Der gestörte Schlaf

von Redaktion

Im Rosenheimer Schlaflabor wird Nacht für Nacht der Schlaf von Patienten untersucht. Unzählige Kabel und Monitore zeichnen jede Regung auf. Die Reportage gibt einen Einblick in die Diagnose von Atemaussetzern und zeigt auf, welche schlimmen Folgen schlechter Schlaf für die Gesundheit haben kann.

Rosenheim – Das Licht in der Praxis ist gedimmt. Vor wenigen Minuten ist die letzte Tür ins Schloss gefallen, seither herrscht Ruhe im Schlaflabor des „Innternisticums“ in Rosenheim. Nur das leise Surren der Lüftungsanlage ist noch zu hören. Der Blick in den weiß gestrichenen Gang lässt nicht erahnen, dass hinter den Türen acht Patienten liegen – mit Elektroden beklebt und allerlei Messgeräten verkabelt. Sie messen diese Nacht die Herzfrequenz, die Atmung und die Hirnaktivität der Schlafenden.

Im Überwachungsraum sitzen die Schlafassistenten Pal Bölcskei und Lotte Scherer ruhig vor acht Bildschirmen. Für sie ist diese Nacht eine unter vielen, in denen sie einen der intimsten Vorgänge von Menschen sehen. Ihren Schlaf.

Sorgfältig
verkabelt

Vier Stunden zuvor: Gegen 19 Uhr klingelt es das erste Mal. Es ist eine 74-jährige Dame, die zur Kontrolle gekommen ist. Sie kennt das Schlaflabor bereits und ist entspannt. Lotte Scherer führt sie in eines der Zimmer. Darin befinden sich Bett, Nachttisch, Ablage, Spiegel und ein kleines Bad mit Dusche. Lediglich die Geräte auf dem Nachttisch und die sorgfältig bereitgelegten Kabel lassen erahnen, dass dies kein Hotelzimmer ist. In den kommenden 30 Minuten klingelt es immer wieder und bald sind die acht Zimmer mit Namen heimischer Seen wie „Chiemsee“, „Simssee“ und „Thansauer See“ belegt.

Unter den Patienten ist auch Gisbert Hendrich. Der 62-Jährige ist Schreiner, wegen einer Allergie aber arbeitsunfähig. Im Herbst war er das erste Mal im Schlaflabor. „Ich habe mich tagsüber immer müde gefühlt und war komplett zerschlagen“, erzählt er. Vom Arzt hat er daraufhin ein kleines Polygraphie-Gerät bekommen, das er eine Nacht lang zu Hause getragen hat. Dieses tragbare Messgerät nennt man auch „kleines Schlaflabor“, denn es gibt erste Hinweise auf eine mögliche Schlafstörung. „Da wurde festgestellt, dass ich 37 Atemaussetzer in einer Stunde hatte“, erinnert sich der 62-Jährige. Eine weitere Nacht im Schlaflabor brachte Gisbert Hendrich dann die Diagnose Schlafapnoe, also nächtliche Atemaussetzer. Gisbert Hendrich bekam daraufhin eine Schlafmaske für die Nase, mit der Luft konstant mit neun Millibar in die Nase strömt. Den Auslöser für die Schlafapnoe kennt die Forschung noch nicht, erklärt Pal Bölcskei. „Die Maske ist kein Heilmittel, aber ein Hilfsmittel.“ Anfangs war Hendrich skeptisch, doch er trägt sie seither jede Nacht. Und die meisten davon sind gute Nächte: „Ich fühle mich knackfrisch und könnte die Welt aus den Angeln heben.“ Das bestätigt auch seine zugehörige App auf dem Handy, die neben dem Sitz der Maske und der Tragedauer auch einen „Schlafscore“ berechnet. Dieser liegt an fast allen Tagen bei über 90 von 100. Heute werden die eingestellten Parameter seiner Maske kontrolliert. Pal Bölcskei wird sehen, ob und wie viele Aussetzer Hendrich noch hat und ob er beim Luftstrom nachjustieren muss.

Gisbert Hendrich sitzt nach dem Ankommen auf der Bettkante in seinem Zimmer und füllt einen Fragebogen aus. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich im Theater eindöse, ist nicht sehr hoch, das kriegt nur eine 1. Aber beim Nachmittagsschläfchen döse ich schon regelmäßig weg.“ Er macht das Kreuz bei der 3, der zweithöchsten Wahrscheinlichkeit.

Etwa eine Stunde später kommt Schlafassistent Pal Bölcskei in Hendrichs Zimmer. Der Patient setzt sich auf sein Bett. Bölcskei klebt ihm EKG-Elektroden an Brust und Bauch. Weitere Elektroden kommen an die Waden. „Damit messen wir Potenziale, die Bewegung bedeuten“, erklärt der Schlafassistent. Mit Haftcreme an den Schläfen und hinter den Ohren befestigte Elektroden messen die Gehirn- und Augenaktivität. Ein Brustgurt misst die Bauchatmung, der Fingersensor die Sauerstoffsättigung. 20 Minuten dauert es, bis Gisbert Hendrich verkabelt ist.

Zum Schluss bekommt der 62-Jährige die Schlafmaske aufgesetzt. Diese pumpt konstant Luft gegen die Nase – auch beim Ausatmen. „Anfangs ist das ungewohnt, weil man beim Ausatmen gegen den Luftstrom atmen muss, aber da gewöhnt man sich schnell dran.“ Auf seine Nachfrage, ob dadurch Lungenfunktion und -volumen trainiert werden, muss ihn Pal Bölcskei aber enttäuschen. „Leider nicht, weil man nur im oberen Bereich atmet.“

Gegen 22.30 Uhr löscht Bölcskei das Licht in Hendrichs Zimmer und wünscht ihm eine gute Nacht. Der letzte Patient ist versorgt. „Der wird schnell einschlafen, er kennt die Maske und die Elektroden ja schon“, ist sich der Schlafassistent sicher. Er geht zu Lotte Scherer in den Kontrollraum – dem einzigen Raum, aus dem noch Licht in den Flur strömt.

Im Kontrollraum fällt das Licht der Straßenlaternen durch die Fenster. Auf den Monitoren wird der Schlaf der Patienten aufgezeichnet. Darüber hinaus flimmern Werte wie der Atemfluss, die Sauerstoffsättigung und der Puls in bunten Kurven über den Bildschirm. Ruhig sitzen Bölcskei und Scherer davor. Nun heißt es beobachten.

Seit fünf Jahren arbeitet Pal Bölcskei im Schlaflabor. Er erkennt anhand weniger Daten, ob ein Patient eine Schlafapnoe hat. Geschlecht, Alter oder Gewicht seien dabei nicht entscheidend, vielmehr werde die Atemstörung vererbt, sagt der Schlafassistent. Und es gibt Anzeichen dafür. „Schnarchen ist ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Es gibt kein gesundes Schnarchen. Entweder ist die Nasenscheidewand krumm oder er hat Atemaussetzer.“ Auch wer tagsüber regelmäßig müde ist, am Morgen Kopfschmerzen oder einen trockenen Mund hat oder nachts oft Wasser lassen muss, sollte eine mögliche Apnoe abklären lassen, empfiehlt Bölcskei.

Denn eine unbehandelte Schlafapnoe kann schwere gesundheitliche Konsequenzen haben. „Für die Betroffenen ist es extrem gefährlich. Wenn der Schlaf nicht gut ist, kann das zu Depressionen, Herzinfarkt, Schlaganfall führen“, sagt Pal Bölcskei. Auch eine Demenz schreitet schneller voran. Denn der Körper bekommt nicht genug Ruhe, wenn er immer wieder aus der Tiefschlafphase gerissen wird. Für Menschen mit der Krankheit Apnoe könne kürzerer Schlaf sogar besser sein, so der Schlafassistent. „Der Körper kämpft die ganze Zeit, weil er keine Luft bekommt. Da kann er nach zehn Stunden noch kaputter sein als nach zwei Stunden Schlaf.“

Blick auf die
Parameter

Bei Gisbert Hendrich scheinen die eingestellten Parameter zu passen. „Er schläft, hat eine ruhige Pulsfrequenz, eine gleichmäßige Atemfrequenz von elf und auch die Sauerstoffsättigung ist konstant“, erklärt Pal Bölcskei. Er hebt sich aus seinem Stuhl nach vorn und zeigt auf die blauen Zahlen. „Auf den ersten Blick passt das gut.“ Bei der 74-jährigen Patientin erhöht er dagegen den Luftdruck in der Nasenmaske, denn sie hat noch immer Atemaussetzer. Dann lehnt er sich wieder zurück in seinen Stuhl.

Für ihn und Lotte Scherer heißt es nun noch einige Stunden warten. „Die schlimmste Phase für mich ist gegen drei Uhr, da nicke ich manchmal kurz ein“, sagt Bölcskei. Immer wieder sind sie aber auch gefordert, zum Beispiel wenn ein Patient auf die Toilette muss und dafür Kabel abgestöpselt werden. Solche Ereignisse werden dann im Bericht zur Nacht notiert. Diesen wertet der Tagdienst zusammen mit den medizinischen Daten aus. Schlussendlich landet die Auswertung dann auf dem Schreibtisch eines Mediziners, der die nächsten Schritte mit dem Patienten bespricht.

Um 4 Uhr wird Gisbert Hendrich kurz wach, schläft aber bald wieder ein. Gegen 5 Uhr wecken Lotte Scherer und Pal Bölcskei mit einem Klopfen an der Zimmertür die Patienten. Die Lichter im Schlaflabor gehen wieder an, auch wenn es draußen noch für eineinhalb Stunden finster ist. Eine solch kurze Nacht sind nicht alle Patienten gewohnt, aber „wenn jemand Atemaussetzer hat, sieht man es auch in der Zeit“, erklärt der Schlafassistent Bölcskei. Für Gisbert Hendrich war es eine gute Nacht. Während draußen der Tag beginnt, endet eine weitere Nacht im Schlaflabor.

Schlafapnoe

Schlafhygiene

Artikel 2 von 11