Rosenheim – Eigentlich ist er in der weiten Welt zu Hause, doch für sein neuestes Projekt tauschte der renommierte Fotograf und Buchautor Peter Gebhard die große Freiheit der Ferne gegen die versteckten Schätze der Heimat ein. Was er dabei alles erlebt hat, erzählt er im OVB-Interview.
Was darf in Ihrem Reisegepäck nicht fehlen?
Natürlich Kommunikationsmittel, sprich Kamera, Drohne, I-Phone, Zettel und Stift. Denn es geht um Geschichten, die man behalten muss. Viel wichtiger ist Flexibilität. Das gilt nicht nur tief im Amazonas oder hoch in den Anden, sondern auch bei meiner Produktion rund um Deutschland. Wenn ich Menschen treffe, versuche ich, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu erzeugen. Dadurch entstehen Geschichten. Etwas, das man nicht kaufen kann.
Bali, Dubai, Sri Lanka: Heutzutage zieht es viele Reisende in die Ferne. Warum haben Sie sich dazu entschieden, durch Deutschland zu touren?
Mein Reisefieber habe ich schon immer. Die ersten Reisen waren Interrail-Touren als Teenager, mit dem Rucksack nach Lappland, Selbstfindung. Im Rahmen meines Fotografiestudiums war ich viel in New York. Es folgten die große Panamericana-Produktion und eine Reise nach Peru. Ich habe so viel gesehen, dass es den Blick nicht nur für das schärft, was unterwegs passiert. Ich wollte mal sehen, wie es zu Hause ist.
Ist das denn interessant?
20 Jahre zuvor hätte ich diese Geschichte nicht machen können. Man muss erst mal Reiseerfahrung haben, um die Antennen zu sensibilisieren für die Schönheit dessen, was da ist. Das ist ein grundsätzliches menschliches Problem. Wir sehen immer nur das, was wir nicht haben. Die Rosenheimer wollen alle an den Gardasee fahren. Seen gibt es auch bei ihnen.
Sie haben schon fast die ganze Welt bereist. Wie unterscheidet sich die Deutschlandtour von Ihren bisherigen Reisen?
Erst mal muss man sich nicht um die Sprache bemühen. Wobei das auch relativ ist, wenn man in der Oberpfalz oder in Niederbayern ist. Scheinbar ist es nicht so exotisch. Die Menschen lernt man durch enorme Flexibilität kennen. Das ist ganz viel Erfahrung. Und das macht es für mich immer noch faszinierend. In Begegnungen ist ganz viel Magie drin. Im Allgäu wollte ich einen alten Schellenriemenmacher treffen. Ich wusste nur in etwa, wo er wohnt. In einer Kurve halte ich an, spreche einen Mann an, frage nach dem Handwerker und er schaut mich nur mit großen Augen an und sagt „das bin ich“. Für ihn gibt es im Film Untertitel.
Welche Erlebnisse aus Bayern sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?
Bei einem Bulli-Fahrer aus Garmisch habe ich in der Garage übernachtet und wir haben gemeinsam einen Ausflug in die Jachenau gemacht. Da sind noch die echten Bayern. Aus einem wunderschönen Hof kam die alte Bäuerin heraus. Der Bulli ist immer eine Einstiegsmöglichkeit. Trotzdem ist es wichtig, den richtigen Ton zu finden. Man ist ja erst mal ein Eindringling. Sie erzählte von ihrer Kindheit in den 1950ern. Die Bäuerin musste acht Kilometer zur Schule gehen und sonntags sind alle in die Kirche gelaufen, weil niemand ein Auto hatte. Eine wunderbare Geschichte im herrlichen oberbayerischen Dialekt.
Waren Sie auch in Rosenheim unterwegs?
In Bayrischzell bin ich auf einer einspurigen Privatstraße durch einen kleinen Tunnel gefahren. In meinem Buch steht auch die Geschichte vom Tatzelwurm, wo sich die Hornissenschwärme gestresster Münchner Biker runterstürzen, statt die Schönheit der Landschaft zu genießen. Die Rossfeld Panoramastraße bin ich mit dem Auto gefahren und am Chiemsee war ich auch kurz. Die Alpenstraße ist in meinem Film ein großes Thema mit tollen Bildern.
Unterscheiden sich Land und Leute in Bayern vom Rest Deutschlands?
Durch die Jahrzehnte auf Tournee mit meinen Veranstaltungen sehe ich die Leute. Die Unterschiede sind enorm, auch hier in Bayern. Eine krasse Charaktergrenze ist der Lech. Alles westlich davon sind Schwaben, die sind vorsichtiger drauf. Die Oberbayern zeigen deutlich, ob es ihnen gefällt oder nicht. Oberbayern hat das Südliche, das Barocke und Üppige. Richtung Bayerischer Wald und Oberfranken wird es rauer. Das zeigt sich auch im Dialekt. In Oberbayern merken viele gar nicht, wie schön es hier ist. Das ist psychologisch spannend zu sehen. Im Bayerischen Wald oder im Osten haben es die Leute klimatisch und wirtschaftlich schwerer. Deswegen sind sie aber nicht automatisch depressiver, sondern ein bisschen zäher.
Kann Bayern für Sie auch Heimat sein?
Es ist Heimat, weil ich immer wieder hierhinkomme. Ich bin kein Bayer, sondern halber Franke. Aber es ist für mich nichts Fremdes und ich nehme von allem etwas auf, das ein Teil von mir ist. Mit den Oberbayern komme ich super gut klar. Heimat ist für mich weniger ein Ort als eher ein Seelenzustand.
Die „360° Deutschland“-Live-Reportage von Peter Gebhard findet am Dienstag, 17. März, um 20 Uhr im Kultur- und Kongresszentrum in Rosenheim statt. Tickets gibt es im Kuko-Webshop oder telefonisch unter 08031/3659365.