Von Vorurteilen und Integrationsbemühungen

von Redaktion

Bemerkenswerte Lesung mit Autorin Anna Dimitrova in Rosenheim

Rosenheim – Wie viel Anpassung braucht es, um dazuzugehören – und was geht dabei verloren? Mit diesen Fragen setzten sich die achten Klassen des Sebastian-Finsterwalder-Gymnasiums im Rahmen einer Lesung der Kinder- und Jugendbuchautorin Anna Dimitrova kürzlich auseinander. Ein Teil des Jahrgangs hatte zuvor ihren ersten deutschsprachigen Roman „Kanak Kids – Halb angepasst und voll dazwischen“ (2024) gelesen und im Unterricht besprochen.

Als noch junge Autorin hat sich Anna Dimitrova in bemerkenswert kurzer Zeit in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur etabliert. 2025, bereits wenige Jahre nach ihrem Debüt, wurde sie für ihren zweiten Roman „People Pleaser – Eine für alle und alle für sich“ mit dem Korbinian-Paul-Maar-Preis ausgezeichnet; mit „Kanak Kids“ wurde sie im selben Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Der Titel des Romans mag zunächst Irritation auslösen. Doch er verweist auf ein unbequemes und zugleich längst überfälliges Thema, das im modernen Deutschunterricht bislang nur selten behandelt wurde: beidseitige Vorurteile und der innere Zwiespalt zwischen Integrationsbemühung und dem Bewahren einer eigenen Identität mit Migrationsgeschichte. Im Zentrum der Lesung stand das Leben der Protagonistin, die zwischen zwei Welten pendelt: einem städtischen Brennpunkt und einer Innenstadt-Schule, in der sie versucht, möglichst unauffällig und „deutsch“ zu erscheinen, um Ausgrenzung zu vermeiden. Täglich trägt sie dafür eine blonde Perücke und blaue Kontaktlinsen – ein Detail, das sie in ihrem Wohnviertel verbergen muss, denn ihre beiden Lebenswelten hält sie für miteinander unvereinbar. Von beiden Seiten ist sie Vorurteilen und Erwartungen ausgesetzt, die sie bis an die Grenze der Selbstverleugnung drängen.

Besonders eindrücklich wirkten die autobiografischen Bezüge, die Dimitrova offenlegte. Sie berichtete von selbst erlebten Anfeindungen und von tragikomischen Anpassungsversuchen, die sie in ungeschönter Form im Roman verarbeitet. Anhand von Fotografien aus dem realen Münchner Stadtteil Neuperlach, in dem die Handlung spielt und in dem sie selbst aufgewachsen ist, wurde zudem sichtbar, wie stark Lebenswelten auseinanderklaffen können – und wie schnell aus Unkenntnis Abwertung entsteht.

Die Lesung entwickelte sich damit zu einem offenen Austausch sowohl über das Schreiben von Geschichten als auch über Zugehörigkeit, Rassismus, Vorurteile, soziale Ungleichheit und die Voraussetzungen einer gelungenen Integration.

Der Roman erwies sich dabei als geeigneter Ausgangspunkt, um Klischees auf beiden Seiten zu hinterfragen, ohne einfache Antworten zu liefern. Deutlich wurde: Es geht der Autorin nicht um Provokation, sondern um Perspektivierung und Sensibilisierung dafür, welche Auswirkungen Vorurteile auf beiden Seiten haben können, für die eigene Anfälligkeit gegenüber solchen Denkmustern und für die Anerkennung sprachlicher wie lebensweltlicher Vielfalt als Teil unserer gesellschaftlichen Realität.

Die Lesung war nicht nur literarische Begegnung, sondern auch Ausdruck einer gemeinsamen Geschichte der Autorin und der Organisatorin der Veranstaltung, Dajana Dukic, Lehrkraft am SFG: Beide stammen aus dem Münchner Stadtteil Neuperlach, der als Schauplatz des Romans dient. Beide haben einen Migrationshintergrund, sprachen mit 13 Jahren, als Dimitrova gerade erst nach Deutschland gekommen war, in einer Mischung ihrer beiden sich ähnelnden Muttersprachen, Bulgarisch und Serbisch, miteinander.

Im Brennpunkt machten sie gemeinsam ihr Abitur, studierten dann in der Münchner Innenstadt – und stehen heute für Bildungsbiografien, die gängigen Zuschreibungen widersprechen. Die eine als preisgekrönte Kinder- und Jugendbuchautorin, die andere als Deutschlehrerin am Gymnasium. Ein leises, aber eindrückliches Gegenbild zu verbreiteten Vorurteilen.

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