Debatte um Großprojekt im Rosenheimer Norden: Keine Nahversorgung zerstören, die funktioniert

von Redaktion

Zum Artikel „Wirbel um ,Siedlungsbrei ohne Struktur‘“ über die Pläne im Rosenheimer Norden:

Der Projektentwickler des Rosenheimer Nordens hat Recht: Manche fahren in den Aicherpark, um sich mit dem Wocheneinkauf zu versorgen, aber nicht alle. Sonst hätten sich die vielfältigen Geschäfte im Rosenheimer Norden, dem bisher mit fußläufigen Einkaufsmöglichkeiten bestens versorgten Stadtteil, nicht halten können. Zwei Discounter, ein türkischer Frischemarkt mit Metzgerei, mehrere Bäckereien, Cafès, Imbiss, Getränkemärkte und Schreibwaren gibt es bereits im Stadtteil verteilt, sodass man sich mit kurzen Wegen versorgen kann.

Ich beispielsweise fahre in 15 Minuten mit dem Bus in die Stadt zum Drogeriemarkt und nur in den Aicherpark, wenn ich sowieso in den Süden muss. Erst seit der Rewe weg ist, ist eine Lücke entstanden. Ja, bauen wir einen bedarfsorientierten Vollsortimenter, der von vielen Seiten fußläufig mit Fahrrad, mit Bus und Auto erreichbar ist, und lassen wir die bisherigen Geschäfte schön verteilt im Stadtteil weiterleben. Zerstören wir nicht eine Nahversorgung, die funktioniert – verbessern wir sie. Bebauen ja, aber mit dem, was der Stadtteil braucht. Sonst entsteht hier ein in sich abgeschlossenes konsumorientiertes Zentrum, das mehr Verkehr anzieht, als es verhindert.

Regina Georg

Rosenheim

Ich habe aufgehört, mich über Stadtpolitik zu wundern. Ich habe für manche Entscheidungen einfach kein Verständnis, man muss sie zur Kenntnis nehmen.

Ich nehme zur Kenntnis: Nahversorgung bedeutet in den Augen unserer Lokalpolitiker größtmögliche Bebauung für größtmögliche Einkaufsmöglichkeit und größtmögliche neue Gewerbeflächen für – wen eigentlich? Die Anwohner?

Maximale Einkaufsmöglichkeiten bedeuten nicht, dass die Kaufkraft steigt und mehr gekauft wird. Kleine Geschäfte wie der „Netto“ an der Ecke Sudetenlandstraße oder „Özan-Frischemarkt“ in der Lessingstraße sind nach Aussagen des Projektentwicklers nicht vorhanden! Fraglich, ob sie einem neuen Einkaufszentrum standhalten können. Gleiches gilt für den „nahkauf“ in der Erlenau.

Maximale Flächenversiegelung ist kein Problem, offene Fragen bleiben offen: Was passiert bei (zunehmenden) Starkregenereignissen? Was ist mit der fehlenden Abkühlung in der Nacht bei zunehmenden Temperaturen in den nächsten Jahren?

Kinder haben sicher Spaß daran, sich auf einer Parkanlage „auf“ einem Parkhaus auszutoben. Der umgebende Autoverkehr stellt da keine Gefahr dar. Und wenn nicht, können sie ja mit ihren Eltern zum nächsten Abenteuerspielplatz nach Großkarolinenfeld fahren.

Ich kenne niemanden, der hier für den Wocheneinkauf in den Aicherpark fährt. Da gibt es andere Gründe: OBI, Mediamarkt und Co. sind dort. Wer aus diesem Grund dort ist, erledigt auch gleich den Wocheneinkauf mit. Mit einem Nahversorgungszentrum werden mehr Arbeitspendler dort Halt machen – das ist keine Verkehrsentzerrung.

Ich vermisse eine maßvolle Planung „für“ Menschen, „für“ Begegnung und Austausch, „für“ Klimaresilienz und „für“ Lebensqualität für alle. Diese Pläne gehören dringend überarbeitet!

Birgit Graf

Rosenheim

Die Stadtratssitzung, in der über den Rosenheimer Norden entschieden wurde, hinterlässt einige Fragen. Die wichtigste Frage: Ist sich der Stadtrat der Tragweite seiner Entscheidung bewusst? Schließlich wurden Siedlungs- und Baustrukturen beschlossen, mit denen Menschen auch noch in Jahrzehnten zurechtkommen müssen.

Der Klimawandel macht auch vor Rosenheim nicht Halt. Die Schaffung langlebiger Strukturen muss das berücksichtigen, um den Wandel erträglicher zu gestalten. Andere Städte sorgen bereits vor. Der Grüngürtel zwischen der Hochschule und Westerndorf ist dabei sehr wichtig, vor allem zur Wasserspeicherung, zur Temperatursenkung und für die Frischluftzufuhr. All das wurde von der Stadtratsmehrheit nicht reflektiert, sondern ignoriert.

Die Pro-Argumente waren – vielleicht dem Wahlkampf geschuldet – nur auf die Gegenwart bezogen: Gewerbe, Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs, Büros und Wohnraum. Im Kern ist das sicher unstrittig, aber nicht auf Kosten der Zukunft der heutigen Kinder. Drängend scheint der Wunsch zu sein, endlich das Thema Rosenheimer Norden vom Tisch zu bekommen. Der als Entscheidungsgrundlage vorgelegte, noch sehr unkonkrete Plan weist hauptsächlich Gewerbe aus – ohne Eingrenzung der Flächen und ohne Definition des oft zitierten Wohnraums. Stattdessen wurde entgegen der Bedenken und Forderungen der Regierung von Oberbayern so gut wie kein Grün ausgewiesen und ebenso keine Räume, die Lebensqualität schaffen können. Aber oberirdisch sechsstöckige Gebäude (!) „bis zur Kante“.

Warum? Mangelndes Problembewusstsein, Achtlosigkeit gegenüber nachfolgenden Generationen? Ist der Stadtrat nur für die Gegenwart verantwortlich? Muss er nicht auch die langfristigen Interessen unserer Kinder und Enkel berücksichtigen?

Jürgen Störk

Rosenheim

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