Der weibliche Rechtsruck

von Redaktion

Interview Psychologin Ulrike Taukert erklärt, warum Frauen die AfD wählen und warum sie das besorgt

Rosenheim – Warum wählen Frauen die AfD? Mit dieser Frage hat sich jetzt Psychologin Ulrike Taukert auseinandergesetzt. Ihre Erkenntnisse stellt sie am morgigen Freitag in einem Vortrag vor. Vorab verrät sie einige Details in einem OVB-Exklusivinterview.

Würden Sie uns kurz einen Einblick in Ihre Arbeit geben?

Ich arbeite als Psychologin mit dem Schwerpunkt auf Traumatherapie. Schon seit meiner Schulzeit bin ich politisch interessiert und setze mich bereits seit vielen Jahren für Frieden, Frauenrechte und die Umwelt ein. Ich war lange Zeit bei den Grünen aktiv und engagiere mich bei der Organisation „Terre des Femmes“. Zudem bin ich Gründungsmitglied des Mütterzentrums in Traunstein und beschäftige mich bereits seit längerer Zeit mit dem Thema Rechtsextremismus.

Was ist Ihnen bei Ihren Recherchen aufgefallen?

Mir ist aufgefallen, dass die rechtsextremen Gruppierungen während der Pandemie sehr erstarkt sind. Allerdings waren alle Gruppierungen sehr männerlastig. Von Frauen hat man selten gehört oder gelesen. Im Laufe der Pandemie hat sich das aber gewandelt. Sogar einige Frauen aus meinem Freundeskreis haben plötzlich gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert und Werbung für die AfD gemacht. Auch habe ich festgestellt, dass die Gruppen des politischen Islam fast identische frauenfeindliche Ansichten haben wie rechtsextreme Gruppierungen, nur aus einer anderen Perspektive.

Und das hat Sie neugierig gemacht?

Es hat mich nachdenklich gemacht. Ich wollte wissen, warum sich Frauen für Parteien einsetzen, die doch sehr frauenfeindliche Ansichten haben. Zumindest ist das meine Auffassung als Feministin.

Haben Sie im Rahmen Ihrer Recherche eine Erklärung dafür gefunden, warum sich Frauen trotzdem der AfD anschließen?

Ich denke, es geht dabei viel um gesellschaftspolitische Sichtweisen. Aber auch um Überforderung bei Frauen. Gerade während der Corona-Pandemie waren Frauen von den Maßnahmen betroffen.

Frauen mussten sich um die Familie kümmern, alles zusammenhalten und nebenbei auch ihrer beruflichen Tätigkeit im Homeoffice nachgehen.

Also gibt es seit der Pandemie mehr AfD-Wählerinnen?

Es gibt mehrere Studien, die belegen, dass durch die Pandemie bei den Frauen das Vertrauen in die Politik negativ verändert und teilweise auch erschüttert wurde.

Nach wie vor herrscht bei vielen Menschen eine große Unzufriedenheit. Werden in Zukunft noch mehr Frauen in die AfD eintreten?

Die Sorge besteht auf jeden Fall. Wobei es nach wie vor so ist, dass überwiegend Männer die AfD wählen. Aber ich habe auch in meinem Bekanntenkreis Frauen, die die Einstellungen und Werte der AfD übernommen haben. Sie fühlen sich sicher bei der AfD. Dafür werden auch deren Ansichten zum Rollenverständnis und Frauenbild relativiert.

Wie erreichen rechte Parteien eigentlich ihre Wählerinnen?

Beispielsweise über Videos in den sozialen Medien. Und dann gibt es da natürlich Politikerinnen wie Alice Weidel oder die italienische Politikerin Giorgia Meloni. Die machen keinen schlechten Job, wirken kompetent und sympathisch. Viele Frauen stellen sich dann natürlich die Frage, wie schlimm etwa die AfD sein kann, mit so sympathischen Frauen an der Spitze.

Kann man diese Frauen, die mit der AfD sympathisieren, zu einem Umdenken bewegen?

Das ist schwierig. Ich halte es für wichtig, ihnen zuzuhören und sich auszutauschen. Eventuell gelingt es dadurch, sie noch einmal zum Nachdenken anzuregen.

Interview: Anna Heise

Vortrag in Rosenheim

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