Hauseinsturz, der Saubräu und eine Kanonenkugel

von Redaktion

Rosenheimer Zeitsprünge Wie sich der Ludwigsplatz in über 100 Jahren verändert hat

Rosenheim/Landkreis – „Rosenheimer Zeitsprünge“ heißt die einmal wöchentlich erscheinende Serie der OVB-Heimatzeitungen, von OVB online und der 24er-Portale. Was darf der Leser beziehungsweise User von der Serie erwarten? Auf alle Fälle tolle Bilder aus den letzten Jahrzehnten, die sich mit einem Vorher/ Nachher-Schieberegler in die Gegenwart verwandeln und mit einem Klick auch vergrößern lassen.

Der Ludwigsplatz ist einer der historisch spannendsten Orte in der Altstadt von Rosenheim. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man erstaunlich viel Geschichte. Die prächtigen Fassaden am Ludwigsplatz spiegeln die Blütezeit Rosenheims wider. Bürgerhäuser mit schmucken Giebeln, historische Gasthäuser und traditionsreiche Geschäfte prägen das Bild. Besonders auffällig ist die St.-Nikolaus-Kirche, deren Turm den Platz überragt und Orientierungspunkt in der Innenstadt ist.

Aus mehreren
Märkten

Der heutige Platz bestand aus mehreren kleinen Märkten. Im „äußeren Markt“ gab es den Eiermarkt (heute Grüner Markt), den Schweinemarkt und den Köstenmarkt (mit Spezialitäten), der sich vom Schuh Reindl bis zum Gietlhaus erstreckte. Erst im 19. Jahrhundert wurden diese Bereiche zusammengelegt und offiziell „Ludwigsplatz“ genannt – nach dem bayerischen König Ludwig I. von Bayern.

Noch heute erinnert einiges an frühere Zeiten, wie der Fischbrunnen, an dem lebende Fische verkauft wurden. Die Händler nutzten das Brunnenwasser, um den Fisch frisch zu halten. Die Figur hält heute noch symbolisch einen Fisch in der Hand.

Und dann gibt es da noch die Geschichte um die Kanonenkugel im Gebäude des Schuhgeschäfts Reindl. Und ja, die Geschichte stimmt tatsächlich. 1810 kam es im Raum Rosenheim zu militärischen Aktionen während der napoleonischen Zeit (Bayern war damals mit Frankreich verbündet). Eine abgefeuerte Kanonenkugel blieb in der Hauswand stecken – und wurde einfach dort belassen. Viele Fußgänger gehen täglich daran vorbei, ohne sie zu bemerken.

Direkt am Ludwigsplatz stand früher ein großes Stadttor: das Inntor. Es trennte den inneren Markt vom äußeren Markt. Unter dem Tor floss sogar ein kleiner Bach (Mühlbach). 1865 wurde das Tor abgerissen, weil es für den Verkehr zu eng geworden war. Heute gibt es ungefähr an dieser Stelle den kleinen Kreisverkehr. Nicht der einzige Kreisel in den vergangenen Jahrzehnten am Ludwigsplatz, weil hier mehrere wichtige Straßen zusammenliefen und -laufen: die Kaiserstraße, die Innstraße, der Max-Josefs-Platz (durch das Mittertor getrennt) und die Königstraße. Wenn man ein bisschen nach oben oder an Hausfassaden schaut, entdeckt man spannende Spuren der Geschichte. Zum Beispiel Hochwassermarken an den Gebäuden. Der Inn war früher deutlich unberechenbarer als heute.

Mehrfach wurde Rosenheim überflutet. An einigen Häusern rund um den Ludwigsplatz sind kleine Markierungen oder Inschriften angebracht, die zeigen, wie hoch das Wasser stand und, in welchem Jahr das Hochwasser war. Bevor es Hausnummern gab, wurden Gebäude durch Hauszeichen erkannt. Am Ludwigsplatz findet man noch ein paar davon, zum Beispiel geschnitzte Tiere, Bierkrüge und Handwerkszeichen. Ein Teil des Platzes war tatsächlich ein Schweinemarkt. Händler brachten ihre Tiere direkt in die Stadt und verkauften sie dort. Dieser Bereich lag ungefähr dort, wo heute der Grüne Markt stattfindet. Die Tiere liefen oft frei herum, Schweine brachen aus und liefen durch die Gassen. Marktbesucher mussten sich in Sicherheit bringen. Der Bereich hieß im Volksmund lange „Saumarkt“. Deshalb wurde das naheliegende Brauhaus „Saubräu“ genannt. Dieses Gebäude (später „Ludwigshof“, heute „Hans im Glück“) war über die Jahrhunderte Brauhaus, Gasthaus, Unterkunft für Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg und sogar kurzfristig ein Kino („Kurbel“) in den 1950er-Jahren.

Am Ludwigsplatz stand am Eingang zum Mittertor das sogenannte Siglhaus. Bei Umbauarbeiten ereignete sich am 1. März 1920 ein schwerer Bauunfall: Das Eckhaus brach kurz nach Mittag seitlich auseinander. Glücklicherweise befanden sich zum Zeitpunkt des Unfalls weder die Hausbewohner, noch die Bauarbeiter, die ihre Mittagspause machten, im Gebäude, sodass niemand verletzt wurde.

Frei aufsteigende
Holzstiege

Bis 1955 prägte das Rußwurmhäusl die Südseite des Ludwigsplatzes. Die beiden Haushälften hatten eigene Eingänge für das untere Stockwerk. Zum ersten Stock gelangte man nur über eine vom Ludwigsplatz aus frei aufsteigende Holzstiege. 1955 musste das Häuschen einem vierstöckigen Werkbau weichen.

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