Rosenheim – Die ersten Säulen stehen. An den Wänden dazwischen schimmern einige Schriftzüge in einer altertümlichen Schrift in blauer und roter Farbe hervor. In der Mitte des Raumes steht auf einer Empore eine große Statue – von Roms erstem Kaiser Gaius Octavius, besser bekannt als Augustus. „Die kann sich drehen und hat eine besondere Beleuchtung, ein bisschen wie in der Disco“, sagt Arne Schönfeld, Kurator im Rosenheimer Lokschuppen. Er steht im ersten Raum der neuen Ausstellung „Römer – Gesichter eines Weltreiches“ und deutet der Reihe nach auf die Dinge, die Besucher dort bald entdecken können.
Aufbau der Ausstellung
nimmt Form an
Die bunte Farbe zwischen den aufgezeichneten Säulen auf den Wänden und die Wahl der Beleuchtung sind kein Zufall. „Wir wollen gleich zu Beginn zeigen, dass Rom nicht nur aus weißen Marmorsäulen und Männern bestand, die in Togen rumliefen und ernst geschaut haben“, sagt Schönfeld. Vielmehr sei die Stadt damals sehr bunt gewesen, stellt der Kurator klar. Um ihn herum wird gebohrt, gehämmert und geschraubt. Der Aufbau der neuen Ausstellung sei in vollem Gange, sagt Dr. Jennifer Morscheiser, Leiterin des Lokschuppens Rosenheim.
Sie und Arne Schönfeld führen an diesem Tag Pressevertreter durch die Baustelle im Lokschuppen – für einen ersten Blick in die neue „Römer“-Ausstellung sozusagen. Dass es noch an ein paar Ecken fehlt, ist schnell zu erkennen. Ein paar Vitrinen sind leer, in anderen haben bereits eine Tonfigur einer liegenden Frau, alte Amphoren und andere Ausgrabungsstücke ihren Platz gefunden. Auf dem Boden ist von Werkzeug, über lose Kabel und einem Schild eines römischen Soldaten fast alles zu finden.
Mehr als 600 Objekte
werden gezeigt
In wenigen Tagen soll alles fertig sein. „Wir haben noch einiges zu erledigen, mein Puls ist aber noch ruhig“, sagt Morscheiser und lacht. Bis zur Eröffnung müssen über 600 Exponate platziert werden. Das seien im Vergleich zu anderen Ausstellungen „sehr, sehr viele Objekte“. „Und davon sind nur ganz wenige Repliken, das meiste sind wirklich Originale“, betont die Lokschuppen-Leiterin. Einige Fundstücke seien inzwischen aber so fragil, dass ein Transport nach Rosenheim unmöglich ist. So sei zum Beispiel der „Pferdekopf von Waldgirmes“ – der Kopf einer Reiterstatue – eine Nachbildung.
Der Augsburger Siegesaltar kommt hingegen als Original nach Rosenheim. Der rund 1,50 Meter hohe Kalkstein aus der Zeit um 260 nach Christus, ein Altar für die Siegesgöttin Victoria, wurde vor über 30 Jahren bei Bauarbeiten in Augsburg entdeckt. „Er ist fast zwei Tonnen schwer, entsprechend aufwendig war es, diesen mit einem Kran hereinzubekommen“, sagt Morscheiser. Genauso freut sich die Lokschuppen-Leiterin über den „Viergötterstein“, eine rund 400 Kilogramm schwere Säulenbasis einer Jupitergigantensäule.
Darüber hinaus gibt es in der Ausstellung eine Glasperle aus Ägypten, Teile von römischen Waffen, Münzen, Grabfunde aus Speyer und Krefeld, einige Objekte aus dem ungarischen Nationalmuseum sowie Fundstücke aus Privatsammlungen zu sehen. Das Besondere: „Wir haben Originale, die auch von den Besuchern angefasst werden können – das geht sonst nur an ganz wenigen Stellen“, sagt Morscheiser, während sie durch den nächsten Raum der Ausstellung schreitet.
Dort sortiert gerade eine Mitarbeiterin vorsichtig mit blauen Gummihandschuhen ein paar Fibeln auf einem Tisch. An die antiken Gewandnadeln, ähnlich einer Sicherheitsnadel, habe sie in den vergangenen Wochen ein wenig ihr Herz verloren, erzählt Morscheiser. „Daran erkennt man das Modebewusstsein der Menschen damals und die Verspieltheit in der Kleidung“, schwärmt sie. Und sie schiebt hinterher: „Die Ausstellung ist ein Festival der tollen Funde.“
Interaktives Wagenrennen
im Circus Maximus
Relikte aus dem alten Rom seien aber nicht das Einzige, was die Besucher im Lokschuppen bestaunen können. Zudem können sie in einem Raum die weltgrößte Stadt aus Legosteinen bauen, ihre eigene römische Münze prägen – oder ein Live-Wagenrennen bestreiten. Virtuell zumindest. Dafür ist in einem Raum am Ende der Ausstellung der Aufbau eines römischen Pferdewagens angedeutet. Über Lederzügel kann der Wagen gesteuert werden. Das Rennen selbst wird auf eine riesige Leinwand vor dem Wagen projiziert. Das Ganze funktioniere dann wie ein Videospiel, erklärt Raphael Kurig vom Münchner Medienstudio „WerAreVideo“.
Er und sein Team haben das interaktive Wagenrennen über Monate hinweg entwickelt – speziell für die Ausstellung in Rosenheim. „Das war sehr aufwendig“, sagt Kurig, während er ein kleines Video zeigt, in dem die Spielregeln erklärt werden. „Ziel ist es, eineinhalb Runden im Circus Maximus gegen einige Gegner zu fahren“, sagt Kurig. Das dauere ungefähr eine Minute und 30 Sekunden. „Die Bestzeit beim Entwickeln lag allerdings bei 1,17 Minuten – mal schauen, was passiert“, sagt Kurig und lacht.
Eine Reise durch
die römische Geschichte
Für die ganze Ausstellung muss man hingegen ein wenig mehr Zeit mitbringen. „Der Besucher reist einmal komplett durch die römische Geschichte: von 753, als Rom aus dem Ei schlüpfte, bis zum Untergang des Imperiums“, erklärt Jennifer Morscheiser. Die rund 1.200 Jahre Geschichte in eine Ausstellung zu packen, sei das Schwierige gewesen. „Ich musste einige Tode sterben, weil ich einige Sachen gerne noch dazugenommen hätte, es aber irgendwann zu viel geworden wäre“, sagt Morscheiser.
Sie ist aber überzeugt: Die Ausstellung ist gut gelungen. „Es kommen Leute auf ihre Kosten, die die römische Geschichte vertiefen möchten, aber auch die, die zum Beispiel mal eine Waage aus der Zeit ausprobieren möchten. Überfrachtet wird niemand“, sagt die Lokschuppen-Leiterin. Die einzelnen Räume der Ausstellung haben besondere Schwerpunkte, zum Beispiel die Entstehung Roms oder die einzelnen Provinzen wie Gallien oder Spanien.
Für die „Reise durch die römische Vergangenheit“ seien auch zehn fiktive Protagonisten von Fantasy-Autoren geschaffen worden, anhand derer die Geschichte erzählt wird. Unter anderem ein Olivenbauer oder ein Mädchen, das darüber nachdenkt, Latein zu lernen.
„Die Charaktere haben wir fachlich geprüft. Sie sollen einen Einblick in die Gefühlswelt der römischen Menschen geben“, erklärt Morscheiser. Schließlich hätten viele von ihnen ähnliche Sorgen gehabt, wie die Menschen heute, ergänzt Arne Schönfeld. So steht für ihn fest: Die neue Ausstellung ist nicht nur etwas für Geschichts-Nerds, sondern für alle, da vieles im Lokschuppen einen Bezug zum heutigen Leben hat.