Trendgetränk für den Darm

von Redaktion

Interview Gastroenterologe Dr. Stefan Reichel über die vermeintliche „Wunder-Limonade“

Rosenheim – Sie nennt sich selbst „Gesundheitsapostel“ – und macht Werbung für Limo? Die Rede ist von Sport-Influencerin Pamela Reif (29). Bekannt ist sie für ihre schweißtreibenden Workout-Videos und ihr makelloses Aussehen. Nebenbei hat sie noch diverse Produkte auf den Markt gebracht. Und in eine Limo investiert. Und das, obwohl sie laut eigenen Angaben sonst nur Wasser und Tee trinkt. Wie passt das zusammen? Reif macht Werbung für „Super Pop“. Eine Limo, die gut für den Darm sein soll. Doch was ist dran an der Werbung für das Trend-Getränk? Der Rosenheimer Gastroenterologe Dr. Stefan Reichel klärt im OVB-Interview auf.

Die selbst ernannten Limos für den Darm wie „Super Pop“ werben besonders mit Apfelessig – den man teils auch noch ein wenig schmeckt. Was hat Apfelessig mit der Verdauung zu tun?

Apfelessig wirkt grundsätzlich verdauungsfördernd. Zum Beispiel durch Anregung des Speichelflusses und der Magensäureproduktion. Auch Blutzuckerspitzen bei der Nahrungsaufnahme können abgeflacht werden. Darüber hinaus sind antibakterielle Eigenschaften bekannt, die zumindest theoretisch einen positiven Einfluss auf die Darmflora haben. Allerdings gibt es bislang für keinen der oben genannten Punkte harte wissenschaftliche Fakten. Zudem reicht der geringe Anteil von allenfalls gut einem Teelöffel pro Dose eher für einen angenehmen säuerlichen Geschmack als für eine definierte medizinische Wirkung.

Wie bewerten Sie im Allgemeinen die Zutatenliste dieser Limos?

Hauptbestandteile sind Wasser, oft kohlensäurehaltig, da es sich um Limonaden handelt, sowie Ballaststoffe, zum Beispiel Inulin, Dextrin aus Tapioka oder Topinamburextrakt. Letztere gelten als sogenannte Präbiotika, also Nahrung für nützliche Darmbakterien, die die Darmbarriere stärken. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass die wichtigen, sekundären Pflanzenstoffe, die entzündungshemmend, antioxidativ und krebsvorbeugend wirken, nur im „Originalgemüse“ und nicht in einer Ballaststoffauswahl vorhanden sind.

Es wird ja auch damit geworben, dass die Getränke ohne Zucker auskommen.

Süßungsmittel geben Süße ohne oder mit weniger Zucker. Die gesundheitliche Bewertung fällt aber gemischt aus. Positiv sind weniger Kalorien und kein erhöhtes Kariesrisiko. Stevia und Erythrit gelten als unbedenklich, während künstliche Süßstoffe wie Aspartam und Sucralose im Verdacht stehen, die Darmflora nachteilig zu beeinflussen. Darüber hinaus können Sie bei empfindlichen Personen blähend und abführend wirken.

Die Aromen und Fruchtextrakte in den Limos dienen lediglich dem Geschmack und der Farbe. Und Mineralstoffe und Vitamine sind eher als Marketinginstrument für gesundheitsbezogene Aussagen in der Werbung zu sehen und können ebenso gut durch eine ausgewogene Ernährung abgedeckt werden.

Und wie steht es um die Ballaststoffe?

Insgesamt sind sechs Gramm pro Dose enthalten.

Wie viel sollte man durchschnittlich pro Tag zu sich nehmen?

Sechs Gramm Ballaststoffe pro Dose sind bereits eine merkliche Menge. Sie ist zum Beispiel in zwei Scheiben Vollkornbrot oder einer großen Portion Gemüse enthalten. Allerdings sollten Erwachsene laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung mindestens 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag aufnehmen. Somit deckt eine Dose „Super Pop“ also nur circa 20 Prozent der Tagesempfehlung. Der Rest sollte jedoch keinesfalls mit weiteren vier Dosen der Ballaststoffgetränke aufgefüllt werden, sondern mit gesunder Ernährung, verbunden mit einer ausreichenden Trinkmenge, da Ballaststoffe Wasser binden.

Auch Postbiotika sind enthalten. Wozu sind sie gut?

Unter Postbiotika versteht man gesundheitsfördernde inaktive Mikroorganismen oder deren Stoffwechselprodukte. Ihre Wirksamkeit hängt nicht davon ab, dass lebende Bakterien die Reise durch den Magen überleben. Außerdem muss die Limonade deswegen nicht gekühlt werden.

Reicht die Menge im Getränk für einen positiven Einfluss auf den Darm?

Aufgrund der geringen Menge von einigen Milliarden inaktiven Organismen ist angesichts der zig Billionen lebenden Bakterien in unserem Darm kein positiver Einfluss auf das Darmmikrobiom zu erwarten.

Wie gesund sind solche Getränke also wirklich?

Ballaststofflimonaden sind sicher kein Wundermittel für die Darmgesundheit, schaden bei maßvollem Konsum aber auch nicht. Der Hauptnutzen besteht im Ballaststoffgehalt und dem im Vergleich zu herkömmlichen Softdrinks fehlenden oder deutlich reduzierten Zucker. Die restlichen Bestandteile haben allenfalls einen minimalen Anteil hinsichtlich Darmgesundheit. Somit ersetzt der allenfalls kleine Zusatznutzen bei doch recht hohem Preis keinesfalls eine gesunde Ernährung.

Wie kann man stattdessen für einen gesunden Darm sorgen?

Als wichtigster Punkt für eine gesunde und vielfältige Darmflora gilt eine abwechslungsreiche, pflanzenbetonte Ernährung mit ausreichenden Ballaststoffen in Form von Gemüse, Salat, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten und Nüssen. Als Probiotikalieferanten können Naturjoghurt, Kefir, Sauerkraut und Kimchi dienen. Zudem verhelfen regelmäßige Bewegung, eine ausreichende Trinkmenge, Stressabbau und ausreichend Schlaf zum Darmglück. Die Darmlimos können höchstens ein kleiner Booster sein – ein bisschen wie ein überflüssiger Aufzug zum Fitnessstudio im ersten Stock.

Patricia Huber

Artikel 10 von 11