anderem die Marienberger Straße an die Westerndorfer Straße angebunden werden. Das wiederum führe zu einer Entlastung der Hochschulstraße. Auch entstehe kein Industriegebiet. Vielmehr würde unter anderem zusätzlicher Wohnraum geschaffen werden.

Unterschriftenaktion
möglich – Liste gestartet

Letztlich sprachen sich die Stadträte mit deutlicher Mehrheit für das Projekt aus. Im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung werden die Pläne bald ausgelegt. Schon jetzt ist davon auszugehen, dass die Mitglieder der IG Nord diese Entscheidung nicht einfach so hinnehmen werden. Schon während der Infoveranstaltung wurden Unterschriftenlisten verteilt. Bereits in der Vergangenheit sammelte der Verein über 2.400 Unterschriften gegen das Vorhaben.

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