Rosenheim – Erinnerung, das sind kleine Filme im Kopf, oft auch nur Bilder – Schnappschüsse aus der eigenen Vergangenheit: Der Mensch ist eben ein visuelles Wesen. Dies gilt nicht nur für die persönliche, sondern auch für die kollektive Erinnerung. Es ist daher fast erstaunlich, dass Bilder von der Geschichtswissenschaft lange Zeit nur zur Illustration verwendet wurden. Erst ab den 1970er- und 1980er-Jahren begann man, sie auch als historische Informationsmöglichkeiten anzusehen, und erst allmählich werden sie als Quellenmaterial genauso ernst genommen wie alles Schriftliche.
Dunkelste Taten
im hellen Tageslicht
Diese Entwicklung macht sich derzeit eine Ausstellung im Stadtarchiv zunutze, die die Geschichte der Deportationen im Dritten Reich vor allem mithilfe von Bildern erzählt: Zwischen 1938 und 1945 wurden mehr als 200.000 Juden, Sinti und Roma sowie Opfer des sogenannten „Krankenmordes“ von den Nationalsozialisten aus dem Deutschen Reich deportiert – und vielfach in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet. Diese Deportationen geschahen jedoch – und darauf hebt die Ausstellung besonders ab – nicht nachts oder im Verborgenen. Sie erfolgten am helllichten Tag, vor aller Augen, waren nicht selten regelrecht inszeniert und hatten sehr wohl viele Zuschauer.
Verschleppt wurden
Menschen „wie du und ich“
Es ist schwer zu begreifen, was sich hinter einem abstrakten Wort wie „Deportation“ wirklich verbirgt und welche individuellen Schicksale damit verbunden sind. Bilder haben jedoch eine ganz andere, unmittelbare Wirkung; anders als Worte sprechen sie direkt an. Sie zeigen dabei, dass nicht „irgendwelche anderen“ verschleppt wurden – was schlimm genug wäre –, sondern Bürger mitten aus der Stadt- oder Dorfgesellschaft heraus, Menschen wie du und ich. Die Wanderausstellung, die das Stadtmuseum zeigt, trägt den Titel „Festgehalten. Verschleppt aus Deutschland 1938–1945“. Sie ist ein Kooperationsprojekt, unter anderem des Selma Stern Zentrums für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, der Freien Universität Berlin und des Kulturreferats der Landeshauptstadt München.
Die Ausstellung belässt es nicht nur beim einfachen Zeigen von Bildern. Den Ausstellungsmachern war bewusst, dass die Menschen heute von Bildmaterial geradezu überflutet werden: Pro Tag, so schätzt man, werden weltweit etwa 5,3 Milliarden Bilder aufgenommen oder mehr als 60.000 Fotos in jeder einzelnen Sekunde. Will man daher mithilfe von Bildern wirklich Informationen oder Eindrücke vermitteln, reicht es nicht aus, sie einfach nur zu zeigen. Man muss den Betrachter gewissermaßen an die Hand nehmen, ihm erklären, was darauf wirklich zu sehen ist, und ihn so in das Bild und die Umstände seiner Aufnahme hineinführen. Dr. Maximilian Strnad vom Münchner Kulturreferat erläuterte bei der Ausstellungseröffnung, dass genau dies beim Projekt „LastSeen“ versucht wurde, aus dem die Ausstellung hervorgegangen ist. „LastSeen“ ist im Grunde eine Bilddatenbank zum Thema Deportation. Dort wie in der Ausstellung haben alle Bilder Erläuterungen, die sie nicht nur in den Kontext der Aufnahmesituation stellen, sondern auch bei der Betrachtung helfen. Es wird beschrieben, was darauf eigentlich alles zu sehen ist, gerade auch das, was man nicht auf den ersten Blick erkennt. Sie machen den Betrachter daher zu einem wirklichen Augenzeugen.
Weshalb der Betrachter, so hoffen die Ausstellungsmacher, geradezu zwangsläufig vor die Frage gestellt wird: „Wie hätte eigentlich ich in dieser Situation reagiert?“ Mehr noch: Für Dr. Maximilian Strnad wird die Frage dann besonders bedeutend, wenn man sie leicht verändert und unmittelbar auf die Gegenwart bezieht: „Wie würde ich mich heute gegenüber so einer Situation verhalten?“ Dies ist für ihn in einer Zeit, in der Begriffe wie „Remigration“ im öffentlichen Diskurs zusehends salonfähig werden, kein bloßes Gedankenspiel mehr.
Die Vertreter der Stadt – Kulturamtsleiter Wolfgang Hauck und Dr. Christian Höschler, Leiter des Stadtarchivs – sehen in der Ausstellung einen Beitrag „für den Erhalt unserer wertebasierten Demokratie“. Denn, wie sie sagten, schaffe Erinnerung Bewusstsein, und aus echtem Bewusstsein müsse zwangsläufig ein Gefühl der Verantwortung entstehen. Die rund 40 Besucher der Ausstellungseröffnung sahen dies jedenfalls genauso.